Zum Hauptinhalt springen

Die Geblendeten – über das Missverständnis der Migration

Smartphones dienen nicht nur als Kompass. Sie zeichnen auch ein falsches Bild von einem Europa, das aus Luxus, Sex und Spass besteht.

«Die gesellschaftliche Utopie ist tot, damit bleibt nur noch die individuelle Utopie»: Ein Mann an Bord eines Rettungsboots auf dem Mittelmeer. Foto: Reuters
«Die gesellschaftliche Utopie ist tot, damit bleibt nur noch die individuelle Utopie»: Ein Mann an Bord eines Rettungsboots auf dem Mittelmeer. Foto: Reuters

Vielleicht ist es ja doch keine so gute Idee gewesen, Joseph Tonda in dieser Nacht in die Slums von Libreville zu folgen, um dort Bwiti Missoko beizuwohnen. Dieses Heilungsritual mag Anthropologen interessieren, ich aber bin wegen Afrikas gesellschaftlicher Gegenwart nach Gabun gekommen. Um in Gesprächen mit dem grossen Soziologen Joseph Tonda zu erkunden, wie sein Begriff der «Afrodystopie» zu verstehen ist. Inwiefern dieses Phänomen mit der Massenmigration von Afrikanern nach Europa zusammenhängt. Und warum Tonda, ein notorischer Querdenker, «Black Panther» als den «afrodystopischsten Film aller Zeiten» beschimpft. «Dystopie» – eine Utopie mit negativem Ausgang – ist jedenfalls eine von Tondas Lieblingsvokabeln, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird.

Bei der Anfahrt hat Tonda für mich das bevorstehende Bwiti-Ritual resümiert: Ein Strick, durch Urwaldmagie zur Schlange geworden, lockt eine andere Schlange – gemeint ist die Krankheit des Patienten – aus dem kranken Körper heraus und verleitet sie zur Paarung. Während des Aktes haue ein Nganga – ein Bwiti-Initiierter – mit einer Machete die einander umschlingenden Schlangen in Stücke und erlöse den Kranken von seinem Leid.

Wie Gespenster

All dies erinnert mich peinlich an meine Zeit in Gabun. Eine Ewigkeit ist das her. 1975 brach ich mein Studium in Paris ab, um Lehrer in Port-Gentil zu werden. Ein Ort am Äquator. Für Europäer gab es dort wenig Abwechslung, ausser durch «Exotik». Rituale von der Art des Bwiti Missoko, die in unseren Augen das «Unverfälschte» im «Eingeborenen» zum Ausdruck brachten. So entstand mein erstes Afrikabild. Für den Moment frage ich mich, was wohl meinen neuen Freund an der Folklore dieser Nacht interessiert. Der Professor und ich sind gleichen Alters, also nicht mehr schrecklich jung. Wir haben uns auf Anhieb prächtig verstanden. Ich mag seine Art des mäandernden Erzählens. Mag auch ganz besonders seinen Humor, der zwischen Spott, Selbstironie und harmloser Blödelei pendelt.

Aber inzwischen ist es halb vier in der Früh, und nichts geschieht. Seit über fünf Stunden hocken wir in einer mit grünen Blättern ausstaffierten Hütte. Tonda wirkt seltsam distanziert. Gelegentlich raunt er mir Phrasen ins Ohr. Etwa, dass diese Hütte die «Wurzeln» der in ihr versammelten Gabuner symbolisiere: ihre «innere Heimat», den «Wald in der Stadt».

Die Stadt? Sie zeigt sich hier nicht von ihrer attraktivsten Seite. Was immer sich die Teilnehmer dieser Zeremonie von ihrem Umzug in die Hauptstadt erträumt haben – laut Tonda wurden die meisten in Urwalddörfern geboren –, es hat sich nicht eingelöst. Nicht in diesem Slum, den sie PK-9 nennen. Der Name bezeichnet ein planlos besiedeltes Territorium aus Brettern, Wellblech und bröckelnden Laterit-Bausteinen. Im Umkreis von zwanzig Kilometern lassen sich hier keine Jobs finden, kein urbaner Wohnkomfort, keine «city lights» gegen die nächtliche Aussichtslosigkeit.

«Jeder hier hat ein Smartphone, sogar die Nganga in den Baströcken.»

Joseph Tonda, Soziologe

Die Hütte – «Tempel», sagt ihr Besitzer, ein dicker Mann in Lendenschurz – steht am Rand eines mit Müll und Kot übersäten Brachlands. Vor dem Eingang verwandeln tropische Regenfluten Erde zu Schlamm. Drinnen zieht ein Heer von Mücken in den Krieg gegen die Menschen. Wie damals: Mücken und Malaria!

Endlich passiert etwas. Auf dem Boden im Zentrum der Hütte nimmt ein zehnjähriges Mädchen Platz. Die Patientin. Ihr dünner Körper zittert. Frenetisches Trommeln setzt ein. Einige der Nganga tragen Baströcke, die Gesichter sind weiss bemalt. Wie Gespenster wirken sie im Licht der Harzfackeln. Ich komme mir vor wie bei einer Touristenshow in einem Strandhotel in Abidjan.

Ein Nganga zieht eine Plastikplane über die Patientin. Ein zweiter hält einen an den Krallen gefesselten Opferhahn; dessen restliche Lebenserwartung schätze ich auf dreissig Sekunden. Das Trommeln wird ohrenbetäubend. Plötzlich erlöschen die Feuer. «Das wollte ich dir zeigen», brüllt Tonda gegen die Trommeln an. «Siehst du die Lichter?» Ja, lauter glänzende Pünktchen, einige bewegen sich.

Glühwürmchen? Urwaldgeister? Smartphones!

«Jeder hier hat eines, sogar die Nganga in den Baströcken», sagt der Professor. «Das ist die Afrodystopie in Reinkultur.»

