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«Die Menschen in Sotschi erkennen ihre Stadt nicht mehr»

In zehn Monaten finden in Sotschi die teuersten und extravagantesten Olympischen Winterspiele statt. Der Journalist Thomas Renggli war kürzlich vor Ort und schildert nun seine Eindrücke von «Sotschi 2014».

Für den Olympiapark von Sotschi haben die Veranstalter sechs topmoderne Wettkampfstätten aus dem Boden gestampft. Der «Iceberg»-Eislaufpalast (Bild) ist eine Multifunktionsarena mit einer Kapazität von 12'000 Plätzen. Die Halle, wo Eiskunstlaufen und Shorttrack stattfinden, soll nach den Olympischen Spielen abgebaut und in einer anderen Stadt wieder aufgebaut werden. Dort wird sie aber zu einer Messehalle umfunktioniert.
Für den Olympiapark von Sotschi haben die Veranstalter sechs topmoderne Wettkampfstätten aus dem Boden gestampft. Der «Iceberg»-Eislaufpalast (Bild) ist eine Multifunktionsarena mit einer Kapazität von 12'000 Plätzen. Die Halle, wo Eiskunstlaufen und Shorttrack stattfinden, soll nach den Olympischen Spielen abgebaut und in einer anderen Stadt wieder aufgebaut werden. Dort wird sie aber zu einer Messehalle umfunktioniert.
Omega
Das noch nicht fertig erstellte Olympiastadion auf dem Gelände des Olympiaparks. Das nach dem Kaukasusberg Fisht benannte Stadion bietet 40'000 Zuschauern Platz. Im Fisht-Olympiastadion werden die Eröffnungs- und Schlussfeier der Spiele stattfinden. Nach den Olympischen Winterspielen wird es als Fussballstadion genutzt.
Das noch nicht fertig erstellte Olympiastadion auf dem Gelände des Olympiaparks. Das nach dem Kaukasusberg Fisht benannte Stadion bietet 40'000 Zuschauern Platz. Im Fisht-Olympiastadion werden die Eröffnungs- und Schlussfeier der Spiele stattfinden. Nach den Olympischen Winterspielen wird es als Fussballstadion genutzt.
Omega
Der russische Präsident Wladimir Putin hatte sich höchstpersönlich eingesetzt, um die Olympischen Winterspiele 2014 nach Russland zu holen. In Sotschi besitzt Putin eine Villa, in Krasnaja Poljana geht er regelmässig Skifahren. «Sotschi 2014» ist für Russlands Präsidenten ein Prestigeprojekt.
Der russische Präsident Wladimir Putin hatte sich höchstpersönlich eingesetzt, um die Olympischen Winterspiele 2014 nach Russland zu holen. In Sotschi besitzt Putin eine Villa, in Krasnaja Poljana geht er regelmässig Skifahren. «Sotschi 2014» ist für Russlands Präsidenten ein Prestigeprojekt.
Keystone
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Wer nach Sotschi am Schwarzen Meer reist, wähnt sich nicht an einem Wintersportort. Selbst in den Wintermonaten herrschen milde Temperaturen, das Klima fühlt sich an wie im Mittelmeerraum. Der Badeort an der «russischen Riviera» wird nicht ohne Grund mit Nizza verglichen. Olympische Winterspiele in Nizza? Das ist absolut undenkbar. Olympische Winterspiele in Sotschi? Das ist in rund zehn Monaten Realität.

Die 400'000-Einwohner-Stadt konnte zwar auf dem Skigebiet Krasnaja Poljana in den benachbarten Kaukasus-Bergen aufbauen. Der Rest musste allerdings aus dem Boden gestampft werden. Der Olympiapark mit Olympiastadion und fünf Eissporthallen befindet sich direkt am Meer. «Noch nie gab es Olympische Winterspiele in mediterranen Breitengraden mit alpinen Wettkämpfen in den verschneiten Bergen und Eislauf zwischen Palmen»: Mit diesem Slogan hatte sich die Schwarzmeerstadt um die Spiele 2014 beworben. In der Tat, die Russen scheuen keinen Aufwand und keine Extravaganz.

