Die Verwünschung aus den Sternen

Der italienische Vizepremier Luigi Di Maio liefert sich eine Fehde mit der römischen Zeitung «La Repubblica»: Er wünscht ihr den Tod. 

Filterlose Kanäle zum Volk: Vizepremier Luigi Di Maio träumt den Traum jedes Mächtigen. Foto: EPA, Keystone

Filterlose Kanäle zum Volk: Vizepremier Luigi Di Maio träumt den Traum jedes Mächtigen. Foto: EPA, Keystone

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In der idealen Welt des Luigi Di Maio stört nichts den Fluss seiner Worte. Keine Kritik, kein Nachfragen, vor allem aber kein Nachzählen. Interviewtermine sagt Italiens Vizepremier und Arbeitsminister oft in letzter Minute ab. Auf Pressekonferenzen umgeht er schwierige Fragen gerne mit Exkursen in ganz andere Gefilde, in denen er den einen oder anderen einstudierten Slogan platzieren kann, völlig zusammenhanglos.

Bei Di Maio wirkt es immer so, als habe er alles auswendig gelernt, und das würde, wenn es denn wahr wäre, ein beträchtliches Talent voraussetzen: Der «Capo politico» der Cinque Stelle redet nämlich unentwegt. Er redet in Talkshows mit genehmen Moderatoren, das Publikum bringt er mit. Noch lieber redet Di Maio in Liveschaltungen auf Facebook, wie das auch sein Amtskollege und Koalitionspartner Matteo Salvini fast täglich tut, der Innenminister von der Lega. Beide twittern zudem rege. 

Fernsehen ohne Gegenrede, Facebook, Twitter: Das sind filterlose Kanäle zum Volk, Schnellstrassen in die Köpfe – der Traum jedes Mächtigen. In den Umfragen zu den Wahlabsichten der Italiener stehen die Fünf Sterne und die Lega zusammen nun bei mehr als 60 Prozent. Der Sog der populistischen Propaganda ist so stark, dass er alles mitzureissen droht.

Hart mit den Mächtigen

Doch es gibt noch Medien, die sich dem Sog entgegensetzen, ihn bremsen. Die linksliberale römische Zeitung «La Repubblica», das zweitgrösste Blatt im Land, ist ein solches Medium. Jeden Tag zerlegt sie die Propaganda der Fünf Sterne und der Lega. Sie hinterfragt dafür die Zahlen im Haushaltsplan, spürt der offenbar windigen Berufskarriere von Premier Giuseppe Conte nach, deckt Bigotterien und Skandale auf, Inkompetenzen und Versäumnisse. Investigativ und immer hart mit den Mächtigen – wie man das von einer Zeitung erwartet. 

Di Maio hasst «La Repubblica». Er wünscht ihr recht unverhohlen den Tod. In einem Video auf Facebook sagt er: «Zum Glück sind wir geimpft gegen die Fake News aus den Zeitungen, seit langem schon, und es impfen sich immer mehr Bürger.» Darum lägen sie nun im Sterben, diese Zeitungen. In der Verlagsgruppe, die neben der «Repubblica» auch «La Stampa» und das Nachrichtenmagazin «L’Espresso» herausgibt, seien sie nun schon so weit, dass sie Journalisten entliessen, weil die ihre Zeit damit vertrieben, die «Realität zu verdrehen». Di Maio hört sich ein bisschen wie Donald Trump an. Auch der amerikanische Präsident bezeichnet kritische Medien gerne als moribund.

«Wir haben keine Angst»

Mario Calabresi, Chefredaktor von «La Repubblica», hat einen langen und leidenschaftlichen Leitartikel geschrieben, der von der ersten bis zur dritten Seite der Zeitung reichte – als Antwort auf Di Maios Verwünschung. «Wir sind besorgt um uns und um unser Land», schreibt Calabresi. «Aber Angst haben wir nicht.» Die Zeitung erhielt viele Solidaritätsadressen aus fast allen Lagern, auch von Leuten, die sie oft und hart kritisiert hat, und das sind ziemlich viele.

Wie die meisten Zeitungen im Westen steckt auch «La Repubblica» in einem Strukturwandel. Im Netz aber macht sie das erfolgreichste Newsportal Italiens, mit grossem Abstand, und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Fünf Sterne «La Repubblica» besonders hassen: Sie schwören aufs Netz, es ist ihr Habitat. Ihre Blogs und Newssites füllen sie ganz gerne mit Nachrichten aus russischen Propagandakanälen.

Repubblica.it erreicht viel mehr Leser als alle Plattformen der Sterne zusammen. Doch das Digitale bringt noch immer nicht genügend Geld ein, um die Ausfälle aus dem Printgeschäft wettzumachen. Calabresi schreibt, die Regierung studiere nun ganz gezielt an Massnahmen herum, die das Businessmodell der Blätter weiter schwächen würden, etwa eine höhere Mehrwertsteuer. Grosse Staatsunternehmen wurden offenbar schon angewiesen, fortan möglichst keine Inserate mehr zu schalten. 

Seit Jahren behaupten die Cinque Stelle, Zeitungen wie «La Repubblica» frässen sich an Steuergeldern fett. Die Geschichte von den Subventionen ist eine Fake News, wird aber noch immer täglich verbreitet. Irgendetwas bleibt schon hängen, irgendwo. Es muss nicht wahr sein, es soll nur den Sog stärken, den Hass auf das «System», die «Elite», die «Feinde des Volkes».

Tanzende Milliarden

Manchmal aber werden die Cinque Stelle auch von Medien kritisiert, die ihnen nahestehen. Vor einigen Tagen rechnete «Il Fatto Quotidiano» vor, wie abenteuerlich Di Maio mit Zahlen umgeht. Es ging um die Einführung des «reddito di cittadinanza», des Bürgerlohns, eine Art Grundeinkommen. Di Maio erzählt herum, dank seines «Haushalts des Volkes» würden 6 Millionen bedürftige und arbeitslose Italiener 780 Euro im Monat erhalten. Er habe dafür 10 Milliarden Euro herausgeschlagen im neuen Budget. Möge Brüssel auch toben, keinen Millimeter werde er weichen, das Wohl der Bürger sei ihm wichtiger als einige Dezimalstellen zusätzliches Defizit. 

Hörte sich gut an und blieb eine Weile einfach so stehen. Nun, 6 Millionen (Bürger) mal 780 (Euro) mal zwölf (Monate) macht nicht 10 Milliarden, sondern 56 Milliarden und 160 Millionen Euro. Von wegen Fake News. 

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 18:05 Uhr

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