Das andere Afrika

An dieser Stelle muss man wohl etwas mehr über Joseph Tonda erfahren. Geboren 1952 in einer Urwaldlichtung im Nordosten Gabuns, ging dieser Junge vom Stamm der Kota im benachbarten Kongo-Brazzaville zur Schule. Mit beträchtlichem Erfolg: Zum Lohn für eine Sechser-Matur konnte er in Frankreich studieren – und habilitierte später an der Elitehochschule École des hautes études en sciences sociales, zu deren Absolventen Jacques Derrida, Roland Barthes und Thomas Piketty gehören.

So geriet Joseph Tonda zwischen zwei Welten: Als Soziologiestudent demonstrierte er lautstark gegen Afrikas Diktatoren. Gegen Monster wie Mobutu oder Bokassa, die aus sicherer europäischer Ferne nur wie lächerliche Clowns wirkten. Im Kreise schwarzer Kommilitonen aus verschiedenen Ecken der Frankofonie definierte Tonda eine afrikanische Zukunft entlang den Thesen und Träumen von Frantz Fanon.

Daheim jedoch erwartete ihn das andere Afrika: «Als ich in den Semesterferien in mein Dorf zurückkehrte, wunderten sich die Nachbarn, dass ich noch immer Kota verstand. Sie fragten, warum ich nicht längst weiss geworden sei. Damit meinten sie weniger die Hautfarbe als den Lebensstil. ‹Weiss› ist bei uns, wer keine körperliche Arbeit zu verrichten braucht und stattdessen andere kommandiert. Gabunische ‹Weisse› sind auch daran zu erkennen, dass sie sich in gewähltem Französisch ausdrücken.»

«Wenn wir uns ein perfektes Leben vorstellen, denken wir an Europa.»

Joseph Tonda, Soziologe

Hinter dieser Anekdote lugt die Tragödie der afrikanischen Neuzeit hervor. Seit der Entkolonialisierung Schwarzafrikas Anfang der Sechzigerjahre sei es keinem der neuen Staaten gelungen, für sich eine eigene Zukunft zu erfinden, sagt Joseph Tonda: «Unsere Länder sind unfähig zur Utopie. Wenn wir uns ein perfektes Leben vorstellen, denken wir an Europa.»

Tonda hat aufgehört, die Schuld für Afrikas Übel allein auf die ehemaligen Kolonialmächte zu schieben. Klar, die hochfliegenden Träume von Antikolonialismus und Panafrikanismus stürzten ab in Neokolonialismus und Postkolonialismus. Einige der neuen Staaten probierten den Sozialismus aus, sofern sie substanzielle Hilfe aus der Sowjetunion und Kuba erhielten, wie Angola, Mosambik, Somalia.

Doch alle importierten Utopien endeten in hausgemachten Diktaturen. Besonders hart traf es Zentralafrika: In Kamerun, Äquatorialguinea, der Zentralafrikanischen Republik und den beiden Kongos (mit den Hauptstädten Kinshasa und Brazzaville) versank die Hoffnung auf die bessere Zukunft in den massiven Plündereien durch Ein-Parteien-Regime und Lebenszeit-Präsidenten.

«Wir müssen uns mit einer albtraumartigen Gegenwart abfinden, die nur Lust auf Exodus macht.»

Joseph Tonda, Soziologe

In Gabun geht die Staatskatastrophe auf das Konto einer Familie. Auf den 1967 an die Macht gelangten Omar Bongo folgte dessen Sohn Ali Bongo, der seit 2009 regiert. Das macht über ein halbes Jahrhundert Bongo-Business. Das Ergebnis könnte kaum deprimierender sein. Dabei hätte sich doch gerade Gabun zu einer afrikanischen Erfolgsstory entwickeln können. Dank Bodenschätzen – Erdöl, Mangan, Gold, Uran – sowie des massenhaften Exports von Edelhölzern gehört Gabun zu den reichsten Ländern des Kontinents. Und es braucht nur zwei Millionen Einwohner zu ernähren!

Fast 20'000 US-Dollar beträgt das gabunische Pro-Kopf-Einkommen im Jahr. Das ist enorm viel im Vergleich zu Ländern wie Niger, Mali, Senegal oder sogar Südafrika. Allerdings landen neunzig Prozent des Bruttosozialprodukts in den Taschen der oberen zehn Prozent, während achtzig Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze siechen. Mehr muss man über diese «Volkswirtschaft» gar nicht wissen.

«Als Gesellschaft besitzt Gabun nicht mehr die geringste positive Zukunftsvorstellung», sagt Tonda. «Stattdessen müssen wir uns mit einer albtraumartigen Gegenwart abfinden, die nur Lust auf Exodus macht – auf ein anderes Leben in Europa.»

Sadistische Alltagsdiktatur

Das derzeit sichtbarste Wahrzeichen des täglichen Albtraums in Libreville sind Müllhalden. Sie erheben sich überall, sogar im Geschäftszentrum der Hauptstadt. Die marokkanische Firma, die zuvor die Abfälle aufsammelte, hat ihre Dienste wegen nicht geleisteter Zahlungen in Höhe von über zwanzig Millionen Euro eingestellt. Die Bewohner der städtischen Mülllandschaften klagen über immer mehr Ratten und Schlangen.

Für Tonda ist all dies «Bestandteil eines Dauerzustands, in dem nichts mehr funktioniert». Etwa auf den Ämtern. Wer es mit Gabuns Behörden zu tun bekommt, muss leiden: durch endloses Schlangestehen vor Schaltern, wo griesgrämige Beamte darauf spezialisiert sind, mit verachtender Miene Absagen zu erteilen. Eine Alltagsdiktatur, in sadistischer Sorgfalt ausgeübt von Ein-bisschen-Mächtigen gegen Total-Ohnmächtige.

Auch die meisten Gebäude sind in verheerendem Zustand. Neues verfällt schnell, Kaputtes wird selten repariert. Ganze Viertel müssen oft tagelang, wenn nicht ewig, auf die Versorgung mit Strom und Wasser warten.

