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Briten verabschieden sich mit Sekt, Tränen und mulmigen Gefühlen

Grossbritannien gehört nicht mehr zur EU. Bei den Feierlichkeiten dazu zeigte sich, wie polarisiert das Land ist.

So feiert London den Brexit. Video: Tamedia

Von heute an will Boris Johnson das Wort «Brexit» nicht mehr ­hören. Seine Mitarbeiter und ­Ministerialbeamten hat er bereits angehalten, es aus ihrem Vokabular zu streichen. Nun, da Grossbritannien aus der EU ausgetreten ist, soll niemand daran zweifeln, dass der Premier sein Wahlversprechen gehalten und es seinem Land ermöglicht hat, den Brexit hinter sich zu bringen. Im Laufe der Woche hatte sich Johnson bereits bei den im ­Brexit-Ministerium beschäftigten Beamten bedankt für ihre «gute Arbeit». Gestern Nacht wurde das Ressort aufgelöst.

In den letzten Stunden vor dem Austritt war das B-Wort ­natürlich noch einmal in aller Munde. «Brexit Day» war der Tag, auf den die Brexiteers sehnlichst gewartet hatten. Um das Ereignis zu würdigen, hatte Johnson seine Kabinettskollegen zur wöchentlichen Sitzung nicht in Downing Street empfangen, sondern sie ins nordenglische Sunderland beordert. Sunderland, eine Anti-EU-Hochburg, war der Wahlkreis gewesen, der in der Referendumsnacht von 2016 das erste Ergebnis lieferte – 61 Prozent für den Brexit.

Dass seither der grosse ­Nissan-Betrieb der Stadt, nicht zuletzt wegen Brexit-Ängsten, gehörig ins Schleudern geriet, und sich auch Leute in Sunderland Sorgen über die Zukunft machen, konnte für die in Feierlaune ange­rückte Regierung begreiflicherweise kein Thema sein. In einer feierlichen Fernsehansprache beschwörte Johnson «die Morgenröte einer neuen Ära» herauf. Der Abschied von der EU war für ihn «kein Ende, sondern ein Neuanfang – ein ­Augenblick echter nationaler ­Erneuerung». Nun hebe sich «der Vorhang für einen neuen Akt». Johnson versuchte aber, nicht allzu provokativ zu tönen.

Feiern ohne Glockengeläut

Ein paar öffentliche Gebäude hatte er anstrahlen und an den Fahnenmasten am Parliament Square Union Jacks aufziehen lassen. In der Downing Street wurden die Sekunden zum ­Austrittszeitpunkt – 23 Uhr britischer Zeit – heruntergezählt. Ansonsten aber gab es keinen offiziellen Festakt, kein Feuerwerk, kein Glockengeläut. Für weiser hielten es aber die meisten Konservativen, wie der Brexit-Veteran Steve Baker, ihr Glas Champagner «diskret» hinter verschlossenen Türen zu trinken. Denn wiewohl Boris Johnson frohgemut verkündet hatte, dass nun die Zeit der grossen Heilung beginne, förderte der «B-Day» nur wieder den bitteren Zwiespalt in der Bevölkerung und die ­Wunden der zurückliegenden Schlachten zutage.

Untröstliche Gruppen proeuropäischer Briten zogen an der Seite bedrückter EU-Bürger durch die Strassen, um sich zu eigenen «Trauerfesten» zu sammeln. Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan öffnete in der Stadt ansässigen Europäern die Tore des Rathauses für Kaffee, Gratisrechtsberatung und ­«Hilfe emotionaler Art».

Unter dem Riesenrad an der South Bank war eine «stille Kundgebung» geplant, bei der kleine Lichter «zum Protest gegen den Austritt» geschwenkt werden sollten. Manche Brexit-Gegner stellten zum Zeichen ihrer weiteren Verbundenheit mit Europa abends Kerzen in ihre Fenster. Ähnliche Gesten gab es in ­vielen britischen Städten und Ortschaften. Beidseits der nordirischen Grenze stellten Demonstranten ausserdem Poster mit der Aufschrift «Der Kampf geht weiter» auf.

Bad News zum «B-Day»

Auch Schottland, das beim ­Referendum 2016 zu fast zwei Dritteln für den Verbleib in der EU gestimmt hatte, meldete ­weiterhin den Willen zu vehementem «Widerstand» gegen die neue Lage. Bei den Schotten, meinte gestern deren Regierungschefin Nicola Sturgeon, mische sich in die Trauer über den Abschied von der EU auch echter Grimm. Erstmals seit fünf Jahren zeigte eine neue, zum «Brexit-Tag» veröffentlichte Umfrage, dass eine knappe Mehrheit der Schotten, wenn sie die Chance erhielte, jetzt für die schottische Unabhängigkeit stimmen würde – viele in der Hoffnung, als von England abgekoppelte Nation wieder in die EU aufgenommen zu werden.

Just zum «B-Day» erfuhren die Briten auch, dass ihre Regierung sie nun erstmals offen auf künftige Grenzkontrollen und «Extraprozeduren» im Kontakt zum Kontinent vorbereitet.

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