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Der «Rabe» sitzt auf der Anklagebank

Der ehemalige Kammerdiener des Papstes verantwortet sich vor Gericht. Der Vatikan ist offenbar entschlossen, den Skandal aufzuarbeiten. Die grosse Frage ist, ob dabei weitere Verräter enttarnt werden.

Der Vatikan wirft dem ehemaligen Kammerdiener des Papstes vor, vertrauliche Dokumente kopiert und dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi zugespielt zu haben: Paolo Gabriele (vorne) mit Papst Benedikt XVI (rechts). (23. Mai 2012)
Der Vatikan wirft dem ehemaligen Kammerdiener des Papstes vor, vertrauliche Dokumente kopiert und dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi zugespielt zu haben: Paolo Gabriele (vorne) mit Papst Benedikt XVI (rechts). (23. Mai 2012)
Keystone
Gegenüber den Ermittlern sagte der frühere, als dem Papst treu ergeben geltende Kammerdiener, er habe gegen das «Böse und Korruption» vorgehen wollen: Paolo Gabriele (ganz rechts) im Gerichtssaal des Vatikans.  (29. September 2012)
Gegenüber den Ermittlern sagte der frühere, als dem Papst treu ergeben geltende Kammerdiener, er habe gegen das «Böse und Korruption» vorgehen wollen: Paolo Gabriele (ganz rechts) im Gerichtssaal des Vatikans. (29. September 2012)
Keystone
Besonders gespannt zu erfahren ist die Öffentlichkeit, ob noch weitere «Raben», also Verräter, hinter den Mauern des Vatikans sitzen. Im Bild der Petersdom. (29. September 2012)
Besonders gespannt zu erfahren ist die Öffentlichkeit, ob noch weitere «Raben», also Verräter, hinter den Mauern des Vatikans sitzen. Im Bild der Petersdom. (29. September 2012)
Reuters
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Dieses Mal soll nichts der Kontrolle des Vatikan entgehen. Damit sie nicht heimlich Aufnahmegeräte in die Verhandlung schmuggeln, werden den wenigen Journalisten, die zum Prozess gegen Paolo Gabriele zugelassen sind, sogar die Kugelschreiber abgenommen. In dem Gerichtssaal hinter dem Petersdom muss sich der frühere Kammerdiener von Papst Benedikt XVI. seit Samstag wegen der sogenannten Vatileaks-Affäre verantworten. Es geht um die Weitergabe interner Dokumente aus dem Vatikan an italienische Medien, die den Papst und seine Mitarbeiter in Verlegenheit brachten.

Welche Ziele der «Rabe» Gabriele, wie Verräter im Vatikan genannt werden, mit seinem Vorgehen verfolgte und ob er tatsächlich allein handelte, soll nun geklärt werden. Die erste Anhörung in dem Aufsehen erregenden Prozess dauert gut zwei Stunden. Gabriele, dem schwerer Diebstahl aus den innersten Gemächern des katholischen Kirchenoberhaupts vorgeworfen wird, ist im grauen Anzug zu der Verhandlung in einem vatikanischen Gerichtssaal aus dem 19. Jahrhundert erschienen. Der dreifache Familienvater sieht blass aus, in sein Gesicht kommt nur Leben, wenn er mit seiner Verteidigerin Cristiana Arru spricht.

Der Kirchenstaat will den Skandal aufarbeiten

Gabriele hört aufmerksam zu, in den Pausen starrt er auf einen Punkt auf dem Boden. Bei dem 46-jährigen Angeklagten ist auch dann keine Regung zu erkennen, als Richter Giuseppe Dalla Torre am Ende der Verhandlung praktisch alle Anträge der Verteidigung abweist. Auch die Forderung, das Verfahren einzustellen, um die Geheimnisse des Vatikan zu wahren, hat keinen Erfolg. Der Kirchenstaat ist offenbar entschlossen, den peinlichen Skandal aufzuarbeiten und die «Raben» an den Pranger zu stellen.

Dazu soll auch der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein als Zeuge vernommen werden. Der Deutsche war Gabrieles direkter Vorgesetzter und hatte den Kammerdiener mit dem Durchsickern geheimer Informationen konfrontiert. Über Gabrieles Beweggründe, unter dem Decknamen «Maria» offenbar zahlreiche Dokumente dem Journalisten Gianluigi Nuzzi zuzuspielen, wird weiter gerätselt. Schliesslich galt er als dem Papst treu ergebener Diener.

Den Ermittlern hatte Gabriele gesagt, er habe die gestohlenen Papiere weitergegeben, um gegen «das Böse und Korruption» vorzugehen. Er habe dem Papst helfen wollen und bezeichnete sich selbst als «Mittler» des Heiligen Geistes. In einem anonym geführten Interview mit Nuzzi sagte Gabriele im Februar, es gebe «etwa 20» Gleichgesinnte im Vatikan. Für Komplizen spricht zudem, dass auch nach Gabrieles Festnahme geheime Dokumente aus dem Vatikan veröffentlicht wurden.

Teil eines Komplotts

Ausserdem sagte der Anwalt des ebenfalls angeklagten Informatikers Claudio Sciarpelletti, sein Mandant habe Dokumente von einem «Monsignor» erhalten – wie im Vatikan Erzbischöfe angeredet werden –, um sie an Gabriele weiterzureichen. Es wird unter anderem vermutet, dass der als sehr fromm und diskret geltende Laie zunächst mit gutem Gewissen handelte, dann aber als Teil eines Komplotts manipuliert wurde, das die Nummer zwei im Vatikan, Kardinal Tarcisio Bertone, stürzen sollte.

Gabriele drohen im Falle einer Verurteilung vier Jahre Haft, zur Zeit steht er unter Hausarrest. Seine Bitte an den Papst, ihn zu begnadigen, hatte bislang keinen Erfolg. Nach Angaben des Vatikans ist das 85-jährige Kirchenoberhaupt tief verletzt wegen des Verrats eines Mannes, den er «gekannt, geliebt und respektiert» habe.

Tatsächlich hatte Gabriele ihm beim Ankleiden geholfen, ihm das Essen serviert und ihn im Papamobil begleitet. Sollte es im Prozess gelingen, die Hintergründe von Vatileaks zu beleuchten, könnte dies allerdings noch weitere Enttäuschungen für Benedikt XVI. bereit halten.

AFP/mw

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