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«Dann wird das Umfeld nervös und schlägt zu»

Ulrich Tilgner über den Terror von Brüssel und die Frage, ob es eine Vergeltung für die Festnahme von Salah Abdeslam ist.

Die belgische Verkehrsministerin Jacqueline Galant hat nach Vorwürfen an den Sicherheitsmassnahmen auf den Flughäfen ihren Rücktritt eingereicht. (15. April 2016)
Die belgische Verkehrsministerin Jacqueline Galant hat nach Vorwürfen an den Sicherheitsmassnahmen auf den Flughäfen ihren Rücktritt eingereicht. (15. April 2016)
AFP
In Belgien läuft die Suche nach Terroristen weiter: Belgische Polizisten bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Etterbeek. (9. April 2016)
In Belgien läuft die Suche nach Terroristen weiter: Belgische Polizisten bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Etterbeek. (9. April 2016)
Thierry Charlier, AFP
Ein belgischer Polizist nimmt einen Tatverdächtigen fest.
Ein belgischer Polizist nimmt einen Tatverdächtigen fest.
Keystone
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Herr Tilgner, am Freitag wurde Salah Abdeslam in Brüssel festgenommen. Heute die Anschläge. Besteht ein Zusammenhang?

Wenn ein Terrorverdächtiger festgenommen wird, werden die Leute in dessen Umfeld möglicherweise nervös und führen einen bereits geplanten Anschlagsplan sofort aus.

Also hat der sogenannte Islamische Staat, der jetzt als Urheber angegeben wird, diesen Anschlag nicht so kurzfristig geplant?

Ich halte es für übertrieben, immer den IS als Auslöser zu sehen. Der IS ist die Macht im Hintergrund, die grünes Licht für derartige Anschläge gibt. Die Anschläge selbst liegen natürlich in den Händen der Attentäter und ihres Umfeldes.

Das heisst, Sie sehen die Anschläge nicht als Vergeltungsaktion für die Festnahme Abdeslams.

Die Anschläge heute in Brüssel sind vor allem eine Reaktion auf die seit eineinhalb Jahren geflogenen Luftangriffe auf die Stellungen des IS im Nahen Osten. Denn gegen die Luftangriffe selbst kann der IS nichts ausrichten.

Bitte führen Sie das genauer aus.

Die Luftangriffe fordern zivile Opfer und führen zu einer Verbitterung in der vom IS kontrollierten Bevölkerung. Über zivile Todesopfer von russischen Angriffen in Syrien berichten die Medien, über diejenigen von westlichen Angriffen allerdings selten. Potenzielle Attentäter hier in Europa kennen die Situation in Syrien und im Irak genau, denn sie erhalten ihre Informationen durch soziale Medien und Internetseiten. Das steigert deren Verbitterung.

Und dann schlagen sie zu.

Besonders wenn sie unter Druck geraten wie derzeit in Europa. Die Attentäter agieren nach dem Motto «Besser noch die Anschläge ausführen, bevor eine Verhaftung droht». Schliesslich wissen sie nicht, ob die Behörden sie beobachten. Der asymmetrische Krieg hat Europa erreicht. Zuerst Frankreich und jetzt Belgien.

Sie meinen, dass die Attentäter weiche Ziele auswählen, die von vielen Zivilisten frequentiert werden.

Ja. Die Anhänger des IS in Europa und die Rückkehrer aus dem Nahen Osten verüben Angriffe auf Ziele, die kaum zu schützen sind.

Die ersten Minuten nach den Explosionen im Flughafen und den U-Bahn-Stationen.

Haben die belgischen Behörden nicht damit gerechnet?

Doch, sie haben damit gerechnet. Nur wissen die Behörden nicht, wer genau aktiv ist und Anschläge verüben wird. Die Sicherheitskräfte können Anschläge nicht verhindern, wenn potenzielle Attentäter frei herumlaufen.

Was bedeutet das für die Sicherheitslage in Europa?

Die Mehrheit der Anschläge wird nicht zu verhindern sein, weil die Attentäter aus dem Nichts kommen, zuschlagen und dann verschwinden. Die Situation ist unberechenbar und deswegen so gefährlich. Die Attentäter sind sehr diszipliniert und vorsichtig in der Kommunikation. Sie bereiten die Anschläge im Geheimen vor und schlagen dann zu.

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