Berufswunsch: «Hausfrau oder Bundeskanzlerin»

Die 47-jährige Andrea Nahles soll als erste Frau die deutschen Sozialdemokraten führen. Doch ihr Blick reicht längst weiter – auf die Zeit nach Angela Merkel.

Andrea Nahles prägt ihre Partei seit 20 Jahren mit. Foto: Michael Kappeler (Keystone)

Andrea Nahles prägt ihre Partei seit 20 Jahren mit. Foto: Michael Kappeler (Keystone)

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Zweimal in den letzten Wochen hat Andrea Nahles die Rede gehalten, die Martin Schulz hätte halten müssen. Wo der Parteichef herumeierte, packte sie den Stier bei den Hörnern. Den Gegnern einer Grossen Koalition rief sie am Parteitag im Dezember ins Gesicht, dass nicht Angela Merkel der Grund für die Misere der europäischen Sozialdemokratie sei. Statt zu jammern, schwor sie die Genossen auf Kampf ein: «Jetzt wird die SPD eben wieder gebraucht, bätschi! Und sie zu kriegen, wird ganz schön teuer werden. Bätschi!» (Ätsch)

Am Sonderparteitag im Januar brachte sie den Saal zum Kochen, als sie die Frage in den Raum stellte, wie die Wähler es denn wohl finden würden, wenn die SPD sich weigere mitzuregieren, obwohl sie viele ihrer Versprechen dabei umsetzen könnte. «Die zeigen uns den Vogel!», brüllte sie. Viele glauben, die Delegierten hätten den Koalitionsverhandlungen am Ende nur wegen ihrer Rede knapp zugestimmt.

Hinter den Kulissen der Partei war schon länger sie es, die die Fäden in der Hand hielt. In den Verhandlungen mit der Union war sie die Autorität in der SPD, um die alles kreiste: willensstark, diszipliniert, fachlich beschlagen, als Verhandlerin beinhart, aber gleichwohl stets lösungsorientiert, zudem hoch geschätzt von ihren Gegenübern Angela Merkel und Horst Seehofer. Und lachen kann man mit ihr auch noch.

Gottesgeschenk an die SPD

Dass Schulz Nahles nun den Parteivorsitz abtritt, vermutlich schon an der Präsidiumssitzung morgen Dienstag, vollzieht also nur äusserlich jene Machtverschiebung nach, die längst stattgefunden hat. Die Bestätigung durch einen neuerlichen Parteitag vorausgesetzt, wird die 47-Jährige aus Rheinland-Pfalz als erste Frau die mehr als 150-jährige SPD führen. Sie hatte das Amt zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesucht. Seit sie Chefin der neuen Fraktion des Bundestags ist, ruht ihre Macht bereits auf solider Basis.

Ihr Blick zielt auf die Zeit nach Merkels Abgang, spätestens 2021. Dafür hätte es ihr auch genügt, die Partei 2019 zu übernehmen, um danach die Kanzlerkandidatur aufzubauen.

Video: «Es ist ihm nicht leichtgefallen»

Nahles forderte ein Ende der Personaldebatte in der SPD. (Video: Tamedia/Reuters)

Nahles ist fast eine Generation jünger als ihre etwa 60-jährigen Vorgänger Schulz und Sigmar Gabriel und hat dennoch bereits mehr als 20 Jahre lang die Geschicke der Partei mitgeprägt. Sie wurde als schrille Juso-Chefin bekannt, als Revoluzzerin, die dem Volkstribun Oskar Lafontaine nacheiferte und den Pragmatiker Gerhard Schröder als «Abrissbirne» der Sozialdemokratie bezeichnete. Lafontaine wiederum nannte die junge Nahles damals ein «Gottesgeschenk an die SPD».

