Der Blitzauftritt der Drachme

Auf einer Hotelrechnung eines Journalisten taucht die alte griechische Währung auf – und verschwindet plötzlich wieder. Derweil halten die Banken einen Grexit für wahrscheinlich.

Wird als Alternative zum Euro gehandelt: Die alte griechische Währung Drachme (15. Januar 2015).

Wird als Alternative zum Euro gehandelt: Die alte griechische Währung Drachme (15. Januar 2015).

(Bild: Keystone Roland Schlager)

Hannes von Wyl@hannesvonwyl

Griechenland ist seit einiger Zeit ein arbeitsreiches Pflaster für Journalisten, besonders diejenigen der grossen Wirtschaftsblätter. Korrespondenten berichten über bargeldlose Rentner, Redaktoren analysieren die Auswirkungen der Kapitalkontrollen auf das griechische Bankensystem.

So auch «Bloomberg Business». Einer ihrer Journalisten nächtigte in den letzten Tagen im Hilton in Athen, wie die Agentur für Wirtschaftsnachrichten schreibt. Die Übernachtungen, die der Journalist per Kreditkarte bezahlte, kosteten 241 Dollar – oder 217 Drachmen.

Auszug der Hotelrechnung. (Screenshot «Bloomberg Business», 9. Juli 2015)

Auf Nachfrage des Nachrichtenportals wollten sich die Kreditkartenfirma und die Bank des Journalisten nicht zum Auftauchen der alten griechischen Währung äussern. Eine Sprecherin des Hilton-Hotels sagte, der Betrag sei in Euros abgerechnet worden. Die Bank des Hotels wollte die Sprecherin nicht bekannt geben.

Das Auftauchen der Drachme im Zahlungsverkehr macht stutzig. Die alte griechische Währung ist seit der Einführung des Euros 2002 nicht mehr in Gebrauch. Angesichts der massiven Staatsverschuldung und des drastischen Einbruchs der Wirtschaftsleistung wird aber seit einiger Zeit über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion spekuliert.

Kommt es tatsächlich zu einem Grexit, wäre die Wiedereinführung der Drachme eine mögliche Konsequenz. In diesem Fall müssten Banken und Kreditkartenfirmen ihre Systeme schnell auf die neue Währung umstellen können, schreibt die Nachrichtenagentur.

Pessimistische Banken

Noch ist es nicht so weit. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hatte zuletzt versprochen, Griechenland werde den Euro behalten. Das will auch der grösste Teil der Bevölkerung. Rund drei Viertel gaben vor dem Referendum über das Reformprogramm der Geldgeber an, in der Eurozone verbleiben zu wollen.

Um einen Grexit zu verhindern, muss Tsipras bis heute Mitternacht erneut Vorschläge für Reformen vorlegen. Nur wenn diese konkret (und einschneidend) genug seien, könne über erneute Finanzhilfe verhandelt werden, heisst es vonseiten der Gläubiger. Diese signalisierten zuletzt zumindest vage Entgegenkommen. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, die neuen Vorschläge müssten von den Gläubigern mit «einem ebenso realistischen Vorschlag bei der Schuldentragfähigkeit» begleitet werden. Und auch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), wiederholte ihre Forderung nach einer Umschuldung – mit der gleichen Begründung.

Pessimistischer sind die internationalen Grossbanken. In Umfragen von «Bloomberg Business» und der «Handelszeitung» glauben alle befragten Analysten, dass Griechenland früher oder später aus dem Euroraum aussteigen werde. Bei der UBS etwa beziffert man die Wahrscheinlichkeit für einen Grexit auf 50 bis 60 Prozent – nach 30 bis 40 Prozent in der Schätzung von vergangener Woche. Ein neuer Deal sei «möglich, aber schwierig».

Bis zum Sonntag sollen die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und ihren Geldgebern über Reformen und weitere Kredite abgeschlossen sein. Mindestens bis dahin bleibt der Euro die offizielle Währung Griechenlands. Das zeigt auch die Hotelrechnung des Bloomberg-Journalisten: Einen Tag nachdem die Nachrichtenagentur Nachforschungen über das Auftauchen der Drachme anzustellen begann, wurde die Rechnung geändert: Die Übernachtungen haben nun 217 Euro gekostet.

Als wäre nichts geschehen: Die Währung wurde auf Euro gewechselt. (Screenshot «Bloomberg Business», 9. Juli 2015)

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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