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Aus der Episode britischer Geschichte sind Lehren zu ziehen

Vielen Schotten war die Ungewissheit plötzlicher Eigenständigkeit wohl zu viel.

Bei einigen war die Wut nach dem Referendum gross: Ein Polizei-Pferd scheut während Zusammenstössen zwischen Unabhängigkeitsbefürwortern und -gegnern in Glasgow. (19. September 2014)
Bei einigen war die Wut nach dem Referendum gross: Ein Polizei-Pferd scheut während Zusammenstössen zwischen Unabhängigkeitsbefürwortern und -gegnern in Glasgow. (19. September 2014)
Cathal McNaughton, Reuters
Am Boden, aber mit Aussicht auf mehr Autonomie: Ein Mann geht an einem «Ja»-Flugblatt vorbei. (19. August 2014)
Am Boden, aber mit Aussicht auf mehr Autonomie: Ein Mann geht an einem «Ja»-Flugblatt vorbei. (19. August 2014)
Russell Cheyne, Reuters
Sollten die Schotten tatsächlich Ja stimmen, wären monatelange Verhandlungen zwischen Schottland und der Regierung in London die Folge: Eine Ja-Graffiti auf einer Strasse auf den Äusseren Hebriden. (17. September 2014)
Sollten die Schotten tatsächlich Ja stimmen, wären monatelange Verhandlungen zwischen Schottland und der Regierung in London die Folge: Eine Ja-Graffiti auf einer Strasse auf den Äusseren Hebriden. (17. September 2014)
Cathal McNaughton, Reuters
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Das Ableben eines gewissen nordwesteuropäischen Staates ist nun also nicht zu beklagen. Der Bericht über den Tod Grossbritanniens erwies sich als leicht übereilt. Dabei sahen sich die schottischen Nationalisten ihrem Ziel näher denn je in ihrer Geschichte. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen stimmten beim Referendum für die Unabhängigkeit ihres Landes. Am Ende aber hielt eine klare Mehrheit am historischen Bund mit England fest – und rettete so das Vereinigte Königreich.

Nun wird die 307 Jahre alte Union weiter bestehen. Auch wenn sie nach diesem Referendum nie mehr dieselbe Union sein wird. So mächtig war das Aufatmen heute Morgen drunten in London, dass man es bis hinauf in die Highlands hören konnte. Die letzten Wochen befürchtete die politische Elite in Westminster allen Ernstes, dass Schottland «abspringen» könnte – nachdem man in London das Brodeln im britischen Norden monatelang nicht ernst genommen hatte.

Die Erleichterung ist umso grösser, als niemand wirklich vorbereitet war auf einen Abgang Schottlands. Zu undenkbar schien ein solcher Schritt den Nachbarn, den Mitbürgern der Schotten im Süden. Noch letzte Nacht sassen überall Briten, die um den Zusammenhalt des Landes bangten, nervös auf ihrer Bettkante. Erst als die ersten Ergebnisse einliefen, wurde deutlich, dass genug Schotten für den Verbleib im gemeinsamen Königreich gestimmt hatten. Späte Sorge um die Einheit mobilisierte die Verfechter der Union.

Einige dieser Wähler haben sich dabei zweifellos von Gemeinsamkeitsappellen erweichen lassen. Anderen, wahrscheinlich sehr vielen, war die Ungewissheit plötzlicher Eigenständigkeit zu viel. An Warnungen und Drohungen hatte es ja nicht gefehlt bei diesem Referendum.

Umso eindrucksvoller war, was für eine breit angelegte, oft sozial motivierte Protestbewegung gegen «Fernsteuerung aus London» sich in Schottland unterm Unabhängigkeitsbanner formierte. Dieser Protest wird Folgen haben. Alle grossen Parteien haben ja eine grundlegende Reform versprochen und stehen nun im Wort bei den Trägern der schottischen Rebellion.

Eine Menge Lehren sind aus dieser Episode der britischen Geschichte zu ziehen, wenn erst einmal die Aufregung sich gelegt hat. Fürs Erste müssen die Verlierer ihre Niederlage verschmerzen. Mehr Autonomie haben sie jedenfalls erkämpft. Auch unter den Gewinnern dieser Nacht wollen nur wenige am Status quo festhalten. Premierminister David Cameron andererseits muss nicht gleich um seinen Kopf fürchten an diesem Wochenende. Die Abrechnung mit ihm kommt erst später. Die englischen Nationalisten warten schon.

Königin Elizabeth aber, in ihrem schottischen Schlösschen Balmoral, kann heute beruhigt ausreiten oder fischen gehen. Ihr Königreich wird ein Vereinigtes Königreich bleiben. Es hätte leicht ein zweigeteiltes werden können.

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