Die Sorge spielt mit am Ort des Terrors

Vor dem EM-Duell Deutschland gegen Polen, das im Stade de France stattfindet, setzen die deutschen Spieler muslimischen Glaubens ein Zeichen gegen den Terror.

Mit dem Spiel im Stade de France will Sami Khedira auch ein Zeichen setzen.

Mit dem Spiel im Stade de France will Sami Khedira auch ein Zeichen setzen.

Enver Robelli@enver_robelli

«Natürlich habe ich mir auf der Fahrt den einen oder anderen Gedanken gemacht. Es kam noch mal einiges in Erinnerung», sagt der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw. Aber er fühlt sich sicher vor dem Spiel gegen Polen. Jérôme Boateng spricht von einer schlimmen Nacht, er meint wie Löw den 13. November 2015, diesen schwarzen Freitag, als islamistische Terroristen mit einer Anschlagsserie die französische Hauptstadt Paris erschütterten. Am Stade de France sprengten sich damals drei Attentäter in die Luft, ein Passant starb. Im Stadion waren die Explosionen deutlich zu hören, Staatschef François Hollande bat die Gäste, Ruhe zu bewahren und sitzen zu bleiben. Die Zuschauer, die gekommen waren, um das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland zu sehen, sollten nicht verunsichert werden. So wurde eine Massenpanik verhindert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn 80'000 Fans panikartig das Stadion verlassen hätten.

Heute Abend spielt die Sorge mit. Die Terrorgefahr in Frankreich bleibt akut, und das Stade de France in Saint-Denis, einem nördlichen Vorort von Paris, ist ein symbolträchtiger Ort. Diese Woche hat ein Sympathisant der Mörderbande Islamischer Staat einen Polizisten und dessen Frau unweit von Paris bestialisch getötet. Die IS-Propaganda läuft auf Hochtouren, ein IS-Sprecher hat kürzlich angekündigt, der Fastenmonat Ramadan, der vor zehn Tagen begonnen hat, werde zu einem «Monat des Desasters für alle Ungläubigen».

In der deutschen Mannschaft spielen auch Muslime. Und sie haben dezidiert Stellung bezogen gegen den Terror im Namen des IS und Allahs. Shkodran Mustafi, ein in Hessen geborener Albaner mit Wurzeln in Mazedonien, sagte der «Frankfurter Rundschau»: «Ich sehe es überhaupt nicht ein, den Terroristen das Feld zu überlassen. Wir werden versuchen, das Spiel zu geniessen.» Der Türke Emre Can bezeichnete die Terroristen als Menschen, die vom Glauben abgefallen seien: «Menschen, die solche Taten begehen, haben keine Religion. Diese Leute sind nicht gläubig.» Mesut Özil, der kürzlich die Pilgerfahrt nach Mekka absolvierte und auf Facebook gefeiert wurde, bezeichnet sich als religiösen Menschen: «So bin ich mit meiner Familie aufgewachsen. Für mich ist es wichtig zu beten. Ich bete auf dem Platz.»

Nach den Anschlägen in Paris und Istanbul zeigte er sich schockiert. Kurz vor Beginn der EM besuchte Özil ein Flüchtlingslager in Jordanien und kickte mit syrischen Kindern um die Wette. Der deutsche Nationalspieler kam auf Einladung der Vereinten Nationen ins Camp. Mit dem Spiel im Stade de France wollen die Muslime Mesut Özil, Sami Khedira, Shkodran Mustafi und Emre Can auch ein Zeichen setzen gegen den Terror.

Belastete Freundschaft

Das Spiel Polen gegen Deutschland findet kurz vor einem wichtigen Jubiläum statt: Vor 25 Jahren, am 17. Juni 1991, wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Nach dem Ende des Kalten Krieges läutete das Abkommen eine Ära der Aussöhnung zwischen den beiden Staaten ein. Am Donnerstag empfängt der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck seinen polnischen Amtskollegen Andrzej Duda, am Freitag wird er zum Gegenbesuch nach Warschau aufbrechen.

Das Spiel im Stade de France ist ein Anlass, die polnisch-deutsche Freundschaft zu zelebrieren, die in letzter Zeit ziemlich belastet ist. Seit Herbst regiert in Warschau die konservative PIS-Partei des Populisten Jaroslaw Kaczynski, die kritische Journalisten mundtot macht, den Rechtsstaat aushöhlt und das Deutschland-Bashing fast zum Volkssport gemacht hat.

Apropos Sport: Von 20 Partien gegen Polen hat die deutsche Mannschaft nur eine verloren. An die Niederlage können sich die meisten Spieler gut erinnern: In der Qualifikation für die Endrunde in Frankreich verlor der Weltmeister 0:2.

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