Viel Abfall, Dreck und Armut: Ein Mann in Libreville gelangt nur über Reifen in sein Haus. Foto: Keystone
Viel Abfall, Dreck und Armut: Ein Mann in Libreville gelangt nur über Reifen in sein Haus. Foto: Keystone

Deshalb hat Joseph Tonda kürzlich einen Brunnen gegraben. Vor zehn Jahren hatte er mit dem Bau eines Hauses am Rand von Libreville begonnen. 2015 schien das ersehnte Heim endlich so weit fortgeschritten, dass er und seine Frau Yolande sich zum Einzug entschlossen. «Doch erst vor wenigen Wochen wurden wir ans Stromnetz angeschlossen. Die Hoffnung auf fliessendes Wasser haben wir aufgegeben.» Jeden Morgen, bevor er zur Uni fährt, schöpft der Professor für Soziologie nun aus fünf Meter Tiefe vierzig bis fünfzig Liter Wasser für den täglichen Haushalt.

Sein Fazit: «Die meisten Gabuner wünschten, sie könnten weg von hier. Irgendwie, irgendwohin. Die gesellschaftliche Utopie ist tot, damit bleibt nur noch die Möglichkeit einer individuellen Utopie. Konkret heisst das: auswandern oder sich in eine Schweinwelt permanenter Zerstreuung zurückziehen. In beiden Fällen braucht man vor allem eins: das Smartphone.»

Diese Erkenntnis hat es schwer, in das Bewusstsein von Europäern durchzudringen. Unsere Debatten zu Migration drehen sich meistens nur um Pro und Kontra. Um «Wir schaffen das» gegen «Macht die Grenzen dicht». Was für Afrikaner es sind, die ihr Leben in der Sahara und im Mittelmeer aufs Spiel setzen, wird uns selten klar. Sind es die Bedürftigen oder die Bessergestellten? Wurzelt ihr Wagemut in Verzweiflung oder Abenteuerlust? Haben sie eine Ahnung von der Realität, die in Europa auf sie wartet? Oder folgen sie blind ihren Wunschträumen?

Henry

Meine erste Begegnung mit Migranten geht auf das Jahr 2002 zurück. Im Norden Nigers passierte ich einen spektakulär überladenen Lastwagen. Ich hielt an und freute mich über den beruflichen Glücksfall. Auf einem Berg dicker Säcke lagerten da an die hundert Passagiere aus Ghana und Nigeria. Ihre Fahrt führte sie von Agadez, Nigers «Tor zur Wüste», in den Süden Libyens. Eine sehr berüchtigte Strecke: Blieb ein Wagen mit Motorschaden liegen, verdursteten oft alle Passagiere.

Ich stieg auf und fuhr eine Weile mit. So lernte ich Henry kennen. Der Dreissigjährige war deutlich älter als seine Weggefährten, die ihn daher als Wortführer akzeptierten. Henry war Journalist in Ghanas Hauptstadt Accra und gedachte, als Englischlehrer in Europa das Zehnfache seines früheren Gehaltes zu verdienen. Auf jeden Fall konnte Henry gut mit Sprache umgehen. «We all come from cities. Now we want to see other cities, richer ones!», notierte ich seine Worte. Was ihn im neuen Leben erwarten würde, glaubte Henry auf dem Display seines Smartphones zu erkennen: Fotos von einem Freund, der in einer europäischen Grossstadt posierte, in einer Küche mit Ikea-Look, beim winterlichen Bummel durch ein von Schaufenstern erleuchtetes Einkaufsviertel und so weiter.

«Wer daheim bleibt, bereitet seinen Eltern Schande.»

Afrikanischer Migrant

Im Vergleich zum ewigen Sommer von Accra wirkte der Ort paradiesisch. Saubere Strassen, alle Autos wie neu. In Parka und Boots wirkte Henrys Freund total cool – ein Neo-Europäer, der jeden Monat Geld an seine Familie in Afrika überweisen konnte. «Wir Ghanaer fühlen uns dem Reichtum verpflichtet», sagte Henry in einem seiner druckreifen Sätze. «Wir wollen nicht einfach nur überleben; wir wollen gut leben! Ausserdem geht es um Prestige: Wer aufbricht, um sein Glück in der Ferne zu suchen, ist ein Held. Wer daheim bleibt, bereitet seinen Eltern Schande.»

Vielleicht war Henry nicht typisch für alle auf dem Lastwagen. Allen gemein war jedoch die Faszination für die damals noch neue Bilderflut. Manche hatten auf ihren Mobiltelefonen Werbefotos gespeichert: Luxusautos, Designerklamotten, Hightech-Kram. Und Bilder des ghanaischen Superstars Samuel Kuffour von Bayern München. Das Smartphone war der neue «Fetisch», wie Joseph Tonda es heute nennt. Fast magisch verschaffte es Zutritt zu einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten. Wie einst der Traum von Amerika. Nur viel echter und lebendiger. Weil man nicht einmal mehr die eigene Fantasie zu bemühen brauchte. Ein Klick – und das reale Eden leuchtete auf dem Bildschirm.

Die Macht der Bilder

Dieser Passus aus meiner damaligen Sahara-Reportage brachte mir böse Leserbriefe ein. Wie, fragten manche entrüstet, konnte ich «verzweifelte Menschen», die nur dem «Elend entfliehen» wollten, auf eine derart geschmacklose Weise darstellen?

Mir wurde klar, in welchem Masse dieses Migrantenporträt im Gegensatz zu der in Europa herrschenden Afrika-Vorstellung stand. Diese war noch immer geprägt von den Bildern der äthiopischen Hungerkatastrophe 1984/85 mit über einer Million Opfer.

Jeder, der sich daran erinnert, hat noch die Porträts des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado vor Augen. Seine Bilder, geschossen in Schwarz-Weiss, waren – wunderschön. Sie zierten die Wände von Villen in Europa und USA. Als Zeugnis dafür, dass sich der Käufer solch sehr teurer «Original Prints» von dieser Tragödie betroffen fühlte. Es wurde auch Kritik an der offensichtlichen Ästhetisierung von Leid in Afrika laut. Doch bei weitem überwog das Argument, Salgados skeletthaften Äthiopiern hafte etwas «Biblisches» an, das beim Betrachter «Respekt vor der Würde» der Verhungernden hervorrufe.

Macht der Bilder. In diesem Fall erklärt sie, wie fast zwanzig Jahre nach Salgados Hungerfotos die meisten in Europa noch instinktiv der Meinung waren, Afrikas «Flüchtlinge» stammten logischerweise aus einem ländlichen Milieu, wo nichts mehr wächst und gedeiht.

Die Verbreitung des Smartphones verläuft in etwa parallel zum Anwachsen der Migrationsströme.

Aber es war nur ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Weltherrschaft des Bildes dank digitaler Revolution. Seither verläuft die Verbreitung des Smartphones in etwa parallel zum Anwachsen der Migrationsströme. 2002, im Jahr meiner Begegnung mit Henry, besassen acht Prozent der Ghanaer ein Handy; 2014 waren es 83 Prozent. 2021, schätzt das britische Marktforschungsinstitut Ovum, werde die Zahl afrikanischer Smartphone-Benutzer über 900 Millionen betragen.

Für Aufregung hat in Frankreich das jüngste Buch von Stephen Smith gesorgt, «La ruée vers l’Europe». Die deutsche Übersetzung erschien soeben unter dem Titel «Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent». Der Amerikaner, der an der Duke University Afrikanistik lehrt, hat zuvor viele Jahre als Afrika-Korrespondent der links orientierten Pariser Zeitungen «Libération» und «Le Monde» gearbeitet. Nun wird ihm vorgeworfen, seine Thesen zum Thema Migration seien Wasser auf die Mühlen europäischer Rechtspopulisten.

Tatsächlich argumentiert Smith mit Zahlen, die empfindsamen EU-Bürgern Angst machen müssen: Im Jahr 2050 – also in nur einer Generation – werde Europa die Heimat von 450 Millionen meist älteren Menschen sein, während Afrika bis dahin rund 2,5 Milliarden überwiegend junge Einwohner zähle. Laut einer Gallup-Umfrage träume fast die Hälfte aller Afrikaner im Alter zwischen 15 und 25 Jahren nur vom Auswandern. Ausserdem stehe eine weitere Bevölkerungsexplosion bevor. Also werde es in absehbarer Zeit zu einer noch viel grösseren Migrationswelle kommen, so Smith.

Die Mär der Hungerflucht

Die Prognose hält mein Freund Joseph für Humbug: «Das Phantasma einer Invasion durch Horden von Schwarzen, die sich ständig vermehren, ist eurodystopische Panikmache!»

In anderen Punkten hingegen stimmt der Soziologe aus Gabun mit dem Afrikanisten aus Amerika überein. Etwa was die ökonomischen Voraussetzungen für die Migration betrifft: Jene, die nach Europa aufbrechen, gehören nicht zu den Ärmsten, sie sind die Söhne und Töchter der afrikanischen Mittelschicht.

Was mich an Europas Migrationsdebatte stört, sind nicht allein Hass, Furcht und Dummheit aus der rechtsextremen Ecke, sondern auch die blinde Sturheit jener, die ausschliesslich allerdramatischste Gründe für die Massenflucht nach Europa gelten lassen wollen – wenn nicht politische Gewalt, so doch zumindest Hungersnöte, ausgelöst durch Dürren infolge von Klimawandel. Mit derlei Vereinfachungen ist niemandem geholfen und nichts erklärt. Denn sie implizieren, dass die Opfer direkt vom verdorrten Acker nach Europa flüchten.

Solche Bilder machen vielen Europäern Angst: Afrikanische Migranten, die auf dem Mittelmeer gerettet wurdem, kommen im spanischen Malaga an. Foto: Reuters
Solche Bilder machen vielen Europäern Angst: Afrikanische Migranten, die auf dem Mittelmeer gerettet wurdem, kommen im spanischen Malaga an. Foto: Reuters

Das aber, betonen sowohl Smith als auch Tonda, ist völlig ausgeschlossen. Die erste Flucht aus dem Dorf führt immer in die nächste Stadt. Die Jungen gehen fort, weil sie auf dem Land keine Zukunft für sich sehen. Oder um der Autorität der Älteren zu entkommen. Im dörflichen Afrika hat nur etwas zu sagen, wer schon in Weisheit ergraut ist. Die Jungen sollen gehorchen, Kinder zeugen und abwarten, bis auch sie alt genug geworden sind, damit die Jüngeren ihnen schweigend zuhören müssen.

Solchen Zwängen entkommen zu wollen, sei normal, weiss Tonda aus eigener Erfahrung: «Aber ich kenne niemanden, der es aus einem afrikanischen Dorf direkt nach Europa geschafft hat. Ins PK-9 gewiss, aber nicht nach Paris!»

Der Bevölkerungsanteil jener, die im ruralen Teil Schwarzafrikas über Zugang zu Elektrizität verfügen, beträgt sieben Prozent. Wie sollte es für jemanden in solchen Verhältnissen möglich sein, 2000 Euro – das mehrfache Jahreseinkommen eines Bauern – für einen Fluchtversuch aufzubringen?

Die Migration nach Europa gelingt frühestens den im urbanen Milieu aufgewachsenen Kindern afrikanischer Landflüchtlinge. Entwicklungshilfe fördere dabei den Sprung nach Europa, sagt Smith. Jedenfalls sei die Zahl der Migranten deutlich gestiegen, seit es den Städten des Kontinents wirtschaftlich besser gehe. Dank der Entwicklungshilfe werde die Auswanderung ein «mögliches Projekt».