2005 stürzte sie den damaligen Vorsitzenden Franz Müntefering. Zuvor hatte sie gegen seinen Willen gewagt, als Generalsekretärin zu kandidieren. Den Posten übernahm sie am Ende erst vier Jahre später, als Gabriel sie rief. Sie litt unter den Launen des chaotischen Feuerkopfs, aber biss sich durch. Nahles wurde dabei gewissermassen innerparteilich resozialisiert: Erstmals trat sie im Namen der gesamten SPD auf und nicht als Lautsprecher des linken Flügels. 2013 boxte sie sich als Arbeitsministerin in die Grosse Koalition und bewies im Nu, wie effizient und ideologiefrei sie regieren konnte. Sie verabschiedete 40 Gesetze in drei Jahren, darunter so bedeutsame wie die Einführung des Mindestlohns, und erwarb sich grossen Respekt von Freund und Feind.

In Deutschland oder auch nur der SPD beliebt geworden ist sie nicht. Den Linken gilt sie als Verräterin.

In Deutschland oder auch nur in der SPD beliebt geworden ist sie auf ihrem langen Marsch durch die Partei aber nicht. Den Linken, die jetzt gegen die erneute Regierungsbeteiligung schimpfen, gilt sie als Verräterin, vielen Rechten ist sie als ehemalige Linke immer noch suspekt. Ihr Image ist erstaunlich schlecht, obwohl ihr Profil der SPD durchaus einen Weg in die Zukunft weisen könnte: urlinke Seele, dennoch kompromisslos kompromissbereit, sobald es um die Macht geht, linke Anliegen auch durchzusetzen. «Sie brennt für die Sache, nicht für sich selber», sagt selbst der von ihr einst gestürzte Müntefering.

Viele Deutsche mögen ihr «Bätschi»-Gepolter nicht, tragen es ihr nach, wenn sie ihren Gegnern juxhalber androht, von jetzt an gebe es «in die Fresse». Und dann ist sie zu allem Überfluss noch eine Frau. Nahles hat öfter beklagt, dass kämpferische Frauen ganz anders bewertet würden als machtbewusste Männer. Sie sei nun mal nicht sehr mädchenhaft, sagte sie im letzten Sommer dem «Spiegel». Dann stelle man sie immer gleich als Bärbeissige oder als Königsmörderin dar, nur weil sie sich nicht wegschubsen lasse. «Egal, was ich mache, es ist immer irgendwie halb falsch.»

Video – Schulz verzichtet auf Ministeramt in neuer grosser Koalition

Schulz erklärte in Berlin, er sehe durch die Diskussion um seine Person den Erfolg des SPD-Mitgliedervotums über den Koalitionsvertrag gefährdet.

Dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) sagte sie, sie habe es aufgegeben, um ihr Image zu kämpfen. Ihr Ding sei nur noch Leistung und Glaubwürdigkeit. Geliebt zu werden sei in der Politik nicht vonnöten, Respekt genüge auch. Diese Haltung hat einiges mit derjenigen Angela Merkels gemein, deren Art zu regieren sie in den letzten vier Jahren eifrig studiert hat.

Wie Merkel stammt Nahles aus der Provinz und wurde lange belächelt. Als Tochter eines Maurermeisters durfte sie im Unterschied zu ihrem Bruder erst nicht aufs Gymnasium, studierte am Ende aber dennoch Germanistik. Sie ist sehr katholisch und rückt politisch dennoch weit nach links. Bis heute lebt sie in ihrem kleinen Heimatdorf in der Eifel, im Bauernhaus, in dem schon ihre Urgrosseltern wohnten. Sie hat eine siebenjährige Tochter, die sie seit der Trennung von ihrem Mann mit der Hilfe ihrer Mutter aufzieht. «Ich habe die Entscheidung getroffen: Arbeit und Ella – für mehr habe ich keine Zeit.»

In der Maturazeitung stand bei ihrem Berufswunsch: «Hausfrau oder Bundeskanzlerin». Ihr grösstes Handicap auf dem Weg ans zweite Ziel ist – abgesehen von der momentanen Schwäche ihrer Partei – der Umstand, dass Nahles noch nie eine Wahl gewonnen hat. Das aber hatte Merkel damals auch nicht, auch sie sprang von der Spitze von Fraktion und Partei ins Kanzleramt. Und sie weiss, was sie will: «Ich habe Pläne», sagte sie dem SZ-Magazin. «Bis jetzt bin ich im Plan.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 20:43 Uhr

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