Das Geheimnis des grossen Europäers

Deutsche Einheit und europäische Einigung: Das ist Helmut Kohls Lebenswerk. Um sein Ehrenwort zu halten, nahm er seine eigene Demontage in Kauf. Der Altkanzler ist 87-jährig in seinem Haus in Ludwigshafen gestorben.

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«Helmut Kohl – Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas»: Das stand vor fünf Jahren auf einer Sonderbriefmarke. Anlass dafür war der 30. Jahrestag der Wahl von Helmut Kohl zum deutschen Bundeskanzler. Am 1. Oktober 1982 war Kohl durch ein konstruktives Misstrauensvotum gegen seinen Vorgänger Helmut Schmidt im Bundestag zum Regierungschef gewählt worden.

Er blieb es während 16 Jahren, niemand war länger Bundeskanzler als Kohl. Es war nicht sein einziger Rekord: Während 25 Jahren stand er an der Spitze der CDU. Von 1969 bis 1976 am­tete er zudem als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

Höhepunkt der Kanzlerschaft von Helmut Kohl war die deutsche Wiedervereinigung. Die Sonderbriefmarke von 2012 würdigte Kohls Rolle als nationale und europäische Integrations­figur, als Kanzler der Einheit und als Gefühlseuropäer. Aber sie ­verschweigt, dass er davor lange Zeit in Ungnade gefallen war.

1989 ist die Zäsur im Nachkriegseuropa, 1999 aber war die Zäsur in der Aussenwirkung des Helmut Kohl: die Parteispendenaffäre. Plötzlich gingen alle auf Distanz zum einstigen Machtmenschen Kohl, der 1998 – gegen Gerhard Schröder – die Wiederwahl nicht geschafft hatte. Ehrenvorsitzender der Partei war er seit jenen schwarzen Stunden für die CDU nicht mehr.

Schwarze Konten

Auf dem Höhepunkt des Skandals sagte sich Angela Merkel im ­Dezember 1999 öffentlich von Kohl los, trat aus seinem Schatten und rettete sich dadurch. Sie war damals CDU-Generalsekretärin. Andere versanken im Spendensumpf.

Das Geheimnis der schwarzen Konten hat Kohl nie gelüftet. Wer waren die edlen Spender, welche der CDU mit 2,1 Millionen D-Mark unter die Arme griffen und denen Kohl Anonymität versprach? Kohl hielt sein Ehrenwort und schwieg standhaft. Er hat dafür seine Demontage in Kauf genommen. Statt zum ­Nationalheiligen wurde er zum Paria. Aus vielen Freundschaften wurden Feindschaften. Jetzt nimmt er sein Geheimnis mit ins Grab.

In den letzten Jahren war es still geworden um Kohl. Seit einem Sturz im Februar 2008 war Kohl auf den Rollstuhl angewiesen und konnte nur schwer sprechen. Er hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seine zweite Frau Maike Kohl-Richter schirmte ihn in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim von der Aussenwelt ab.

Dort hatte er zuvor über Jahrzehnte mit seiner ersten Frau Hannelore und den beiden Söhnen gelebt. Hannelore, die er 1960 geheiratet hatte, litt an einer schmerzhaften Lichtallergie, 2001 nahm sie sich das Leben.

«Kohls Mädchen»

Die politische Karriere von Angela Merkel wäre ohne Helmut Kohl schwer vorstellbar. Sie hat ihren rasanten Aufstieg Kohl zu verdanken, jahrelang war sie «Kohls Mädchen» oder die «Quoten-Ossi». Kohl hatte sie im Alter von 36 Jahren zur Frauenministerin im ersten gesamtdeutschen Kabinett gemacht.

In den letzten Jahren würdigte Merkel ihren Vorvorgänger und einstigen Parteipatriarchen mehrfach öffentlich. «Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert», sagte sie am Freitag in Rom und nannte Kohl einen «Glücksfall für uns Deutsche». (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2017, 21:04 Uhr

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