Zum Hauptinhalt springen

Als aus Hetze Mord wurde

Vor 25 Jahren erschütterte ein Brandanschlag von Neonazis Deutschland. Nun gedachte mit Angela Merkel erstmals eine Bundeskanzlerin der fünf Opfer.

Treffen mit Mevlüde Genç: Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Gedenkfeier in Düsseldorf. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)
Treffen mit Mevlüde Genç: Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Gedenkfeier in Düsseldorf. Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Die Mörder kamen in der Nacht, mit Benzin und Feuer. Vier junge Neonazis, zwei von ihnen waren erst 16 Jahre alt, steckten am 29. Mai 1993 gegen halb zwei Uhr morgens ein zweistöckiges Haus in Solingen in Brand. Die Täter wussten, dass dort die türkischstämmige Grossfamilie Genç wohnte. Innert Minuten brannte es lichterloh. Hatice Genç (18), Gülüstan Öztürk (12) und Hülya Genç (9) verbrannten im Haus. Gürsün Ince (27) und Saime Genç (4) starben, als sie auf der Flucht vor den Flammen aus dem Fenster sprangen. 14 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Täter wurden rasch verhaftet und 1995 zu langen Haftstrafen verurteilt. Keiner von ihnen zeigte Reue, heute sind sie längst wieder frei.

Der Brandanschlag von Solingen entsetzte Deutschland damals wie nur wenige andere Verbrechen davor und danach. Im Rückblick markierte er den schrecklichen Höhepunkt einer Welle der Fremdenfeindlichkeit, die sich während Monaten aufgebaut hatte. Die Wende brachte im Osten gewaltige Umbrüche, der Kollaps der Sowjetunion und die Kriege um die Hinterlassenschaft Jugoslawiens trieben Hunderttausende von Flüchtlingen nach Deutschland. Unsicherheit und Unmut grassierten, konservative Politiker hetzten gegen «Überfremdung» und «Asylantenschwemme», den rechtsextremen Republikanern liefen die Wähler in Scharen zu.

Pogromartige Ausschreitungen

Neonazis und andere Fremdenfeinde schritten bald zur Tat: In Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen kam es 1991 und 1992 zu pogromartigen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge, in Mölln starben im November 1992 bei einem Brandanschlag von Neonazis drei türkischstämmige Menschen. Drei Tage vor dem Anschlag in Solingen schränkten Christ- und Sozialdemokraten sowie Liberale das Recht auf Asyl mit dem Ziel ein, die aufgeschreckte Volksseele zu besänftigen. Ein Vierteljahrhundert danach ist die politische Stimmung wieder ähnlich erhitzt wie damals. Man kann von einem Wunder sprechen, dass bei den Dutzenden von Brandanschlägen während und nach der Flüchtlingskrise 2015/16 keine Menschen starben.

1993 kam es nach der Tat in Solingen während Tagen zu Ausschreitungen zwischen militanten Türken, Kurden, Linksextremen und der Polizei. Ausgerechnet Mevlüde Genç, die beim Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren hatte, gelang es, die Situation zu beruhigen. An den Särgen der Toten rief die Mutter zu Versöhnung auf: «Lasst uns Hand in Hand miteinander leben.» Sie begann, sich gegen Fremdenhass zu engagieren, und wurde dafür vielfach geehrt, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Mevlüde Genç nahm nach der Tat auch die deutsche Staatsbürgerschaft an: Da sie in Deutschland lebe, wolle sie auch Deutsche sein.

Die «Frankfurter Allgemeine» fragte die mittlerweile 75-Jährige diese Woche, ob die Zeit die Wunden heile. Genç antwortete: «Es macht für mich keinen Unterschied, ob ein Jahr, fünf, zehn oder eben 25 Jahre vergangen sind. Dieser Schmerz für meine fünf Liebsten, die ich verloren habe, ist heute genauso in meiner Brust wie damals. Und das wird so lange dauern, bis ich sterbe.»

Helmut Kohl hatte keine Zeit

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte 1993 eine Teilnahme an der Trauerfeier noch mit den Worten abgelehnt, dass er «weiss Gott noch andere Termine» habe und «Beileidstourismus» ablehne. Ein Vierteljahrhundert später behob Angela Merkel diesen Makel, indem sie am Dienstag an der Gedenkfeier in Düsseldorf zu den Angehörigen sprach, um sie ihrer besonderen Wertschätzung zu versichern.

In der Staatskanzlei machte Merkel im Beisein des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), des türkischen Aussenministers Mevlüt Cavusoglu und des Ehepaars Genç darauf aufmerksam, dass die Mordtat von Solingen «keine Einzeltat» gewesen sei. Sie stehe vielmehr in einer erschreckend langen Reihe von Angriffen gegen Einwanderer oder Flüchtlinge, die bis in die Gegenwart reiche. «Auch ihnen allen gilt das heutige Gedenken», sagte die Kanzlerin.

«Vorbild an Menschlichkeit»

Indem Mevlüde Genç die Hand zu Versöhnung und Verständigung ausgestreckt habe, sei sie ein «Vorbild an Menschlichkeit» geworden. «Dafür bewundern wir Sie, und dafür danken wir Ihnen.» Auch heute bestehe wieder die Gefahr, dass aus Hetze Gewalt werde. Staat und Gesellschaft stünden in der Pflicht, dem entschieden entgegenzutreten. «Es liegt mir am Herzen, dass Sie und Ihre Familie sich in Deutschland sicher und zu Hause fühlen.» Mevlüde Genç reagierte sichtlich gerührt. Auf Türkisch sagte sie, dass ihr die Versöhnung nach der Tat nicht immer leichtgefallen sei. «In der Nacht habe ich geweint. Am Tag habe ich den Kindern ins Gesicht gelächelt, damit sie nicht der Rache und dem Hass anheimfallen.»

In Solingen kamen am Dienstag Hunderte Menschen für weitere offizielle Gedenkfeierlichkeiten zusammen. Als ein schweres Unwetter über die Stadt zog, wurden die Veranstaltungen jedoch abgebrochen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch