Die britischen Herzen erbeben schon vor der Hochzeit

Wenn Prinz Harry und Meghan Markle heiraten, soll alles perfekt sein in Windsor. Die Ersten kommen schon jetzt zum Probeschlafen. Sie wissen, warum.

Meghan und Harry in Nottingham: Erster offizieller Auftritt seit der Verlobung. (Video: Reuters)

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In diesem Jahr wird Slough in die Geschichte eingehen. Eigentlich ist die Industriestadt westlich von London so trist, dass sich der britische Poet John Betjeman in einem Gedicht wünschte, «freundliche Bomben» möchten auf Slough fallen. Der Ort sei nicht für Menschen gemacht. Auch die Tiger Lillies haben das «grimmige» Slough mal in einer Hasstirade besungen – als Metapher für die Ausbeutung von Arbeitern, die sich totschuften. Die Band hat offenbar von Betjeman geklaut, auch in ihrem Song ist von Bomben die Rede. Armes Slough.

Gleichwohl: Um den 19. Mai werden eine ganze Menge Menschen Slough für sich entdecken. Weil der Ort in der Nähe von Windsor liegt, was wiederum ein hübsches Städtchen mit einer gigantischen Schlossanlage ist. Slough hat so was nicht zu bieten. Aber Slough hat Hotelbetten. Und wenn Mitte Mai Prinz Harry seine Braut Meghan Markle in der Schlosskapelle von Windsor heiratet, dann wird fast nichts so begehrt sein in Grossbritannien wie ein Schlafplatz in der Nähe – und ein direkter Blick auf das Paar. Also die Quasiteilnahme an der royalen Hochzeit.

Alles soll schön adrett aussehen

Innerhalb von Minuten nachdem der Hochzeitstermin vom Königshaus festgesetzt worden war, waren auch die Hotels in Windsor praktisch ausgebucht. Via Internet geht so etwas ja ganz leicht. Schon vorher hatten sich die Hotelbesitzer zusammengesetzt und darüber nachgedacht, wie der Event am besten zu nutzen sein werde. Preisabsprache nennen Ökonomen das. Klar: Der Preis steigt mit der Nachfrage, deshalb waren rund ums Schloss in der vergangenen Woche Betten nur noch für umgerechnet mehr als 800 Franken pro Nacht zu haben. Vorsorglich wurde auch schon mal überlegt, während der Hochzeit die Obdachlosen der Stadt auszulagern. Soll ja alles schön adrett aussehen, wenn die Welt nach Grossbritannien starrt.

Im Harte and Garter, einem der ehrwürdigsten Häuser direkt an der Hauptstrasse, über die die königliche Kutsche mit dem Paar rollen wird, werden derweil die Anfragen internationaler Medien gestapelt. Mehrere Fernsehstationen und Zeitungen aus Kontinentaleuropa hätten sich wegen einer Unterbringung schon gemeldet, sagt die Marketingdame des Hauses, als sie mit reserviertem Blick und der Annahme gegenüber der Reporterin Platz nimmt, diese wolle sich in das Wettbieten um ein Bett einreihen.

Bereits vor der königlichen Hochzeit werden Souvenirs angeboten. (Foto: Toby Melville, Reuters)

Weit mehr als hundert Anfragen hätten sie schon bekommen, berichtet sie, und die Vergabe laufe nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Man könne sich aber gern in die Warteliste eintragen. Auf Warteplatz 101. Der britische Humor versiegt eben nie.

Andererseits: In Windsor ist man solche Massenaufläufe gewohnt, auch wenn lange keine so schicke und aufsehenerregende Hochzeit mehr anstand wie in diesem Jahr. In «Harry und Meghan, eine königliche Verlobung», dem offiziellen Jubelbuch voller schöner Fotos und Texte über die grosse Liebe, kann man nachlesen, dass Harry und Meghan Windsor ausgesucht haben, weil Harry’s Vater Prinz Charles und seine Camilla nach ihrer zivilen Trauung hier vor mehr als einem Jahrzehnt ihren Hochzeitssegen empfingen. Weil Harry nebenan, in Eton, zur Schule ging. Weil die Sicherheit besser zu gewährleisten sei als im chaotischen London. Und weil die St.-Georgs-Kapelle hinter den Mauern des ältesten und grössten bewohnten Schlosses der Welt eben einer der «exklusivsten Hochzeitsorte» des Landes ist.