In 30 Minuten vom Meer in die Berge

«Das ist das absolute Gegenteil der Olympischen Winterspiele, wie sie die Bündner für das Jahr 2022 organisieren wollten», sagt Thomas Renggli, langjähriger Sportjournalist und heute Redaktor der Zeitschrift «Schweizer Illustrierte». Als einziger Schweizer in einer Journalistengruppe hatte Renggli kürzlich die Gelegenheit, sich selber ein Bild über die Arbeiten für «Sotschi 2014» zu machen. Die viertägige Informationsreise hatte der Schweizer Uhrenhersteller Omega organisiert. Omega verantwortet die Zeitmessung an Olympischen Winterspielen und gehört zu den Sponsoren des Grossanlasses.

Renggli bestätigt die allgemeine Erwartung, dass die Russen in Sotschi vom 7. bis 23. Februar 2014 gigantomanische Winterspiele veranstalten werden. Eindrücklich sei auch die infrastrukturelle Kompaktheit des Anlasses. Im Olympiapark seien zu Fuss in wenigen Minuten sämtliche Eishallen zu erreichen. Und die Bergbahnen, die zu den Wettkampfstätten im Kaukasus-Skigebiet führen, könnten vom Olympiapark aus in 28 Eisenbahnminuten erreicht werden, sagt Renggli.

500'000 Kubikmeter Schnee für den Notfall gebunkert

Abgesehen von einzelnen Bauarbeitern, die unmotiviert herumstünden, werde in Sotschi hochprofessionell gearbeitet, sagt Renggli im Gespräch mit Redaktion Tamedia. Mit Ausnahme des 40'000 Zuschauer fassenden Olympiastadions seien inzwischen alle Sportstätten fertig gebaut. Bei den Winterspielen werde alles perfekt organisiert sein, jedes Detail werde stimmen. Die Veranstalter seien auf alle Eventualitäten vorbereitet. Beispielsweise haben sie jetzt schon 500'000 Kubikmeter Schnee gebunkert – für den Fall, dass es im kommenden Februar im Skigebiet Krasnaja Poljana nicht genügend Schnee haben sollte. Allein die Schneelagerung kostet etwa 8,5 Millionen Euro. «Geld spielt in Sotschi keine Rolle», meint Renggli. «Russland will in Sotschi zeigen, dass es eine Weltmacht ist, die Grosses bewirken kann.» «Sotschi 2014» sei für Russland ein Prestigeprojekt – und das Lebenswerk von Präsident Wladimir Putin, der in Sotschi eine Residenz besitzt und dort seit Jahren Ski fahren geht.

Putin hatte sich bei der Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) in Guatemala-City im Juli 2007 höchstpersönlich eingesetzt, um die Olympischen Winterspiele nach Russland zu holen. Letztlich dürfte die Finanzkraft der russischen Kandidatur für den Zuschlag des IOK entscheidend gewesen sein.

Kosten von 37,5 Milliarden Euro, Tendenz steigend

«Sotschi 2014» werde eine Propagandaveranstaltung der russischen Staatsspitze sein, sagt Renggli. Dies habe er auch bei der Informationsreise vor Ort festgestellt. Umwelt- und Korruptionsprobleme seien in den Gesprächen mit den lokalen OK-Leuten kaum ein Thema gewesen. «Die illegalen Mülldeponien, die es bestimmt gibt, haben sie uns nicht gezeigt, ebenso wenig die von Umsiedlungen betroffenen Menschen.» Die Schattenseiten der Olympischen Winterspiele werden nach Ansicht von Renggli weder vor noch während des Anlasses zu sehen sein. Kritische Äusserungen würden von den Veranstaltern stets mit der Bemerkung gekontert, dass es halt immer Kritiker gebe.

