Das Armenhaus will sich abspalten

In Bulgariens Nordwesten bemühen sich viele um ein Unabhängigkeitsreferendum und den Anschluss an Rumänien. Nicht nur den besseren Lebens­standard nennen sie als Grund: In Rumänien sei die Justiz weniger korrupt.

Eine Ziege inspiziert ein heruntergekommenes Klassenzimmer in der Stadt Widin. Die Region gilt als ärmste in der EU.<p class='credit'>(Bild: Getty Images)</p>

Eine Ziege inspiziert ein heruntergekommenes Klassenzimmer in der Stadt Widin. Die Region gilt als ärmste in der EU.

(Bild: Getty Images)

Seit Bulgariens EU-Beitritt 2007 ziert den verarmten Nordwestzipfel des Balkanstaats als ärmste Region in Europas Wohlstandsbündnis die zweifelhafte Ehre der roten Laterne. In der Rangliste der reichsten Regionen dümpelt «Severozapaden» («Nordwest») bereits seit elf Jahren mit einem Bruttosozialprodukt von weniger als einem Drittel des EU-Mittels auf dem letzten Platz.

Mit ihrem Dauerlos als Europas hoffnungsloseste Rückstandsregion wollen sich indes keineswegs alle von deren rund 840'000 Bewohner mehr abfinden: Mit ihrer Forderung nach einem Unabhängigkeitsreferendum und einen etwaigen Anschluss an das nahe Rumänien sorgen streitbare Separatisten nicht nur im eigenen, sondern auch im Nachbarland zumindest für gehörigen Medienwirbel.

Puigdemont als Vorbild

Der Nordwesten wolle nicht mehr Teil von Bulgariens Korruption sein, begründete der Initiator Boris Kamenow vergangene Woche in einem Interview mit dem TV-Sender Nova die nun in den drei ärmsten der fünf Distrikte der Region begonnene Unterschriftensammlung für eine Loslösung vom Mutterland: «Wir kämpfen für eine Demokratie ohne Korruption.»

Gefragt, warum er für einen Anschluss seiner Heimat an den Nachbarn Rumänien sei, führte der Mann mit der schwarzen Strickmütze dessen «effektiveres» Rechtssystem ins Feld: «Die rumänische Justiz ist viel demokratischer und reformiert.»

Zwar hat die Armutsregion mit dem wohlhabenden Katalonien nur wenig gemein. Doch auf die Frage, ob Provinzstädte wie Montana, Widin oder Wraza zu einem Barcelona werden könnte, reagierte Kamenow mit einem Lächeln: Der Nordwesten könnte «einen Mann wie Carles Puigdemont gebrauchen».

Ein namentlich nicht vorgestellter Mitstreiter führte vor der Kamera auch ökonomische Gründe für den Separatistenfeldzug in der Armutsregion auf. Die Löhne am rumänischen Nordufer der Donau seien fast doppelt hoch wie in Bulgariens Nordwesten: «Wir müssen zur Arbeit in die Grossstädte fahren. Denn hier gibt es nichts.»

Tatsächlich liegt die Arbeitslosenrate in den drei ärmsten Distrikten im Nordwesten mit 19 bis 22 Prozent mehr als das Doppelte über dem Landesmittel. Doch trotz der sozialen Misere halten regionale Amtsträger und nationale Medien das von den Separatisten angestrebte Katalonien-Szenario in Bulgariens darbender Nordwestperipherie für Hirngespinste.

«Nicht ernst zu nehmen»

«Unsinn oder Propaganda eines ausländischen Staats?», fragt sich erbost das Webportal der Zeitung «24 casa». Zu diesem «Mist» werde er keinen Kommentar ab­geben, so der Bürgermeister in Wraza. Die territoriale Integrität des bulgarischen Einheitsstaats sei «unantastbar», versichert sein Amtskollege in Widin. Die Autonomieforderungen seien nicht ernst zu nehmen, beteuert der Bürgervater in Montana.

Doch nicht nur mit ihrer Unterschriftenaktion, sondern auch mit einer am 21. Januar in Mon­tana geplanten Demonstration wollen die Initiatoren ihren Sezessionsforderungen Nachdruck verleihen. Die Menschen im Nordwesten seien dafür bekannt, «Kämpfer» zu sein, so Boris Kamenow.

Berner Zeitung

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