Sie kommen, um alles zu testen

Da passt es gut, dass die Herzen der Briten gerade in dem exklusiven Gefühl erbeben, es gebe nichts Schöneres, nichts Wichtigeres, als dass sich ihr 33-jähriger Prinz und eine 36-jährige Schauspielerin das Jawort geben. Und die Herzen der Amerikaner beben gleich mit. Schliesslich heiratet ein US-Fernsehstar in eine herrschende Dynastie ein, das hat es seit Grace Kelly nicht mehr gegeben. Der Hof lässt es sich in seiner offiziellen Feierbroschüre zwar nicht nehmen, gleich im zweiten Satz darauf hinzuweisen, dass Meghan Markle eine «commoner» sei, eine Bürgerliche, aber in solchen Sachen sind die Briten Snobs. Die Amis nicht. Weshalb Windsor derzeit auch einen Run von Amerikanern erlebt. Sie kommen vorab, um alles zu testen, zum Probeschlafen, Probestehen und Probeschauen. Sicher ist sicher.

Sally ist Zeugin. Im George Inn an der High Street in Eton, dem Zwillingsort von Windsor, bekannt wegen des gleichnamigen Eliteinternats hinter der Themsebrücke, residiert sie an der verbauten Réception im Hinterraum neben der Theke. Eigentlich ist das George Inn vor allem eine Kneipe, und so riecht es auch im Schankraum: nach Bier. Seit ein lauer Tag im Mai als Termin für die Vermählung feststeht, reisen Landsleute von Meghan an, die glücklich genug waren, im George Inn ein Zimmer zu ergattern. Sie testeten schon mal, berichtet Sally, wo sie sich im grossen Moment postieren, wo sie fotografieren werden, dann, in vier Monaten. Irre, fügt sie kopfschüttelnd hinzu und freut sich doch, denn das alles bringt extra Geld.

Eine Milliarde Pfund werde die Vereinigung der Häuser Windsor und Markle der britischen Tourismusindustrie einbringen, haben Experten ausgerechnet, denn Markle ist nicht nur eine royale Braut, sie sieht auch super aus. Daher verkaufen sich die Souvenirs mit den Fotos des Brautpaares besonders gut. Wenn man welche hat. Als sich die Verlobung andeutete – schliesslich pfiffen die Spatzen die Verbindung seit dem gemeinsamen Auftritt des Paares bei den Invictus Games in Toronto von allen Dächern –, war die Souvenirindustrie umgehend in die Vorproduktion gegangen.

Wer schlau war, orderte gleich am 27. November, als alles offiziell war. Die Shops im Windsor Royal Shopping Centre sind prima ausgerüstet. Winke-Queens, die entfernt an chinesische Winkekatzen erinnern, sowie andere Utensilien mit den Konterfeis im Moment weniger populärer Royals wie Elizabeth, Philip, William und Kate, sind in den Auslagen nach unten geräumt worden. Stattdessen quellen Schaufenster und Regale über mit Tassen, auf denen Harry und Meghan zu sehen sind. Tea for two – und für alle Souvenirjäger.

Sergei, der im Shop Historic Windsor arbeitet, hat den richtigen Zeitpunkt verpasst. Vielleicht, weil er kein Brite ist und damit kein wahrer Royalist. Andere königliche Devotionalien, jetzt praktisch Ladenhüter, sind bei ihm im Super-Sale, alles 30 bis 50 Prozent herabgesetzt. Schliesslich muss Platz für die Neuen her, das ist klar. Aber Sergei war zu spät dran: Als er nachbestellen wollte, waren Meghan und ihr Prinz im Grosshandel ausverkauft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 21:46 Uhr

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