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Der mysteriöse Wunschzettel der Cosa Nostra

In Italien sind spektakuläre Details über die Verhandlungen zwischen dem Staat und der sizilianischen Mafia publik geworden.

Der Wagen von Richter Giovanni Falcone nach dem Bombenattentat in Palermo am 23. Mai 1992.
Der Wagen von Richter Giovanni Falcone nach dem Bombenattentat in Palermo am 23. Mai 1992.
Keystone

Plötzlich reden sie alle. Auch jene, die davor siebzehn Jahre lang nicht reden mochten über die düsterste und rätselhafteste Stunde im Kampf Italiens gegen die Cosa Nostra. Über das Jahr 1992 also und die unklaren Hintergründe der Attentate auf zwei italienische Richter, zwei Symbolfiguren, zwei berühmte Mafiajäger: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Es kommt sehr viel neues Zeugenmaterial aus jener Zeit an den Tag. Verstörendes, Vermutetes, lange Verschwiegenes.

Eine, die aus Angst um ihre Kinder und Enkelkinder so lange nicht reden mochte, ist Agnese Borsellino, die Witwe von Paolo Borsellino, der am 19. Juli 1992 um 16.58 Uhr an der Via d’Amelio in Palermo zusammen mit seinen Bodyguards umgebracht wurde – mit hundert Kilogramm Sprengstoff. Nur zwei Monate davor war bei Capaci sein Kollege Falcone getötet worden, ebenfalls bei einem Bombenanschlag. Agnese Borsellino sagte kürzlich, ihr Mann habe damals gespürt, dass ihn die Cosa Nostra umbringen würde, weil er gegen die Verhandlungen mit dem Staat gewesen sei, weil er nicht gewollt habe, dass Rom sich von den Corleonesi erpressen lasse.

1992 – das Schlüsseljahr

Für die Cosa Nostra war 1992 ein zentrales Jahr. Viele der 360 mutmasslichen Mafiosi, die fünf Jahre zuvor im «Maxi-Prozess» in Palermo verurteilt wurden, hatten Berufung eingelegt. Es sah gut aus für eine Renaissance nach der grossen Niederlage vor Gericht. Die Kuppel, das Leitungsorgan, war nach wie vor bestellt, die grossen Bosse führten noch immer aus dem Untergrund Regie, nun sollten auch die mittleren Kader wieder freikommen.

Doch Falcone und Borsellino stellten sich quer. Sie wollten verhindern, dass noch mehr Fälle vor den Appellationsrichter gelangten, und brachten etliche Mitglieder der Organisation, die in der Zwischenzeit freigelassen worden waren, wieder hinter Schloss und Riegel. Unumstritten war ihre Aktion damals nicht. Rechte Zeitungen schrieben, Falcone handle im Auftrag der Kommunisten. Die Richter bezahlten für ihren Mut mit dem Leben.

Die Mafia überspannte den Bogen. Die sogenannte Strategie der Massaker löste in Sizilien eine einzigartige und für einmal öffentliche Empörung über die Cosa Nostra aus. 1993 nahm die Polizei den Strategen fest: Salvatore «Totò» Riina, den Boss der Bosse. Später auch Giovanni Brusca, genannt «u verru» (Sizilianisch «das Schwein»), der beim Attentat auf den Konvoi Falcones den Knopf gedrückt hatte. Die Cosa Nostra formierte sich danach neu und änderte unter ihrem neuen Boss, Bernardo Provenzano alias «Binnu u tratturi» (Binnu der Traktor), die Strategie: weniger prominente Morde, dafür mehr Effizienz in den Geschäften.

Die 12 Forderungen der Mafia

Neben der Witwe Borsellino redet nun auch Massimo Ciancimino, der Sohn von Vito Ciancimino, einst Bürgermeister Palermos und Mittelsmann der Mafia. Der Sohn steht wegen Geldwäscherei vor Gericht und fungiert nicht als Kronzeuge der Mafia, schickte aber kürzlich per Fax einen handgeschriebenen Zettel an die Ermittler der Mordfälle Falcone und Borsellino, den er in einem Safe im Ausland gefunden haben will. Auf diesem «papello» sollen die zwölf Forderungen stehen, die Salvatore Riina, der Boss der Bosse, 1992 an den Staat gestellt habe – offenbar zwischen den beiden Anschlägen. Noch warten die Ermittler auf das Original, um es einem grafologischen Test unterziehen zu können.

Erstaunlich erscheint vielen, dass der Text fast fehlerfrei ist. Riina war ungebildet, viele der Seinen auch. Ist der «papello» aber echt, wäre es der Beleg dafür, dass sich die Mafia nach dem Mord an Falcone in einer starken Verhandlungsposition wähnte. Riina, falls er der Schreibende war, forderte unter anderem eine Revision des «Maxi-Prozesses» gegen die Cosa Nostra, Hafterleichterungen für verurteilte Mafiosi, eine Art Immunität für solche, die nicht «in flagranti» erwischt wurden, sowie tiefere Benzinsteuern für Sizilien. Vito Ciancimino erzählt, sein Vater habe die Forderungen Riinas für «völlig überrissen» angesehen und ausgeschlossen, dass der Staat auf einen Deal eingehen würde.

«Verhandlungen haben Leben gerettet»

Am Wochenende hat jetzt auch Piero Grasso geredet, der Präsident der nationalen Anti-Mafia-Kommission, Italiens oberster Mafiajäger. In einem Interview auf dem dritten Staatssender, Rai Tre, sagte Grasso, die Mafia habe damals gespürt, dass sie den Staat erpressen könne: «Der Mord an Falcone ist so zu verstehen, und der Mord an Borsellino sollte die Verhandlungen mit den Vertretern der Institutionen beschleunigen.» Grasso glaubt, die Mafia habe damals geplant, auch Politiker umzubringen, zum Beispiel den mehrfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. «Dann wechselten sie aber die Zielscheibe», sagt Grasso, «weil sie wahrscheinlich verstanden hatten, dass sie nicht jene töten sollten, die ihre Forderungen einlösen konnten. Man kann also sagen, dass die Verhandlungen vielen Politikern das Leben gerettet haben.»

Di Pietro will alle Namen

So deutlich hat noch kein offizieller Vertreter des Staats bestätigt, dass Rom tatsächlich mit der Cosa Nostra verhandelte. Doch wie gingen die Verhandlungen aus? Was brachten sie der Mafia? Was den Politikern? Und darf der Staat überhaupt mit einer illegalen Organisation verhandeln?

Grassos Aussagen lösten eine Debatte darüber aus, ob die damals involvierten Politiker nicht zur Rechenschaft gezogen werden müssten – linke wie rechte. Antonio Di Pietro, der frühere Untersuchungsrichter und heutige Politiker, fordert Grasso auf, alle Namen zu nennen. Siebzehn Jahre danach.

Es dürften also noch viele mehr, die bisher geschwiegen haben, plötzlich gedrängt sein zu reden. Ob das aber alle Schatten zu lichten vermag?

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