Der Rückzieher des Pedro Sánchez

Spaniens sozialdemokratischer Premier hat junge Afrikaner abschieben lassen. Damit ist seine Willkommenskultur bereits beendet.

Die Freude der Migranten, EU-Boden erreicht zu haben, währte nur kurz. Sie sind nach Marokko zurückgeführt worden. Foto: Joaquin Sanchez (AFP)

Die Freude der Migranten, EU-Boden erreicht zu haben, währte nur kurz. Sie sind nach Marokko zurückgeführt worden. Foto: Joaquin Sanchez (AFP)

Thomas Urban@SZ

Ceuta, die alte Festungsstadt auf der afrikanischen Seite der Strasse von Gibraltar, ist geografisch betrachtet nur ein Aussenposten Spaniens. Doch die meisten Spanier sehen in ihr wie in der weiter östlich gelegenen Exklave Melilla auch einen Vorposten europäischer Lebensart in einer arabischen Umgebung: Demokratie, Zivilgesellschaft, Rechtssicherheit. Nun ist Ceuta in den Fokus der internationalen Politik geraten, weil über die Stadt seit kurzem die Hauptroute für Migranten nach Europa führt. Um diesen Zuzug zu begrenzen, ist die Grenzanlage ausgebaut worden, mitfinanziert von Brüssel, denn es handelt sich ja um Aussengrenzen der EU.

Die jüngsten Ereignisse am Grenzzaun von Ceuta in dieser Woche haben nun wohl zum Ende der spanischen «Willkommenskultur» für Migranten geführt, die der neue sozialdemokratische Premier Pedro Sánchez vor zwei Monaten verkündet hatte: 116 Afrikaner wurden, am Tag nachdem sie die Grenzanlagen überwunden hatten, nach Marokko abgeschoben. Spanien gesellt sich also zu den EU-Staaten, die die Migration verringern wollen: Ungarn hat es vorgemacht, Italien hat nachgezogen.

Die links orientierten Gruppierungen, die in den von ihnen regierten Rathäusern Spruchbänder mit «Flüchtlinge willkommen» aufgehängt haben, schweigen. Gegen die Bilder vom Grenzzaun können sie auch nicht viel sagen. Wiederholt lieferten sich junge Afrikaner mit selbst gebastelten Waffen wahre Schlachten mit Grenzschützern.

Die Attentäter galten als gut integriert

In der spanischen Debatte über Flucht und Migration spielte von Anfang an die Furcht vor Gewalt eine Rolle, eine Folge der Anschläge auf Madrider Vorortszüge 2004, bei denen fast 200 Menschen den Tod fanden. Diese Angst brach wieder hervor, als im vorigen August bei einer islamistischen Terroraktion in Barcelona 14 Menschen getötet wurden. Das Beunruhigende: Die Attentäter galten als gut integriert, sie waren in Spanien geboren, die meisten gute Schüler gewesen. Doch sie fühlten sich nicht als Teil der spanischen Gesellschaft. Ein Freund der Atten­täter sagte dazu einen nur auf den ersten Blick lapidaren Satz: «Die spanischen Mädchen wollten nie mit uns ausgehen.»

In Spanien wird nun diskutiert, ob die unterschiedliche kulturelle Prägung, zu der Religion ebenso wie das Verhalten von Männern gegenüber Frauen gehört, nicht doch eine kaum zu überwindende Grenze ist. Konservative Spanier widersprechen empört, wenn ihre Vorbehalte Rassismus genannt werden. Schliesslich nehmen katholische Gruppierungen bereitwillig Christen aus Syrien und dem Irak auf, die in ihrer Heimat verfolgt werden.

Ausserdem haben die Spanier täglich vor Augen, welches Schicksal die Ankömmlinge aus Afrika erwartet: als Erntehelfer oder Strassenhändler ausgebeutet zu werden oder, noch schlimmer, vor Supermärkten betteln zu müssen. Im Land mit der zweithöchsten Arbeitslosigkeit in der EU bietet der legale Arbeitsmarkt den Migranten keine Chance. Wenn Sánchez also jetzt seine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik vollendet und die Schliessung der Maghreb-Route durchsetzt, kann er mit breitester Zustimmung seiner Landsleute rechnen.

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