Die Wut der Opfer

Serbien verharmlost den Völkermord in Srebrenica. Deshalb wurde Premierminister Aleksandar Vucic von der Gedenkfeier vertrieben.

Auch 20 Jahre nach dem Massaker gehen die Emotionen hoch: Bodyguards versuchen, den serbischen Ministerpräsidenten Vucic (Mitte) vor der wütenden Menge zu beschützen. (11. Juli 2015)

Auch 20 Jahre nach dem Massaker gehen die Emotionen hoch: Bodyguards versuchen, den serbischen Ministerpräsidenten Vucic (Mitte) vor der wütenden Menge zu beschützen. (11. Juli 2015)

(Bild: AFP Dimitar Dilkoff)

Enver Robelli@enver_robelli

Mit Schuhen und Steinen, Buhrufen und Pfiffen wurde der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic in Srebrenica bedrängt und zum Verlassen der Gedenkzeremonie gezwungen, die am Samstag in der ostbosnischen Stadt stattfand. Vor genau 20 Jahren hatten Truppen der bosnisch-serbischen Armee unter dem Kommando von General Ratko Mladic Srebrenica erobert, die holländischen UNO-Schutztruppen überwältigt und innerhalb von wenigen Tagen nahezu 8000 bosniakische Männer und Knaben ermordet.

Damals war Vucic ein glühender Nationalist. Er unterstützte die Mörderbanden, er war ein übler Kriegshetzer, der für das Propagandaradio der bosnisch-serbischen Militärführung arbeitete, und als der Westen mit Luftangriffen drohte, brüllte Vucic im serbischen Parlament: «Für jeden getöteten Serben werden wir hundert Muslime ermorden.» Auch heute lehnt es Vucic ab, den tausendfachen Mord in Srebrenica als Genozid zu bezeichnen. Für den Internationalen Gerichtshof, das Hauptrechtsprechungsorgan der UNO, für die westlichen Regierungen, auch für die Schweiz, für unzählige Menschenrechtsorganisationen besteht kein Zweifel: In Srebrenica wurde im Juli 1995 erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Genozid auf europäischem Boden verübt.

In Serbien spricht man häufig und verharmlosend von «Ereignissen», «bedauerlichen Zwischenfällen», «einzelnen Verbrechen» in Srebrenica. Kurz vor seiner Ankunft in der ostbosnischen Stadt triumphierte der serbische Ministerpräsident, weil Russland im UNO-Sicherheitsrat eine Resolution blockierte, die das Massaker in Srebrenica als Völkermord bezeichnete. Als mutige Serben in Belgrad der bosnischen Opfer gedenken wollten, verbot das Innenministerium alle Kundgebungen. Dutzende Menschenrechtsaktivisten liessen sich aber nicht einschüchtern, in der Nacht auf Samstag zündeten sie Kerzen an und forderten die Festnahme der mutmasslichen Kriegsverbrecher. Erst in diesem Jahr wurden in Serbien sieben Personen verhaftet, die verdächtigt werden, unschuldige Bosniaken in der Umgebung von Srebrenica ermordet zu haben.

Nicht der geeignete Mann

Die Vertreibung Vucics aus Srebrenica zeigt, dass die Wunden der Vergangenheit noch lange nicht geheilt sind auf dem Balkan. Der Zwischenfall zeigt zudem, dass Politiker wie Vucic – auch wenn sie viel proeuropäische Kreide gefressen haben – doch nicht geeignet sind für die Versöhnung zwischen den Völkern der Region. Vucic ist der Mann, der noch 2007 den Belgrader Zoran-Djindjic-Boulevard in Ratko-Mladic-Boulevard umbenennen wollte. Der prowestliche Ministerpräsident und Habermas-Schüler Djindic wurde von der halbstaatlichen Unterwelt erschossen, mit der Vucic und seine Handlanger enge Beziehungen pflegten.

Die Wut der Überlebenden des Völkermordes in Srebrenica darf niemanden überraschen. Diese Wut richtet sich nicht nur gegen serbische Völkermordleugner, sondern auch gegen die sogenannte internationale Gemeinschaft, die während des Bosnien-Krieges sträflich versagt hat. Die Mordorgie in Srebrenica wäre nicht möglich gewesen, wenn die Vereinten Nationen entschieden interveniert hätten in dem Konflikt. Der Völkermord wäre zu verhindern gewesen, wenn Frankreich und Grossbritannien nicht untätig geblieben wären angesichts der serbischen Aggression. Die Wut der Überlebenden richtete sich am Samstag auch gegen die bosnische Regierung, welche im Juli 1995 die Gefahr einer Attacke durch serbische Streitkräfte unterschätzt hatte und die Zivilbevölkerung Srebrenicas in der Notsituation alleine liess. Für den Völkermord tragen die bosnischen Serben und Serbien die Hauptschuld, aber schämen müssen sich auch sehr viele westliche Staaten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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