Die Toten der Krise

Wirtschaftskrise und Spardiktat der Regierungen treiben viele Menschen in den Selbstmord. Zuletzt brachten sich drei Italiener an einem Tag um. Bereits seit 2007 häufen sich die Krisensuizide in Europas Ländern.

Trauermarsch für ein Opfer der Krise: Angehörige von Giuseppe Campaniello, eines Maurers, der im April an den Folgen einer Selbstverbrennung starb.

Trauermarsch für ein Opfer der Krise: Angehörige von Giuseppe Campaniello, eines Maurers, der im April an den Folgen einer Selbstverbrennung starb.

(Bild: AFP)

Generoso A., 49-jährig und arbeitslos, Angelo C., 64-jährig und arbeitslos, Luigi F., 60-jährig und Unternehmer: Das sind die Männer, die sich am letzten Dienstag umgebracht haben. Sie begingen Selbstmord aus «wirtschaftlich motivierten Gründen», wie die Zeitung «Repubblica» berichtet.

Die drei Männer aus der Lombardei und Kampanien figurieren auf der immer länger werdenden Liste von Italienern, die ihrem Leben ein Ende gesetzt haben, weil sie ohne Arbeit, ohne Geld und ohne Perspektiven waren. Manchmal sind es Steuerschulden, die einen Menschen in den Selbstmord treiben. Wie im Fall von Giuseppe Campaniello, einem Maurer aus Bologna, der sich Ende März vor dem Steueramt in seiner Stadt angezündet hatte und ein paar Tage später an den Folgen der Selbstverbrennung starb. Viele jener Menschen, die sich das Leben nehmen, sind Männer, die nicht mehr genug Geld verdienen, um ihre Familien ernähren zu können. Nach Ansicht von Experten ist es offensichtlich: Die Wirtschaftskrise und die Sparpolitik der Regierung führen in Italien zu mehr Selbstmorden.

Begrenzte Aussagekraft der Statistiken

In der öffentlichen Debatte werden diese Selbstmörder «Opfer der Krise» genannt, «vittime della crisi». Deren Zahl liegt laut Medienberichten in diesem Jahr bei 38. Gemäss dem Italienischen Institut für Statistik (Istat) ist die Zahl der wirtschaftlich motivierten Selbstmorde pro Jahr allein zwischen 2005 und 2010 um 52 Prozent auf 187 gestiegen. Diese Statistiken haben allerdings eine begrenzte Aussagekraft, denn sie erfassen nicht diejenigen Personen, die längst aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind.

Das Forschungsinstitut Eures liefert in einer aktuellen Studie andere Zahlen. So lag 2010 die Zahl der Selbstmorde unter den Arbeitslosen bei 362, gegenüber 357 im Jahr 2009. Brauchbare Zahlen für 2011 sind nicht verfügbar, weil die offiziellen Statistiken hinterherhinken. Grundsätzlich zeigen die verfügbaren Statistiken, dass es seit Beginn der Krise im Jahr 2007 einen Aufwärtstrend bei den Selbstmordraten gibt.

Auch der Staat treibt Unternehmer in den Ruin

Ministerpräsident Mario Monti hat seit seinem Amtsantritt im November Italien ein hartes Sparprogramm verordnet, unter dem vor allem der Mittelstand und die Geringverdiener leiden – mit weiteren negativen Auswirkungen. Die Nachfrage nach Konsumgütern ist eingebrochen, die Zahlungsmoral hat sich deutlich verschlechtert. In Stress geraten so Unternehmer, die auf ihren Rechnungen sitzen bleiben, aber auf den noch gar nicht realisierten Gewinn bereits Steuern zahlen müssen. Es gibt immer wieder auch die absurde Situation, dass die schlechte Zahlungsmoral des Staats einen Unternehmer in den Ruin treibt. Dazu kommt, dass die Banken um ihr Geld fürchten und finanziell angeschlagenen Unternehmern kaum Kredite gewähren. Angesichts des löchrigen sozialen Netzes in Italien gibt es berechtigte Ängste, in die Armut zu fallen.

Venetien, eine der wirtschaftsstarken Regionen Italiens, verzeichnet die höchste Suizidrate unter Kleinunternehmern und Besitzern von Handwerksbetrieben. Selbstmordgefährdet sind insbesondere männliche Firmenbesitzer zwischen 35 und 55 Jahren, die ihre Familien an einen hohen Lebensstandard gewöhnt haben. Eine Rolle spielt auch der gesellschaftliche Erfolgszwang im Norden Italiens.

Zunahme der Selbstmorde in Europa schon seit 2007

Eine Häufung der Selbstmorde aus wirtschaftlichen Gründen ist ein Phänomen, das auch in anderen Krisenländern zu beobachten ist, vor allem in Griechenland. Gemäss Medienberichten soll die Zahl der Krisensuizide in den vergangenen beiden Jahren um 40 Prozent gestiegen sein. Im letzten Jahr seien in Griechenland offiziell 450 Fälle gezählt worden.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 in den meisten europäischen Ländern die Zahl der Selbstmorde deutlich hat steigen lassen, insbesondere in Griechenland und Irland. Dies zeigte eine Studie von britischen und amerikanischen Forschern, die im letzten Herbst in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht wurde. Verstärkt werden dürfte dieser Trend durch die harten Sparprogramme, die mittlerweile in vielen Ländern aufgegleist werden mussten. Dieser Trend macht sich derzeit in Italien bemerkbar.

«Radikale Sparpolitik kann Krise in Epidemie verwandeln»

«Die Finanzkrise gefährdet das Leben der normalen Menschen, aber viel gefährlicher sind die radikalen Kürzungen bei der sozialen Sicherung», warnt der britische Soziologe David Stuckler, der seit Jahren die Auswirkungen der Wirtschaftskrise untersucht. Wie er der «New York Times» sagte, «kann eine radikale Sparpolitik eine Krise in eine Epidemie verwandeln».

In Italien ist in den letzten Tagen wieder einmal die Debatte entbrannt um die Frage, wer die politische Verantwortung für die «Opfer der Krise» trage. Ministerpräsident Mario Monti zeigte auf die Vorgängerregierung. Exponenten von Silvio Berlusconis Partito della Libertà gaben den Schwarzen Peter umgehend zurück. Während die Politiker streiten, wird die Krise weitere Opfer fordern.

vin

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