Auch Schweizer pilgern in die Lutherstadt

Am Ort, wo Martin Luther vor 500 Jahren mit seinen Thesen die Reformation lanciert hat, wurde am Dienstag gefeiert. Die Schweiz war mit dabei, auch wenn der evangelische Glaube hier von einer anderen Prägung ist.

Auch Kanzlerin Angela Merkel feierte in der Schlosskirche mit.

Auch Kanzlerin Angela Merkel feierte in der Schlosskirche mit.

(Bild: Keystone)

Wittenberg hat sich herausgeputzt. Strassen und Grünanlagen sind saniert und viele Gebäude aufgefrischt – aus gutem Grund: Am 31. Oktober 1517, vor genau 500 Jahren also, hat Martin Luther hier mit seinen 95 Thesen die Reformation losgetreten und so die Spaltung der westlichen Kirche herbeigeführt.

Zum Jubiläum ist die ostdeutsche Kleinstadt an der Elbe, die sich stolz den Titel Lutherstadt zugelegt hat, gestossen voll. Von überall her reisen die Leute an, auch Prominenz aus Kirche und Politik gibt sich die Ehre. Bundeskanzlerin Angela Merkel feiert mit, oder Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Gekommen ist auch er: Serge Fornerod re­präsentiert an diesem Tag den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, die Organisation der reformierten Kantonalkirchen in der Schweiz.

Welche Rolle die Schweizer Reformierten im weltweiten Konzert der evangelischen Kirchen spielen? Zumal sie gerade im ­Vergleich zu den deutschen Glaubensverwandten eine klare Minderheit sind? Und sich obendrein einer Lehre verpflichtet fühlen, die nochmals ein Stück anders ist? Fornerod lächelt.

Im weltweiten Konzert

Für das Treffen mit der Zeitung bittet Fornerod auf den Marktplatz zum Luther­denk­mal – dorthin, wo an diesem Festtag die Wittenberg-Touristen zu Hunderten für ein Selfie haltmachen. Der Ort ist für ihn nicht ohne Symbolik. Voller Bewunderung redet er davon, wie Luther die Theologie revolutioniert und «mit seinem genialen Gedankengeflecht» ein neues, befreiendes Bild des Menschen entwickelt habe. Dem Reformator sei es gelungen, eine Bewegung in Gang zu setzen, die von Deutschland aus immer weitere Kreise bis in die Schweiz gezogen habe.

Fornerod betont diesen letzten Satz nicht von ungefähr. Immerhin fanden im Vorfeld des Jubi­läumsjahrs hierzulande nicht ­wenige, für die Schweiz gebe es gar nichts zu feiern. Die refor­matorische Bewegung habe das Land erst später erfasst. Zudem sei sie von anderen Gelehrten wie Huldrych Zwingli in Zürich oder Jean Calvin in Genf vorangetrieben worden. Das erkläre auch ihre andere Prägung.

Dass sich die Schweiz an den deutschen Reformationsfeierlichkeiten zeigt, ist für Fornerod aus noch einem Grund wichtig: «Mit unserer Präsenz machen wir deutlich, dass die Reformation nicht eine rein deutsche Angelegenheit war.» In der weltweiten Verbreitung des evangelischen Glaubens habe die Schweiz im Gegenteil eine sehr zentrale Rolle gespielt. Ohne sie wäre Luthers Bewegung nämlich unter Umständen ein lokal beschränktes Phänomen geblieben.

Unvermittelt kommt Fornerod auf die Stadt Bern zu reden, der er in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle zuschreibt. Nur weil sie im politisch arg bedrängten Genf dezidiert als Schutzmacht auftrat, konnte Calvin den neuen Glauben dort überhaupt erst durchsetzen. Von Genf aus breitete dieser sich anschliessend auch nach England und Holland aus – und von dort noch weiter bis in die neue Welt.

Schritt auf die Katholiken zu

Dass diese Botschaft zumindest in der Führungsriege der lutherisch geprägten evangelischen Kirche Deutschlands angekommen ist, zeigt sich später im Festgottesdienst. In der markanten Schlosskirche, wo Luthers Thesen vor 500 Jahren gehangen haben sollen, spricht Bischof Heinrich Bedford-Strohm über die weltweite Dimension des neuen Glaubens. Er macht dann sogar einen Schritt auf die katholische Kirche zu, indem er den Papst zu einem Besuch in Wittenberg ermuntert: Anders als vor 500 Jahren wäre das Kirchenoberhaupt heute «von Herzen» willkommen.

Berner Zeitung

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