«Besonders schlimm ist es, wenn kleine Kinder ertrinken»

Der ehemalige italienische Marineadmiral Franco Potenza leitet die Missionen der Hilfsorganisation Migration Offshore Aid Station. In der Regel seien fünf bis sechs Organisationen mit Rettungsschiffen vor der nordafrikanischen Küste.

Franco Potenza leitet die Missionen der Hilfsorganisation MOAS.<p class='credit'>(Bild: Michael Hug)</p>

Franco Potenza leitet die Missionen der Hilfsorganisation MOAS.

(Bild: Michael Hug)

Wir haben Spätherbst, das Wetter ist schlecht, und trotzdem wagen sich die Leute aufs Meer.Franco Potenza: Noch ist das Wetter einigermassen gut. Wir gehen davon aus, dass die Menschen die wenigen Wochen bis zum Winterbeginn noch nutzen, um nach Europa zu gelangen.

Wagen sie die Reise deshalb, weil sie wissen, dass Schiffe wie die Phoenix auf sie warten?Das ist sicher einer der Aspekte, dass die Menschen hoffen, ausserhalb der libyschen ­Hoheitsgewässer gerettet zu ­werden.

Wie viele Schiffe retten vor ­Libyens Küste?In der Regel sind fünf bis sechs humanitäre Organisationen vor der Küste. Wenn das Meer sehr unruhig ist, sind es weniger, weil die meisten kleinere Schiffe haben als wir.

Ist die Marine ebenfalls vor Ort?Ja. Zum einen führt der europäische Marineverband derzeit die Operation Sophia zur Schlepperbekämpfung durch, zum anderen patrouilliert die italienische Marine in den internationalen Gewässern vor Libyen.

Mare Nostrum, die Rettungs­aktion Italiens, wurde eingestellt. Beteiligt sich die Marine dennoch an der Rettung?Gemäss dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen und dem Übereinkommen zum Schutze menschlichen Lebens auf See sind Seefahrer zur Hilfeleistung verpflichtet. Also auch die Marineschiffe.

«Wir gehen davon aus, dass die Menschen die wenigen Wochen bis zum Winterbeginn noch nutzen, um nach Europa zu gelangen.»

Wer koordiniert die Rettungen?Die Seenotleitstelle Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom. Sie kennt die Position der Schiffe, die im Gebiet sind, und deren Kapazitäten. Sie informiert die Schiffe über Seenotfälle im Einsatzgebiet und beauftragt das am nächsten bei einem Boot in Not gelegene Schiff mit der Rettung. Die Menschen können dann später anderen Schiffen übergeben werden, die sie nach Italien bringen.

Wer bestimmt, an welchen Hafen MOAS die Geretteten bringt?Das italienische Innenministerium weist uns einen Hafen zu. In der Regel ist es einer, an dem es einen Hotspot für Asylsuchende gibt.

Libysche Fischer sollen die Motoren der Schlepperboote demontieren und in Libyen erneut an die Schlepper verkaufen.Ja, solche Versuche gibt es. Wenn wir während der Rettung merken, dass ein Fischerboot oder ein anderes Schiff ständig in der Nähe ist, dann verständigen wir die Marine. Bis jetzt kamen sie immer rechtzeitig, um die Schlepperboote komplett zu beschlagnahmen. Bislang konnten wir alle Boote komplett, also mit Motor, übergeben.

Ist es wahr, dass die libysche Küstenwache Retter beschiesst?Davon habe ich gehört, kann es aber nicht bestätigen. Im Gegenteil: Uns war die libysche Küstenwache schon bei Rettungsaktionen behilflich.

Wie muss man sich eine Rettung vorstellen?Sobald wir grünes Licht vom MRCC haben, fahren wir so schnell wie möglich zum Boot in Not. Dort angekommen, verteilen wir Schwimmwesten und informieren die Leute über die bevorstehenden nächsten Schritte.

Sich einem überfüllten Boot zu nähern, das zu kentern droht, muss sehr gefährlich sein.Ja, und zwar für alle Beteiligten. Wir nähern uns nur, wenn die Situation ruhig ist. Sonst bleiben wir auf Abstand und versuchen die Menschen mit Worten zu beruhigen.

«Ich will meinem Kind nie erklären müssen, weshalb ich nicht geholfen habe.»

Wie lange dauert es in der Regel, bis Sie alle Menschen von einem Schlauchboot gerettet haben, und wie viele Menschen kann die Phoenix aufnehmen?Maximal 450 Personen und 20 bis 35 Minuten.

Mussten Sie schon wegfahren, ohne retten zu können?Nein, das ist noch nie vorge­kommen.

Kamen Sie schon zu spät?Leider ja. Besonders schlimm ist dies, wenn kleine Kinder ertrinken. So wie das dreijährige Kind am 12. Oktober. Wir haben das Wasser bis weit nach Mitternacht abgesucht, konnten das Kind aber nicht finden. Ich bin selbst Vater.

Warum leisten Sie Einsätze für MOAS?Ich will meinem Kind nie erklären müssen, weshalb ich nicht geholfen habe.

Sie setzen für die Suche auch Drohnen ein.Ja, aber der Vertrag ist jetzt ausgelaufen, und wir müssen bis zum Ende der Rettungssaison ohne Drohnen arbeiten. Aber MOAS will den Vertrag im nächsten Jahr erneuern.

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