Ein berechtigter Anlass für Kritik oder zumindest Fragen sind zum Beispiel die Kosten, die gemäss russischen Medienberichten derzeit bei etwa 37,5 Milliarden Euro liegen, Tendenz steigend. Nur schon die etwa 45 Kilometer lange kombinierte Strassen-Bahn-Verbindung zwischen den Stadien an der Küste und den alpinen Sportstätten im Gebirge mit ihren sechs grossen Tunneln kostet rund sieben Milliarden Euro. Anfänglich waren für die Olympischen Winterspiele 2014 rund 9 Milliarden Euro veranschlagt gewesen. Die Spiele von Sotschi werden die teuersten Winterspiele aller Zeiten sein. Sie werden sogar teurer sein als die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking.

Der Bau der Sprungschanzen zeigt exemplarisch einige der Probleme auf, die zu den explodierenden Kosten geführt haben. Medienberichten zufolge mussten wegen der schlechten Geologie mittlerweile Sicherungsarbeiten vorgenommen werden, um ein Abrutschen der Schanzen zu verhindern.

Auch Spiele der Fussball-WM und Formel-1-Rennen in Sotschi

Eine offene Frage ist auch die Nachhaltigkeit der Winterspiele. Was die Wettkampfstätten im Olympiapark am Meer anbelangt, gibt es mehr oder weniger vage Pläne. Die Curlinghalle zum Beispiel soll abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden. Abgebaut wird auch die Eisschnelllaufarena, die in einer anderen Stadt – zu einer Messehalle umfunktioniert – wieder in Betrieb genommen wird. Im Eishockeystadion wird dereinst eine noch nicht bestimmte Mannschaft der Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) ihre Meisterschaftsspiele austragen. Nicht zuletzt wird Sotschi einer der Spielorte der Fussballweltmeisterschaft von 2018 sein. Und bereits nächstes Jahr soll in der südrussischen Stadt ein Formel-1-Rennen stattfinden.

Die einfachen Menschen schauen mit zwiespältigen Gefühlen «Sotschi 2014» entgegen. Einerseits freuen sie sich auf das Grossereignis. Nicht nur weil der Anlass Russland die Chance bietet, sich als sympathischer Gastgeber und als sportliche Grossmacht zu inszenieren, sondern weil er auch wirtschaftliche Impulse bringt. Vor allem junge Leute sehen neue Arbeitsmöglichkeiten und interessante Lebensperspektiven. Heiratswillige Russinnen, die einen Mann aus dem Westen suchen, sind dem Vernehmen nach aus allen Ecken des riesigen Landes bereits in den Grossraum Sotschi gezogen.

«Die einfachen Menschen wirken ein bisschen verloren»

Andererseits bekommen die Einwohner von Sotschi den rasanten Wandel ihrer Stadt vom Badeort zum ganzjährigen Sportzentrum schon heute negativ zu spüren, so sind zum Beispiel die Wohnungsmieten und Lebensmittelpreise stark angestiegen. Wie Renggli erzählt, wirken die einfachen Leute ein bisschen verloren. «Weil überall gebaut wird, erkennen die Menschen von Sotschi ihre Stadt nicht wieder.» Das sei so, als würden im Zürcher Niederdorf überall Hochhäuser aus dem Boden gestampft.

Allein die Zahl der Hotels wird sich bis Anfang 2014 auf rund 2000 verdreifachen. Bei den Winterspielen werden in Sotschi, wo rund 400'000 Menschen leben, mehrere Hunderttausend Besucher erwartet. Touristen können Sotschi über Moskau mit dem Flugzeug erreichen. Sotschi verfügt über einen eigenen Flughafen, der wegen der Winterspiele inzwischen modernisiert und ausgebaut worden ist. Sotschi-Besucher müssen sich auf einen teuren Aufenthalt einstellen. «Wer nach Sotschi geht, muss viel Geld mitnehmen und eine Kreditkarte ohne Limit», sagt Renggli.

Der langjährige Sportjournalist und heutige «SI»-Redaktor, der seit 1998 alle Olympischen Winterspiele miterlebte, rechnet mit perfekten und begeisternden Spielen in Sotschi. «Es wird grossartig sein, solange die russischen Sportler erfolgreich sind. Und vor allem solange Russlands Eishockeyaner gegen Kanada nicht verlieren.»

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