Kompass des 21. Jahrhunderts

Für die Zukunft des alten Afrika ist die Massenflucht katastrophal. Denn jene, die nach Europa aufbrechen, sind nicht die Greisen und Schwachen. Es sind die Jungen mit dem grössten Mut, der meisten Energie und der nötigen Willenskraft. Jene also, die für die Entwicklung ihrer Herkunftsländer am meisten fehlen werden. Und jene, die als Erste ein Handy haben.

Ein Artikel der in Paris ansässigen NGO La Maison des Journalistes beschreibt das Smartphone zu Recht als das Wahrzeichen des modernen Migranten und als «Kompass des 21. Jahrhunderts». Schon vor der Abreise aus der alten Heimat könne sein Besitzer online Transportmittel und Schleuser ausfindig machen. Bei der Ankunft in Europa diene das Smartphone als erster Übersetzer.

Soziale Medien verbinden mit anderen Migranten, die nützliche Tipps geben können.

Nicht zu vergessen: Während der Reise kann der vernetzte Migrant die Familie daheim über Facebook, Viber, Whatsapp beruhigen. Soziale Medien verbinden ihn auch mit anderen Migranten, die ihn mit nützlichen Tipps versorgen können. Und dank GPS weiss er stets, wo er sich befindet. Das Einzige, was er braucht, ist Empfang.

Stimmt alles, beschreibt aber nur die halbe Smartphone-Sphäre. Die andere Hälfte ist das Forschungsgebiet von Joseph Tonda. Als afrikanischer Soziologe interessiert er sich mehr für jene, die in seiner «Afrodystopie» zurückbleiben. Die meisten Migranten, die über die Sahara-Mittelmeer-Route Europa erreichen, kommen aus Ghana, Nigeria, Gambia, Guinea und der Elfenbeinküste. Aus Gabun kommt niemand.

Ein Grund dafür ist die Geografie. Das Urwaldland lässt sich nicht so einfach per Bus oder im Sammeltaxi verlassen. Wem es zu Fuss gelingt, der gelangt in eines der beiden Kongos, Brazzaville oder Kinshasa. Auch diese Länder sind weiss Gott keine guten Ausgangspunkte für eine Weiterreise zum Mittelmeer.

So bleibt Gabunern nur der Ausweg über die Luft. Mit Air France ist Paris sieben Stunden von Libreville entfernt. Jedenfalls für Privilegierte wie Joseph Tonda, der regelmässig und all-inclusive zu Vorträgen oder Seminaren nach Frankreich und Belgien eingeladen wird und daher über ein Dauervisum für den Schengen-Raum verfügt.

Alles bröckelt, fault vor sich hin. Der Geruch ist erbärmlich.

Für die Mehrheit seiner Landsleute jedoch, sagt mein Freund, sei der Luftsprung nach Paris reine Theorie: «Die finanziellen und administrativen Hürden sind einfach zu hoch. Also richten sich Gabuner und andere Zentralafrikaner in einer fatalen ‹Unter-Welt› ein, die in ihrem Dafürhalten und gemäss der Erfahrungen vorangehender Generationen nicht verbesserbar ist.»

Ein paar Tage später sitzen wir im Flugzeug nach Port-Gentil. Ich habe Tonda dazu überredet, mich an meinen alten Wohn- und Arbeitsort zu begleiten. Mit dem Flieger sind es von Libreville 25 Minuten, einen Landweg gibt es nicht.

Die Rückkehr

Der Anflug verschafft Passagieren jene Art von Überblick, die Erdkundelehrer in Trance versetzt: Vor den Stränden ragen Bohrinseln aus dem Atlantik – Port-Gentil, wird sofort klar, ist die capitale économique du Gabon. Erdöl war auch der Grund, weshalb Frankreich so lange an Gabun festgehalten hat. Die Kolonialmacht hatte hier viel investiert; exportiert werden konnte das Öl jedoch erst ab 1958, also kurz vor der Unabhängigkeit. Deshalb war die postkoloniale Kontrolle im neuen Staat besonders eisern. Über Port-Gentil, und damit über ganz Gabun, herrschte der französische Ölkonzern Elf Aquitaine, der sich hierzulande höflich Elf Gabon nannte.

Natürlich bin ich gespannt, wie der Ort heute aussieht. Zurück in meinem ersten Afrika, 43 Jahre später! Das Wiedersehen ist ernüchternd. Wir stellen unser Gepäck im Hotel ab, machen einen ersten Erkundungsgang. Die Stadt sieht noch schlimmer aus als Libreville. Alles bröckelt, fault vor sich hin. Auch Port-Gentil ist ohne Müllabfuhr. Als Abfalldeponien dienen die Aussenseiten von Friedhofsmauern. Der Geruch ist erbärmlich.

Heruntergekommen: Eine Frau verkauft in Port-Gentil am Strassenrand Gemüse. Foto: Keystone
Heruntergekommen: Eine Frau verkauft in Port-Gentil am Strassenrand Gemüse. Foto: Keystone

Genau genommen ist es gar kein Wiedersehen. Denn vergeblich halte ich Ausschau nach Bildern, die mir vertraut sind. Etwa mein altes Gymnasium. Aber nichts kommt mir mehr bekannt vor. Nur das Cinéma Ogooué, inzwischen eine riesige Ruine. Der davor sitzende Wächter sagt, der Bau solle eine evangelikale Kirche werden: «Da kommt wieder Leben rein!»

Garantiert. Die zahllosen Singsang-Sekten mit den Paradies-Versprechen gehören zur Afrodystopie wie das Feuer zur Hölle. Auf diesem Gebiet kann es kein anderer Erdteil mit Afrika aufnehmen: 200 Millionen «Gläubige» – mehr als auf allen übrigen Kontinenten zusammen.

Selten hat mich eine Reise derart deprimiert.

Selten hat mich eine Reise derart deprimiert. Vielleicht, weil ich in Port-Gentil nicht in der gewohnten Reporterrolle bin, sondern eher in der eines Touristen in seiner eigenen Vergangenheit.

