Die Balkan-Route des Brenton T.

Den Christchurch-Attentäter faszinierte die blutige Geschichte des Balkans. Auch bereiste er die Region mehrmals. Was tat er dort?

Der Terrorrist bastelte sich seine Hass-Ideologie aus der Balkan-Geschichte zusammen: Brenton T. Foto: Screenshot AFP

Der Terrorrist bastelte sich seine Hass-Ideologie aus der Balkan-Geschichte zusammen: Brenton T. Foto: Screenshot AFP

Enver Robelli@enver_robelli

Der Sommer 2015 war eine Zäsur der europäischen Geschichte: Fast eine Million Flüchtlinge und Migranten, vor allem Syrer, suchten damals Schutz in Europa. Die meisten fanden Zuflucht in Deutschland. Die Karawane des Elends zog monatelang über die sogenannte Balkanroute nach West- und Nordeuropa. Grenzdörfer wie das griechische Idomeni, Flüchtlingscamps wie Tabanovce in Serbien und der ungarisch-serbische Übergang Röszke-Horgos kamen fast täglich in den Nachrichten vor und dürften noch heute vielen Menschen weltweit ein Begriff sein. Vielleicht hat der australische Fitnesstrainer Brenton T. im Flüchtlingsjahr 2015 zum ersten Mal vom Balkan gehört.

Schon damals verlangten nicht nur rechtskonservative Politiker in Europa die Schliessung der südosteuropäischen Flüchtlingsrouten. Die meisten Balkanstaaten gelten mittlerweile als Bollwerke gegen Migrationsströme – mit Grenzzäunen, Sonderpolizisten und EU-Grenzwächtern.

Das erinnert ein wenig an alte Zeiten. Nachdem Mitte des 14. Jahrhundert die Osmanen die Region eroberten, ernannten der Vatikan und die österreichisch-ungarische Monarchie die Balkan-Völker zu Verteidigern des christlichen Europas gegen den Islam.

Antimuslimische Lieder und Memes

Offenbar war der Attentäter von Christchurch von der mittelalterlichen, aber auch von der jüngsten, blutgetränkten Geschichte des Balkans geblendet. Nach bisherigen Erkenntnissen bereiste Brenton T. Ende 2016 und Anfang 2017 Kroatien, Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina. Laut kroatischen Medien besuchte der Australier neben der Hauptstadt Zagreb mehrere Küstenorte an der Adria. Die Geheimdienste versuchten herauszufinden, aus welchen Gründen Brenton sich in Kroatien aufgehalten habe, sagte Ministerpräsident Andrej Plenkovic.

Als Inspirationsquelle für seine Hass-Ideologie diente dem Täter offensichtlich der Kampf der serbischen Nationalistenführer gegen die bosnischen Muslime (Bosniaken) in den 90er-Jahren. Auf dem Weg zum Tatort hörte Brenton T. das serbische Propagandalied «Karadzic, führe deine Serben». Der ehemalige Kriegspräsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic wurde 2016 wegen Völkermordes an den Muslimen von Srebrenica und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei Massakern in anderen Teilen Bosniens zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Heute Mittwoch haben die UNO-Richter in Den Haag im Berufungsverfahren das definitive Urteil verkündet: lebenslange Haft. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sagte Karadzic einmal, die Serben hätten in Bosnien einen «gerechten und heiligen Krieg» gegen die «islamistischen Ziele» der Muslime geführt.

Video: Brenton T. erscheint vor Gericht

Der Verdächtige, der wegen Mordes angeklagt ist, ist am Samstagmorgen beim Gericht in Christchurch erschienen. Video: AFP

Der Song «Karadzic, führe deine Serben» wird als antimuslimisches Meme benutzt und im Internet millionenfach verbreitet – meist unter den englischen Titeln «Remove Kebab» oder «Strong Serbia». Serbische Nationalisten verhöhnen die bosnischen Muslime als vertürkte Slawen, die während der osmanischen Besatzung ihre christliche Religion verraten hätten und zum islamischen Glauben konvertiert seien. Als bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 in der muslimischen Enklave Srebrenica in Ostbosnien einmarschierten, sagte der Massenmörder und General Ratko Mladic: «Hier sind wir, am 11. Juli 1995, im serbischen Srebrenica. Kurz vor einem grossen serbischen Festtag übergeben wir dem serbischen Volk diese Stadt. Die Zeit ist gekommen, an den Türken Rache zu nehmen.» Innerhalb von wenigen Tagen wurden etwa 8000 bosnische Muslime massakriert. Es war der erste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Nicht nur serbische Ultranationalisten behaupten, der Gewaltherrscher Slobodan Milosevic habe in den 90er-Jahren gegen die sogenannte grüne Transversale gekämpft. Es handelt sich um einen herbeifantasierten Korridor für ein neues Vordringen des Islam auf dem Balkan und weiter nach Europa hinein. Diese «Transversale» soll von Bosnien über den muslimisch besiedelten Sandzak im Südwesten Serbiens, durch Kosovo, Mazedonien und Bulgarien bis in die Türkei reichen. Westliche Rechtsextremisten verbreiten diese Verschwörungstheorie gern.

In seinem wirren Manifest hegt Brenton T. eine Obsession gegen die Türken, die er mit den Osmanen gleichsetzt.

