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«Deutschland zeigt Symptome der Abstumpfung»

In Europa gibts wieder Deutschenhass. Der Historiker Brendan Simms weiss, woher er kommt und warum ein schwaches Deutschland schlechter ist als ein starkes.

Drastisch: Das Cover der Märznummer der polnischen Zeitschrift «Najwyzszy Czas!» zeigt Merkel in Nazi-Uniform mit Hitler-Schnauz.
Drastisch: Das Cover der Märznummer der polnischen Zeitschrift «Najwyzszy Czas!» zeigt Merkel in Nazi-Uniform mit Hitler-Schnauz.

Die Eurokrise hat ein lange schlafendes Gespenst geweckt: den Deutschenhass. In Spanien verglich ein Wirtschaftsprofessor Angela Merkel mit Hitler, da die Bundeskanzlerin den deutschen Lebensraum für Banken sichern wolle. In Griechenland tragen Demonstranten Plakate von Merkel mit Hitler-Schnauz – und öfters ist in Kommentaren vom vierten Reich zu lesen. Zwar seien diese Vergleiche an sich lächerlich, sagt der britische Historiker Brendan Simms im heutigen «Spiegel» (Artikel online nicht verfügbar), aber als Zeichen historischer Besorgnisse ernst zu nehmen.

Das Gefühl, abgehängt worden zu sein

Heute ist es laut Simms die Wut über schmerzliche Einschnitte beim Lebensstandard, die in Griechenland, Spanien und Irland Ressentiments gegen Deutschland schürt. Dessen struktureller Machtzuwachs in wirtschaftlichen Fragen löse Unmut aus. Eigentlich stehen dahinter aber nicht nur die Erinnerung an historische Ereignisse, sondern Wut über die immer schmerzlicheren Einschnitte beim Lebensstandard, sagt Simms. Dies sei eine Folge des Gefühls, abgehängt worden zu sein.

Dabei befände sich Deutschland aber in einer eigentlichen Zwickmühle, die ebenfalls historische Gründe hat. Die «deutsche Frage», so Simms These, die er gerade in einem neuem Buch vorgelegt hat, sei seit dem 15. Jahrhundert Teil der europäischen Frage. Das Problem: Sowohl deutsche Stärke wie auch deutsche Schwäche ist für den Kontinent eine Bedrohung. Ein zu starkes Deutschland schürt die Angst vor deutschen Grossmachtgelüsten, ein schwaches Deutschland hingegen macht Europa anfällig für Bedrohungen aus dem Osten. Und vor genau dieser Situation stehe man auch heute, sowohl ökonomisch wie auch militärisch.

Deutschland muss mehr für Polen tun

Die Architektur einer gemeinsamen europäischen Währung zwingt die Deutschen zur Führung, sagt Simms. Dass heute die Länder an der Peripherie die grössten Probleme mit dem Euro zeigen, liege an einem Designfehler der Währung, so Simms. Denn diese wurden zu Anfang mit billigem Geld überschwemmt und müssen das jetzt ausbaden. Deutschland aber könne sich nicht einfach darauf beschränken, die Verantwortung für diese Fehler den peripheren Staaten aufzubürden. Stattdessen müsse Europa sich endlich eine einheitliche Verfassung geben, deren Architektur verhindern müsse, dass Deutschland für alle Fehler geradestehen muss. Gleichzeitig müsse Deutschland seine «historische Vorliebe» für in langen Sitzungen ausgehandelte Gesetzeslösungen aufgeben. Denn das führe dazu, dass man zu lange debattiere, anstatt zu handeln.

Historisch hat ein militärisch starkes Deutschland immer auch Schutz vor östlichen Expansionsgelüsten garantiert, so Simms. Doch weil die Deutschen heute in der historisch einzigartigen Situation stecken, nur von freundlichen Nachbarn umgeben zu sein, sei auch ihr Sinn für Gefahren abgestumpft: «Die Weigerung, (...) ernsthaft über eine russische Bedrohung nachzudenken oder bei der Libyen-Intervention mitzumachen sind Symptome dieser Abstumpfung.» Es sei aber dringend notwendig, mehr für den Schutz der baltischen Staaten oder Polen zu tun, so Simms. «Deutschland darf nicht immer nur als gefährliche Macht angesehen werden – wir müssen uns auch fragen, wie wir Deutschlands Kraft am besten für das Wohl Europas nutzen können.»

Was die Briten oder auch die Schweiz betrifft, sieht Simms keinerlei Notwendigkeit, der EU in allen Bereichen beizutreten. England werde nie in den europäischen Währungsraum eintreten, so Simms. Die EU müsse aufhören, darauf zu beharren, dass alle der EU beitreten.

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