Als es dunkel wird – am Äquator immer um 18 Uhr –, lädt Joseph mich zum Essen ein. Wir sind längst per Du, heute stellt er mir mehr Fragen als ich ihm. «Woran erinnerst du dich denn überhaupt noch?», fragt er, als wir uns erschöpft auf der Terrasse eines Fast-Food-Cafés am schifflosen Hafen niederlassen.

Meine Erinnerung an das gabunische Schuljahr 1975/76 beschränkt sich auf ein paar Bilder, die sich zu dem Puzzle einer Karikatur zusammenfügen. Weisse wohnten in Häusern, die sie Villas nannten. Unser soziales Hauptritual war der allabendliche Aperitif. Es war wichtig zu wissen, wer wen zu sich einlud und worüber dabei geredet wurde. In der Regel servierte der «Boy» den Apéro auf der Gartenterrasse. Im Qualm von Anti-Mücken-Spiralen drehten sich die Gespräche meist um andere Weisse in Port-Gentil und um schmeichelhafte Antworten auf die Frage: «Warum können die Gabuner uns nicht ersetzen?» Dann gab es den Klub. Er lag vor der Stadt, mit einem feinen Sandstrand, Restaurant, Bier vom Fass und zwei Tennisplätzen. Herz des Kulturlebens war der klimatisierte Saal des Cinéma Ogooué im Stadtzentrum. Dort sah ich «Jaws», Steven Spielbergs Blockbuster über den Mörderhai. Manche von uns trauten sich danach tagelang nicht ins Meer.

In schwarzer Fülle

Mein Status in der société blanche von Port-Gentil war nicht überragend. Kaum jemand nahm mich ernst. Zum einen, weil ich erst 22 war. Zum anderen, weil ich nie Geld hatte. Meine französischen Lehrerkollegen verdienten doppelt so viel wie in der Heimat und mehr als zehnmal so viel wie ich. Als coopérants waren sie Teil der Entwicklungshilfe, logierten obendrein gratis und zahlten keine Steuern.

Mein Gehalt hingegen war das eines Gabuners – gerade genug zum Überleben, garantiert zu wenig, um sich davon einen Boy, einen Koch und einen Gärtner leisten zu können. Wohl deshalb hatte mich das Ministère de l’Éducation Nationale gleich fürs gesamte Schuljahr in einem etwas schäbigen Motel einquartiert. Rannten nachts Leguane auf dem Wellblechdach über meinem Kopf herum, war es mit dem Schlaf vorbei.

An Wochenenden verschwand ich oft mit Wilderern auf dem Ogooué. Das gewaltige Delta des bei Port-Gentil mündenden Flusses bestand aus sumpfigem Urwald, wo meine gabunischen Begleiter auf alles ballerten, was sich bewegte. Meistens Affen. Ich jagte nicht, ging einfach nur gern in den Wald. Einmal vergass ich, das Moskitonetz mitzunehmen. So holte ich mir meinen ersten Malariaanfall.

In Hollywood-Afrika gingen die Hauptrollen immer nur an Weisse, Afrikaner waren Statisten.

Doch all dies erfüllte grandios die Erwartungen eines romantischen jungen Europäers. Neulich fand ich mein altes «Gabun-Tagebuch» wieder. Ein Schulheft, gefüllt mit blauer Tinten-Schönschrift und schwulstigen Sätzen wie: «Der Fluss liegt in schwarzer Fülle vor mir. Letzte Nacht, als wir die Antilope töteten, sahen wir im Schein der Taschenlampen die roten Augen eines vor dem Ufer liegenden Kaimans. Nun hat der Tag ihn vertrieben.»

Zum Totlachen! «Aber auch interessant», findet Joseph, dem ich diesen Auszug aus meiner juvenilen Afrika-Prosa übersetze. «Hast du dich dabei selbst wie in einem Film gesehen?»

Ich weiss, worauf er hinauswill. Für den Soziologen sind wir alle geprägt von subjektiven Bildern, die wir in uns abspeichern. Dieses innere Archiv macht weitgehend unsere Persönlichkeit aus. Klar, auch meine Kindheit war gefüllt mit filmischen Impressionen aus «Tarzan», «Daktari», «Hatari!». Das Spezifische am damaligen Hollywood-Afrika war ja, dass die Hauptrollen immer nur an Weisse gingen. Afrikaner waren Statisten.

«‹Black Panther› ist der afrodystopischste Film überhaupt. Er führt ein Afrika vor, das nicht existiert.»

Joseph Tonda, Soziologe

«Dies zumindest hat sich dank ‹Black Panther› geändert», sage ich. Immerhin sind in diesem Hollywood-Märchen von einer versteckt in Afrika angesiedelten, technologisch allen überlegenen Zivilisation sämtliche Helden schwarz. «Manche Kritiker», schiebe ich nach, «halten das Werk für ein Manifest gegen Rassismus und für mehr Gleichheit.» Eigentlich sage ich das alles nur, um meinen Freund auf die Palme zu bringen. Was auch sofort gelingt.

«Das ist der afrodystopischste Film überhaupt», poltert Tonda los: «Er führt ein Afrika vor, das nicht existiert. Das fiktive Königreich Wakanda verdankt seine Grösse einem Erz, das durch einen Meteoriten auf die Erde gelangt ist. Nicht afrikanischer Genius ist hier am Werk, sondern wieder nur ein Fetisch. Marvel, die US-amerikanische Produktionsfirma, weiss, wie das schwarze Selbstwertgefühl noch immer unter den Wunden leidet, die ihm Sklaverei und Kolonisierung zugefügt haben. Die Botschaft von ‹Black Panther› lautet: Schaut, das hätte aus euch werden können, wäre die Geschichte anders verlaufen. Nun nehmt diesen Traum, der euch aufwertet und uns Geld einbringt. Aber versucht gar nicht erst, die bestehenden Verhältnisse zu verändern. Begnügt euch mit unseren Bildern auf euren Bildschirmen!»

