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Das deutsche Gesicht der Krise

Der 39-jährige Gesundheitsminister Jens Spahn wird für sein besonnenes Vorgehen gegen die Corona-Epidemie bisher allseits gelobt. Doch das Schwierigste steht ihm vermutlich noch bevor.

«Jens Spahn macht einen tollen Job»: Angela Merkel (r.) lobte den Gesundheitsminister (l.) öffentlich. Foto: Omer Messinger (EPA)
«Jens Spahn macht einen tollen Job»: Angela Merkel (r.) lobte den Gesundheitsminister (l.) öffentlich. Foto: Omer Messinger (EPA)

Angela Merkel lobt ihre Minister selten öffentlich, insofern hatte es Gewicht, als sie am Mittwoch vor versammelter Hauptstadtpresse sagte: «Jens Spahn macht einen tollen Job.» Es war ihr erster gemeinsamer Auftritt mit dem Gesundheitsminister, seit das Coronavirus auch Deutschland voll erfasst hat. Bisher hatte sie Spahn die Bühne stets überlassen und selbst nur eine Nebenrolle gespielt.

Das Lob der Kanzlerin für ihren jüngsten Minister war auch insofern bemerkenswert, als sie mit ihm in der Vergangenheit oft über Kreuz lag. Spahn ­kritisierte ihre Flüchtlingspolitik härter als jeder andere CDU-Politiker und profilierte sich als Jungstar der Konservativen mit Vorliebe gegen sie. Doch mittlerweile, hört man, hätten sie viel Respekt füreinander und arbeiteten gut zusammen.

Kein Ehrgeizling mehr

Noch bemerkenswerter als das Lob der Chefin ist freilich, dass Spahns Krisenmanagement zuletzt von Politikern quer durch alle Parteien gepriesen wurde, von den Grünen bis zur FDP. Selbst in der Linkspartei und der AfD gaben viele hinter vorgehaltener Hand zu, dass der Gesundheitsminister gerade ziemlich viel richtig mache.

Dass Spahn ein ausserordentliches politisches Talent ist, war schon länger bekannt. Doch ­viele nahmen ihn bisher vor allem als monomanischen Ehrgeizling wahr, als einen, der gerne provoziert, laute Ansagen macht und alle Probleme gleichzeitig lösen will. In der Krise nahm er sich nun eisern zurück. Und überzeugte vor allem mit Besonnenheit, Klarheit und Ernst.

Meist tritt er mit Experten an seiner Seite auf, Schwachstellen spricht er selbst an. Er legt offen, was man noch nicht weiss, verweigert Garantien, wenn er nicht glaubt, sie einhalten zu können. Permanent stimmt er sich mit den Gesundheitspolitikern des Bundestags ab, den anderen ­Ministern, den Amtskollegen in Europa oder in den USA.

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Spahns Botschaften haben sich im Laufe der letzten drei Wochen ­erheblich verändert, im Gleichschritt mit der Epidemie. Während er anfangs noch gegen übertriebene Panikmache anredete, warnt er nun zunehmend davor, die Gefahr zu unterschätzen. Als er vor einigen Tagen merkte, dass sich lokale Behörden damit schwertaten, Messen, Konzerte und Fussballspiele abzusagen, empfahl er es offiziell. Seither setzt sich die Empfehlung nach und nach im ganzen Land durch.

Hohes Risiko

Das deutsche Paradox ist ja, dass Spahn zwar im Rampenlicht steht, selbst aber fast nichts entscheiden kann. Für Schutzmassnahmen sind die lokalen Behörden verantwortlich. «Minimale Zuständigkeit, maximale Arbeit» nannte es die «Frankfurter Allgemeine». Auch dass Spahn nun so gelobt wird, heisst noch nicht viel: Man stehe erst ganz am Anfang der Krise, sagte er am Mittwoch selbst. Noch hat Deutschland proportional weniger Infizierte und Tote als Frankreich, Spanien oder die Schweiz – von Italien ganz zu schweigen. Doch das braucht nicht so zu bleiben.

In Krisen werden Helden geboren, aber auch Versager. Die ehemaligen Kanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder verdankten ihrem ­entschlossenen Handeln in Flutkatastrophen ein Stück ihrer Legende. Die Rinderseuche BSE hingegen fegte 2001 gleich zwei deutsche Minister aus dem Amt.

Innenminister Horst ­Seehofer, fast doppelt so alt wie Spahn, riet dem jungen Minister deswegen offenbar, von Anfang an möglichst hart durchzugreifen und dies auch öffentlich kundzutun. Handle man zu zögerlich, ende man leicht vor einem Untersuchungsausschuss.

Nichts liegt weniger in Spahns Interesse als dies. Er hat nie mit seiner Ambition hinter dem Berg gehalten, dereinst selbst Bundeskanzler zu werden – wie sein ­guter Freund Sebastian Kurz in Österreich. Weil er strategisch denkt, kandidiert er jetzt nicht für den Vorsitz der CDU und die Nachfolge von Merkel als Kanzlerin. Nobel reihte er sich hinter dem aussichtsreichsten Kandidaten ein – und wird Armin ­Laschets Vize werden, wenn dieser gewinnt. Erst einmal steht ihm freilich seine eigene Prüfung bevor: Deutschland vor Zuständen wie in Italien zu bewahren.

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