Doch die Religion diente während der jüngsten Balkan-Kriege nur als Vorwand für Grausamkeiten. Die nationalistische Eruption hatte zum Ziel, ethnisch homogene Regionen zu schaffen – durch Vertreibung der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe. Der Rechtsextremist Brenton T. hatte gemäss der Tageszeitung «The Australian» nach dem Krebstod seines Vaters 2010 Geld geerbt und in Krypto-Währungen investiert. So konnte er offenbar seine Reisen auf dem Balkan und in anderen europäischen Staaten finanzieren. Anfang Januar 2017 hielt er sich in Montenegro auf. Ob er sich dort mit Einheimischen getroffen hat, ist unklar.

Auf seinen Waffen schrieb Brenton T. den Namen von Marko Miljanov Popovic (1833–1901). Der montenegrinische Volksschriftsteller kämpfte mit seinem Stamm gegen die Osmanen. Auch die Namen von drei mittelalterlichen Kriegsherren des Balkans, die von Serben und Albanern als «Retter des Abendlandes» gefeiert werden, hatte der Australier auf den Waffen gepinselt: Der serbische Prinz Lazar stand an der Spitze einer aus serbischen, bosnischen, bulgarischen und albanischen Kontingenten bestehenden Allianz, die 1389 auf dem Amselfeld gegen die Truppen von Sultan Murad I. antrat, die albanischen Fürsten Skanderbeg und Gjergj Arianiti waren auch ausserhalb des Balkans für den jahrelangen Widerstand gegen das Osmanische Reich berühmt geworden.

Im vergangenen Jahr kam Brenton T. aus Pakistan nach Bulgarien. Das Land stand fünf Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft. Nach Angaben des bulgarischen Generalstaatsanwalts Sotir Zazarow verbrachte der Australier eine Woche in dem Balkanstaat. In der Hauptstadt Sofia fotografierte er die Alexander-Newski-Kathedrale. Das Gotteshaus wurde zu Ehren von 20'000 russischen Soldaten gebaut, die im Kampf für die Befreiung Bulgariens von den Türken gefallen sind. Über den Schipka-Pass, wo 1877 und 1878 russische und türkische Truppen um die Vorherrschaft kämpften, soll Brenton T. Weliko Tarnowo, die mittelalterliche Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reichs, erreicht haben. Mit einem Mietauto reiste er laut bulgarischen Behörden nach Rumänien weiter. Dort besuchte er die Burg Hunedoara, die auch als Dracula-Schloss bekannt ist. Gebaut wurde sie vom ungarischen Feldherrn Johann Hunyadi, der das Osmanische Reich in Europa oft an den Rand des Zusammenbruchs brachte.

Bildstrecke: Terroranschlag in Neuseeland

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In seinem wirren Manifest hegt Brenton T. eine Obsession gegen die Türken, die er mit den Osmanen gleichsetzt. Man werde die in der Antike gebaute Hagia Sophia, die Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, bald von Minaretten befreien und die Türken Istanbuls in Richtung Osten verdrängen. Konstantinopel werde wieder eine christliche Stadt sein wie vor der osmanischen Eroberung 1453. Die ausgedehnte Reise durch Europa im Jahr 2017, die ihn auch nach Spanien, Portugal und Frankreich führte, habe seine Ansichten über die Migration «dramatisch geändert», schreibt Brenton T. Explizit erwähnt er unter anderem den Terroranschlag in der Stockholmer Innenstadt vom April 2017.

Der 28-jährige Terrorist nahm sich den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik zum Vorbild, den er als «Freiheitskämpfer» bezeichnet. Breivik hatte 2012 während einer Gerichtsverhandlung in Oslo gesagt, seine Identität habe er «in gewisser Weise aus Serbien importiert». Der Norweger bewunderte damals die «Kreuzfahrer-Mentalität» des christlichen serbischen Volkes. Die Nato-Luftangriffe gegen Serbien – durchgeführt wegen der Terrorkampagne gegen die Kosovo-Albaner – hätten das Fass zum Überlaufen gebracht, meinte Breivik. In seinem Manifest fordert der Hassprediger eine «Deportation aller muslimischer Albaner nach Zentralanatolien». 2002 gründete er einen Tempelritterorden, um Europa zu verteidigen. Breivik verehrt Milorad Ulemek, genannt Legija. Der ehemalige serbische Fremdenlegionär und Befehlshaber der berüchtigten Polizei-Elitetruppe «Rote Barette» verbüsst eine 40-jährige Haftstrafe als Drahtzieher des Mordes an Serbiens prowestlichem Premier Zoran Djindjic. Nationalistische Wirrköpfe wie Radovan Karadzic und Milorad Ulemek gelten in White-Supremacy-Kreisen im Westen als Vorreiter im Kampf gegen den Islam.

Weder in Breiviks 1518-seitigen Manifest «2083» noch im Pamphlet des Rechtsterroristen von Christchurch wird das Massaker von Srebrenica erwähnt.

Die Geschichte des Balkans inspiriert offensichtlich viele Extremisten weltweit. Die Kriege der 90er-Jahre haben aber auch in den Gesellschaften Ex-Jugoslawiens tiefe Spuren hinterlassen. Es gibt Serben, die in der Ostukraine auf der Seite der prorussischen Separatisten kämpfen, um angeblich das orthodoxe Christentum zu verteidigen. Gleichzeitig haben sich mehrere Hundert albanische und bosniakische Islamisten der Terrormiliz «Islamischer Staat» in Syrien und im Irak angeschlossen.

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