Das ist es, was Joseph Tonda unter der «Kolonisierung der Köpfe» versteht. Sein jüngstes Werk heisst «L’impérialisme postcolonial: critique de la société des éblouissements» (Der postkoloniale Imperialismus: Kritik der Gesellschaft der Blendungen) und hat tolle Kritiken bekommen. Die Pariser Intelligenzija liebt es.

Die Blendung

Falls ich sein Buch richtig verstanden habe, kritisiert Tonda darin – an Guy Debord anknüpfend, den Philosophen des Pariser 68er-Frühlings – eine Gesellschaft des techno-kapitalistischen Spektakels, die ihre Untertanen «blendet». Sie feiert das Oberflächliche, sucht Erfüllung nur noch im Konsum, betrachtet und bewundert sich selbst in den Medien: «Wo sich die wirkliche Welt in blosse Bilder verwandelt, werden die blossen Bilder zu wirklichen Wesen eines hypnotischen Verhaltens.»

Die Blendung, erklärt Tonda, lasse sich metaphorisch als das Resultat der ersten Begegnung von Afrikanern und Europäern begreifen: «In dem Roman ‹Herz der Finsternis› beschreibt Joseph Conrad die Afrikaner aus Sicht der Weissen wie Irre oder wilde Tiere. Die Afrikaner ihrerseits sehen in den Weissen Gespenster, bei denen es sich um Geister ihrer eigenen Ahnen handeln könnte.»

Dieser Augenblick sei eine «Schwelle», fährt Tonda fort. Als ob jemand aus einer dunklen Höhle in grelles Tageslicht treten würde. Die geblendete Person sehe die Dinge zwangsläufig anders, als sie in Wirklichkeit sind, und zwar entsprechend ihrer eigenen Kultur und Geschichte. «Die Afrikaner glaubten, die Weissen seien Geister, weil diese in ihrer vorkolonialen Vorstellungswelt bereits existierten.»

Das Licht der abendländischen Aufklärung versetzt die geblendeten Afrikaner in einen Zustand fataler Faszination.

Aber sind solche «Blendungen» nicht kurzfristig?, werfe ich ein. Sekunden später haben sich die Augen doch an das hellere Licht gewöhnt. Auch wenn die Afrikaner der technischen und materiellen Überlegenheit der Europäer hilflos gegenüberstanden, haben sie sich nicht unbedingt Illusionen gemacht, was das menschenfeindliche Wesen der Kolonisation betrifft.

Irrtum, entgegnet Tonda: «Während der Kolonialzeit wurde die Blendung sogar Gegenstand einer Legende. Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich in Kongo-Brazzaville die Geschichte von einem Weissen, der angeblich nachts in seiner Limousine Jagd auf Schwarze mache. Seine Waffe war die Blendung. Gerieten Afrikaner ins Licht der Scheinwerfer, verwandelten sie sich auf der Stelle in Schweine.»

Tonda interpretiert diese Geschichte so: Das Automobil steht für den industriellen Fortschritt, daher der Weisse am Steuer. Die Scheinwerfer sind das Symbol für das Licht der abendländischen Aufklärung, das die geblendeten Afrikaner in einen Zustand fataler Faszination und hilfloser Lust versetzt.

Während des Zweiten Weltkriegs habe diese Geschichte eine Fortsetzung erhalten, sagt Tonda: «Die Schweine wurden geschlachtet und zu Wurst verarbeitet, um damit weisse und schwarze Soldaten auf Europas Schlachtfeldern zu ernähren. Im Endeffekt also hat der Kolonialkapitalismus alle Menschen zu Menschenfressern gemacht.»

Nicki

Seltsame Geschichte. Aber ich sehe ihren Bezug zur Gegenwart nicht. Welcher urbane Afrikaner wäre heute so naiv, an den Unsinn mit den verwunschenen Schweinen zu glauben?

«Vergiss die Schweine», sagt Tonda. «Es geht um die Blendung: Sie funktioniert über künstliche Bilder, die heute via Handy permanent unser Hirn bombardieren.» Aber auch das ist doch nicht neu, finde ich: «Schon vor Jahrzehnten waren wir fernsehsüchtig.» Stimmt, sagt er, nur: «Vor fünfzig Jahren stand ungefähr in jeder hundertsten Hütte ein schlecht funktionierender Fernsehapparat. Heute hat jeder sein eigenes Smartphone, jedenfalls in den Städten. Schau dich doch um!»

Werden mit Bildern bombardiert, die falsche Hoffnungen erzeugen: Afrikanische Männer starren in ihr Smartphone. Foto: Reuters
Werden mit Bildern bombardiert, die falsche Hoffnungen erzeugen: Afrikanische Männer starren in ihr Smartphone. Foto: Reuters

Zugegeben, der Ort, an dem wir uns befinden, ist in dieser Hinsicht sehr krass. Alle Tische auf der Terrasse des Fast-Food-Cafés sind besetzt von Gabunern im Alter zwischen zwanzig und dreissig Jahren. Und überall leuchten die Smartphones. Wie bei dem Bwiti-Ritual im PK-9 von Libreville. Auffällig ist auch, dass vor allem junge Frauen ständig mit den Dingern beschäftigt sind. Männer tun eher so, als würden sie gelegentlich SMS oder ihren E-Mail-Account checken. Vielleicht, weil diese Geste zum maskulinen Gebaren der Helden moderner afrikanischer TV-Serien zählt.

Mein erschöpfter Rundblick landet am Bartresen. An der Wand dahinter hängt ein Flatscreen, auf dem nonstop Musikvideos laufen. Der Ton ist ausgeschaltet, man sieht nur die Interpreten, deren schreiende Mimik und groteske Gestik. Das Ganze würde in einen futuristischen Stummfilm passen. Gerade verrenkt eine Frau ihre gewaltigen Rundungen in einem Waschsalon, vor den Blicken lechzender Männer und wütender Hausfrauen.

«Das ist Shan’L», sagt Joseph. Shan’L? «Ja, wie Channel. Eine gabunische Rapperin. Der lokale Klon von Nicki Minaj.»

