Bonjour, Tristesse

Eine Fahrt durch Paris zeigt, wo die Präsidentschaftsfavoriten ihre Wähler finden: Emmanuel Macron in der City, François Fillon im Vorort, Jean-Luc Mélenchon in der Banlieue ­und Marine Le Pen an den ausfransenden Stadträndern.

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Im 14. Stadtbezirk von Paris ist die Welt noch in Ordnung: In der Fussgängerpassage der Rue Daguerre grüssen sich die Nachbarn – alteingesessene Handwerker, Gewerbetreibende und zugezogene Bobos (Bourgois-Bohème). Rama Rigolot, die einen Laden für Innendekoration führt und Branchenmessen organisiert, klebt abends Plakate für Emmanuel Macron. «Es wäre gut, wenn wir einmal einen Präsidenten kriegen würden, der nicht in den Hinterzimmern schummelt, sondern das Land gegen aussen öffnet», meint die 47-jährige Pariserin senegalesischer Herkunft.

«Ohne neue Köpfe kein politischer Wandel»

Die grazile Frau macht in einem der lokalen Macron-Komitees mit, von denen es in Paris wimmelt. Sie hat eine Kurzausbildung als Wahlbüroaufseherin erhalten. Wenn Macron gewählt wird, will sie im Juni bei den Parlamentswahlen antreten. Dass sie über keine politische Erfahrung verfügt, sieht sie eher als Vorteil: «Ohne neue Köpfe kein politischer Wandel!»

Ins gleiche Horn stösst Rémi Bouton, Leiter des benachbarten Macron-Komitees. «Bei uns machen Studenten und Rentner, Erwerbstätige und Arbeitslose mit. Und die meisten hatten sich zuvor nie in der Politik betätigt», freut sich der 55-jährige Journalist und Alleinunternehmer. «So unterschiedlich wir sind, wollen wir alle dasselbe: Dass wir von den Partikularinteressen zum Allgemeinwohl zurückfinden. Und der einzige Kandidat, der ­dafür bürgt, ist Macron.»

«Die Leute wählen uns, weil sie nicht wollen, dass die Banlieue-Probleme hierherkommen.»

François Hélie, Front National

Gleich neben der Rue Daguerre fährt die Vorstadtbahn RER Richtung Süden ab. Bei der Cité Universitaire steigen die letzten Studenten aus. Wenige Minuten später hält der Zug in Bagneux, einem Bahnhof der «petite couronne», des inneren Vorortsrings der Hauptstadt. In den schmucken ehemaligen Arbeiterhäuschen lebt heute die Pariser Mittelklasse, die sich die horrenden Wohnpreise der Innenstadt nicht mehr leisten kann.

Verändert hat sich damit auch die politische Kultur: Der junge Republikaner Sébastien Trouillas, der berufspolitische Ambitionen hegt, hat im Viertel soeben sein Bereitschaftsbüro eröffnet. Er ärgert sich, dass ein Unbekannter über das Plakat des konservativen Kandidaten François Fillon «voleur» (Dieb) gepinselt hat – eine Anspielung auf die Finanzaffäre um ihn und seine Frau Penelope.

Darüber spricht Trouillas ungern. Der joviale Ex-Mediziner erzählt lieber, dass seine Mitarbeiter am Vorabend beim Plakatkleben von einem Linkskandidaten tätlich angegriffen worden seien. «Hier ist die Lage angespannt. Sind Ihnen die Jungs bei der RER-Station aufgefallen? Alles Dealer. Wenn Fillon gewählt wird, wäre meine erste Eingabe, die Bewaffnung der hiesigen Gemeindepolizei zu fordern.»

«Ein Existenzminimumvon 1000 Euro»

Auf der Weiterfahrt in der RER ändert die Hautfarbe der Fahrgäste und vor den Fenstern die Höhe der umliegenden Gebäude. In Massy erreichen die schachbrettartigen Einwandererwohnsiedlungen bereits zehn Stockwerke – willkommen in der Banlieue. Hier stimmt niemand mehr für Fillon, hier ist, politisch ­gesprochen, die rote Zone, früher von den Kommunisten gehalten, heute vom Linkskandidaten Jean-Luc Mélenchon.

An diesem Tag ist sein Wirtschaftsberater Liêm Hoang-Ngoc nach Massy gekommen. Der Sohn vietnamesischer Eltern bringt dem Immigrationsort, in dem Mélenchon vor vier Jahrzehnten politisch gross geworden war, ein paar Wahlgeschenke mit: «Wir wollen 15 Prozent mehr Mindestlohn, das Rentenalter 60 wie früher und ein Existenzminimum von 1000 Euro.»

Ibrahim, einer der gut hundert Zuhörer, will wissen, ob Mélenchon als Präsident wirklich aus dem Euro aussteigen würde. An der Wand des Saales hängt ein Plakat mit der Inschrift: «Merkels Europa – wir ändern es oder verlassen es!» Hoang-Ngoc druckst herum: «Zuerst wollen wir die EU-Verträge neu aushandeln. Das wäre einfacher und ginge schneller. Aber notfalls ziehen wir uns zurück. Technisch böte der Euroaustritt für Frankreich keine Probleme.»

«In Etréchy kann Marinemit 50 Prozent rechnen»

Es ist schon auffällig: Je weiter man sich vom Zentrum der französischen Hauptstadt entfernt, desto unpopulärer ist die EU. Nach einer einstündigen Fahrt in einem zunehmend leeren Waggon erreicht die RER den Bahnhof Etréchy in der äussersten Zwiebelschale des Pariser Grossraums. Die Seine-Metropole scheint indes Lichtjahre entfernt. Im verschlafenen Ort würde man vergeblich ein Macron-Komitee suchen. Er ergibt sich lieber dem Front National (FN).

Hier im Süden von Paris, nicht mehr in der Stadt, aber noch nicht ganz auf dem Land, wo die Arbeit so rar ist wie das Geld, lebt laut dem Soziologen Christophe Guilluy «Frankreichs aussterbende Mittelschicht». Das gesichts- und kernlose Strassendorf macht einen tristen Eindruck. Eine ausgesprochene Frohnatur ist jedoch François Hélie, der lokale FN-Vertreter. «Als Marine Le Pen 2012 erstmals kandidierte, erhielt sie in Etréchy 16 Prozent», erzählt er voller Begeisterung im Café de la Paix, wo er alle duzt. «Bei den Departementswahlen 2015 kamen wir auf 35 Prozent. Am Sonntag kann Marine in Etréchy mit 50 Prozent rechnen.»

«Wir haben hier Roma, Kosovaren, Afghanen»

Und warum das? Der 42-jährige Polizist, der selber im fernen Paris arbeitet, mag Zahlen: «15 Hauseinbrüche und 9 Autodiebstähle pro Monat. Die Kriminellen wissen, dass es hier eine Stunde dauert, bis die Polizei anrückt.»

Hélie fügt übergangslos an, dass in einem Hotel von Etréchy Flüchtlinge angesiedelt worden seien. «Wir haben hier Roma, Kosovaren, Afghanen.» Nicht, dass er damit etwas sagen wolle, «ich bin nicht Rassist» –, aber «die Leute wählen uns, weil sie nicht wollen, dass die Banlieue-Probleme hierherkommen».

Die Einwohner von Etréchy hätten genug andere Probleme, keine Arbeit etwa, jedenfalls nicht in der Umgebung. «Aber Marine wird das ändern, wenn sie im Elysée ist. Wir verlassen die EU und werden wieder Herren im eigenen Haus», ist der gross gewachsene FN-Mann überzeugt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2017, 12:26 Uhr

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