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Die Schlepper warben per Facebook

Der syrische Kapitän des vor der italienischen Küste aufgegriffenen Frachters Blue Sky M schildert die Überfahrt – und wie er sich später unter die Flüchtlinge mischte.

Bei Gruppen ab 25 Menschen gab es einen Rabatt auf 4500 Dollar: Rund 800 Flüchtlinge waren auf dem in Seenot geratenen alten Frachter «Blue Sky M», hier im süditalienischen Hafen Gallipoli. (31. Dezember 2014)
Bei Gruppen ab 25 Menschen gab es einen Rabatt auf 4500 Dollar: Rund 800 Flüchtlinge waren auf dem in Seenot geratenen alten Frachter «Blue Sky M», hier im süditalienischen Hafen Gallipoli. (31. Dezember 2014)
Nunzio Giov, AFP

Der von den Schleusern angeheuerte Kapitän des Flüchtlingsschiffs «Blue Sky M», das am Dienstag führerlos vor der italienischen Küste aufgegriffen wurde, hat der Polizei nach Zeitungsinformationen die Fahrt des Frachters geschildert. Die Menschenschmuggler hätten ihm 15'000 Dollar geboten sowie die Möglichkeit, seine gesamte Familie mitzunehmen, sagte der 36-jährige Syrer Sarkas Rani laut einem Bericht der Zeitung «La Repubblica» im Verhör der Polizei, die ihn nach der Ankunft des Schiffs im süditalienischen Hafen Gallipoli am Mittwoch festnahm.

Als Flüchtling im Libanon sei er von einem Bekannten kontaktiert worden, der wusste, dass er Schiffskapitän war, sagte Rani. Die beiden Männer hätten sich in Istanbul getroffen und das Geschäft besiegelt. Mit drei weiteren Männern habe er sich auf der «Blue Sky M» eingeschifft. Diese sei vor dem türkischen Hafen Mersin nahe der syrischen Grenze vor Anker gegangen. Nach zwei Tagen habe ein Boot die erste Flüchtlingsgruppe gebracht. Nach vier Tagen seien knapp 800 Menschen an Bord gewesen, sagte Rani dem Bericht zufolge.

Behörden liessen Schiff passieren

Laut «Repubblica» schalteten die Schmuggler eine Anzeige auf Facebook, in der sie eine Überfahrt nach Italien für 5500 Dollar anboten. Bei Gruppen ab 25 Menschen gab es demnach einen Rabatt auf 4500 Dollar. Wie Rani weiter schilderte, wurde das Schiff vor Mersin nie von den türkischen Behörden kontrolliert. Als es voll war, habe er persönlich die Route nach Italien festgelegt. Vor Griechenland habe er wegen der rauen See von den Behörden die Erlaubnis erbeten, in einer Bucht Schutz zu suchen, was ihm gewährt worden sei.

Zu keinem Zeitpunkt hätten die griechischen Behörden das Schiff überprüft, sagte Rani. Die Hafenpolizei hatte das Schiff zwar kontaktiert, nachdem Medien über hunderte Flüchtlinge an Bord berichtet hatten, doch liess sie das Schiff passieren. Als sich das Schiff Italien näherte, setzte Rani es mit sechs Knoten (elf Stundenkilometer) auf Kurs zur Küste und verliess die Brücke, um sich unter die anderen Flüchtlinge zu mischen. Ohne die rechtzeitige Intervention der italienischen Küstenwache wäre das Schiff wohl auf Land gelaufen.

Ohne Treibstoff und Strom

Fünf Seemeilen (neun Kilometer) vor der Küste gelang es Mitgliedern der Küstenwache, sich vom Helikopter auf die «Blue Sky M» abzuseilen und die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen. Am frühen Mittwochmorgen erreichte das Schiff mit 768 Flüchtlingen dann den Hafen Gallipoli. Zwei Tage später wurde ein zweites führerloses Frachtschiff mit 360 Flüchtlingen an Bord vor der italienischen Küste aufgegriffen. Ob sich im Fall der «Ezadeen» die Besatzung absetzte oder unter die Flüchtlinge an Bord mischte, ist unklar.

Die 360 Flüchtlinge an Bord des Schiffs hätten zwischen 4000 bis 8000 Dollar an die Schlepper gezahlt, sagte der Präfekt von Cosenza, Gianfranco Tomao, am Samstag. Gemäss seinen Angaben waren die aus Syrien stammenden Flüchtlinge über Libanon per Flugzeug in die Türkei gereist, wo sie an Bord der «Ezadeen» gingen. Die Flüchtlinge wurden am Samstag auf verschiedene Aufnahmezentren in Kalabrien verteilt, nachdem die «Ezadeen» am späten Freitagabend in den Hafen von Corigliano Calabro geschleppt worden war. Die Behörden waren am Freitagabend auf den rund 50 Jahre alten Viehtransporter aufmerksam geworden, als dieser rund 150 Kilometer vor der süditalienischen Küste ohne Treibstoff und Elektrizität im Meer trieb. Eine Frau alarmierte über Funk die italienische Marine, nachdem die Besatzung die Brücke verlassen hatte.

AFP/sda/thu

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