Nicki Minaj, die aus Trinidad stammende US-Rapperin, nennt Tonda einen «afrodeszendenten Weltstar». Mit Millionen Followern auf Facebook, Twitter, Instagram. Ihr Markenzeichen: riesige Brüste plus extrem mobiles Hinterteil. Beide kommen im Videoclip zu ihrem Song «Anaconda» zur Geltung, als optische Untermalung des Refrains: «Oh my God, look at her butt!»

Nicki Minaj sei der Inbegriff der «Gesellschaft der Blendungen», ein «Geschlechtskörper, die spektakuläre Darstellung eines lebendigen Menschen, der das Bild einer möglichen Rolle in sich konzentriert, das Objekt der Identifizierung mit dem seichten, scheinbaren Leben, welches den real erlebten Alltag aufwiegen soll.»

Kreuzfahrt mit Krokodil

Ich glaube, am meisten regt ihn auf, dass die Rapperin in ihrem Clip «Mami Wata» verkörpert, jedenfalls in der Lesart von Joseph Tonda: «Mami Wata ist eine im Wasser lebende Voodoo-Göttin aus der Mythologie Kongos und Benins. Der obere Teil ihres Körpers ist der einer weissen Frau, der untere Teil gehört zu einer Riesenschlange. Wer mit dieser Göttin einen Pakt schloss, musste ihr Menschenopfer bringen. Im afrikanischen Unterbewusstsein symbolisiert Mami Wata daher auch die Sklavenhändler, die unsere Vorfahren in Besitz genommen haben.»

Jetzt erlebe ich meinen Professor zum ersten Mal erfüllt von echtem Zorn. Die Abbilder von Nicki Minaj, schimpft er, bevölkern inzwischen die Strassen von Abidjan und Kinshasa, Douala und Dakar, Brazzaville und Libreville. Sie kleiden sich wie die «Anaconda»-Frau, übernehmen ihre Gestik, wackeln mit dickem Po wie ihr Idol. «Alle diese Geschlechtskörper», glaubt Joseph, «verkörpern nur die dystopische Flucht ins Virtuelle.»

Es ist spät geworden in Port-Gentil. Mein erstes Afrika, verschollen unter Fluten von neuen Bildern: den echten mit dem Müll, den künstlichen mit Betäubungsmittel-Effekt. Eine albtraumhafte Sphäre, bewohnt von «Geblendeten», die glauben, die wahre Welt befinde sich auf ihren Screens. Und die dort ausreichend Nahrung finden für ihre Vorstellungen von einem paradiesischen Europa oder Amerika, wo der Alltag so viel Luxus, Sex und Spass beschert, wie es Werbespots und Videoclips versprechen.

Früher gab es ein kollektives Hoffen auf Erlösung durch Europa. Heute wirkt die Smartphone-Generation absolut illusionslos.

«Und wie sieht dein Afrikabild heute aus?», fragt Joseph auf dem Rückweg zum Hotel. Schwer zu sagen, ob meine zahlreichen Reisen etwas Definierbares in meinem Kopf hinterlassen haben. Eines erscheint mir jedoch sicher: Vor zwanzig Jahren gab es ein kollektives Abwarten und Hoffen auf Erlösung durch generöse Unterstützung aus Europa. Zumindest in dieser Hinsicht wirkt die Smartphone-Generation heute absolut illusionslos.

Klar ist mir auch, dass meine eigenen Reportagen so manches Afrikaklischee bedient haben. So erschien eine Geschichte über die Tuareg in der Südsahara unter dem Titel «Im Reich der blauen Reiter». Meine Reportage über eine Reise auf dem Kongo-Fluss trug die Überschrift «Kreuzfahrt mit Krokodil».

Dann fällt mir eine passende Antwort auf Joseph Tondas Frage ein: «Äthiopien.» Nein, nicht Salgado, sondern der Flughafen von Addis Abeba. Da sass ich vor einigen Wochen und wartete auf eine Maschine nach Sambia. Über hundert Chinesen hatten sich auf dem Boden der Abfertigungshalle niedergelassen und warteten ebenfalls. Ich beobachtete ihre Gesichter, sah ihnen beim Kartenspielen, Reden und Essen mit Stäbchen aus China-Fast-Food-Kartons zu. Kein Zweifel, diese Leute waren einfache Arbeiter.

Der Hub

Der Airport von Addis ist ein Hub für ganz Ostafrika. Hier steigen Passagiere von Interkontinentalflügen um in Maschinen, die sie zu regionalen Zentren wie Nairobi, Daressalam oder Maputo bringen. Jedes Mal, wenn ich hier zwischenlande, finde ich den Flughafen überfüllt mit Chinesen.

Nichts gegen die fleissigen Vertreter der Volksrepublik. Was den Bau von Strassen, Brücken, Häfen, Flughäfen oder Fussballstadien anbetrifft, erweisen sie sich als effizienter als die Europäer. China ist nicht zufällig in Rekordzeit zum grössten Handelspartner und Kreditgeber des Kontinents aufgestiegen. Aber wer Afrika helfen will, der schickt gewöhnlich Ingenieure und Ausbilder. Jedenfalls keine einfachen Arbeiter und Handlanger – die hat Afrika selbst im Überfluss.

«Die Zukunft könnte so aussehen, dass alle Afrikaner nach Europa gehen und wir Afrika den Chinesen überlassen.»

Joseph Tonda, Soziologe

Was das bedeutet?

Joseph Tonda, ein wenig berauscht von der regengesättigten Tropennacht, sagt: «China findet in Afrika alles, was es für den eigenen Bedarf braucht. Nicht nur Bodenschätze, auch Agrarland. Im Grund träumt China von einem Afrika ohne Afrikaner. Also könnte die Zukunft so aussehen, dass alle Afrikaner nach Europa gehen und wir Afrika den Chinesen überlassen.»

Dann lacht er laut. Und ich frage mich: Meint er das ernst? Oder ist es bloss afrodystopischer Humor?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch