Alle haben den Paten gedeckt

Der Geschäftsmann, der den Journalisten Jan Kuciak umbringen liess, wirkte in höchste slowakische Politik- und Justizkreise hinein. Weitere Morde waren bereits geplant.

Kerzen erinnern an den Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobte. Die beiden wurden am 21. Februar 2018 ermordet. Foto: EPA

Kerzen erinnern an den Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobte. Die beiden wurden am 21. Februar 2018 ermordet. Foto: EPA

Es darf nicht fotografiert werden in dem Saal, in dem in der ­slowakischen Stadt Pezinok die Pressekonferenz stattfindet. Die Gesichter der beiden Staatsanwälte, die neue Ermittlungsergebnisse im Mordfall ­Jan ­Kuciak vorstellten, müssen ­unerkannt bleiben. Eine Sicherheitsmassnahme. Es geht nicht mehr nur um den Doppelmord an dem damals 27-jährigen Journalisten und seiner gleichaltrigen Verlobten am 21. Februar 2018. Es geht nun um zwei weitere verübte und drei geplante Morde – an zwei Staatsanwälten und einem ehemaligen Innenminister. Vor allem geht es um das weite Netz des Geschäftsmannes Marian Kocner.

Dem 56-Jährigen wird vorgeworfen, den Mord an Kuciak in Auftrag gegeben zu haben, seit März sitzt er in Untersuchungshaft. Ein Verdächtiger hat inzwischen gestanden, die Schüsse auf das junge Paar in dessen Haus in Velka Maka abgegeben zu haben. Der ehemalige Soldat soll bereits früher zwei weitere Morde verübt haben. Die Ermittlungen lösten diese Woche auch Erschütterungen in der Regierung aus: Am Dienstag trat die Staatssekretärin im Justizministerium, Monika Jankovska, zurück. Ihr werden Kontakte zu Kocner vorgeworfen.

Ermittlungen verschleppt

Es sind denn auch nicht die Morde allein, die die Slowakei aufwühlen. Es ist vielmehr das System Kocner, das in höchste Regierungskreise reicht. Er selbst studierte Journalismus, hatte Anteile am TV-Sender Markiza und baute sich seit den Neunzigern seinen Reichtum mit Immobiliengeschäften und Finanzdeals auf. Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung oder Geldwäsche gegen ihn verliefen stets im Sand.

Nun wird offenbar, dass Kocner sein Imperium so ungestört aufbauen konnte, weil er Informationen direkt von der Polizei, aus Gerichten und von Politikern erhielt, die ihn deckten, Ermittlungen verschleppten oder gefällige Urteile sprachen. Kocner wusste, wie wichtig die sozialdemokratische Regierungspartei Smer-SD für seinen Schutz ist. Als er befürchten musste, dass die Regierungskoalition nach dem Mord an Kuciak ins Wanken gerät, versuchte er, sich abzusichern und die Regierung an der Macht zu halten.

Sein Einfluss reicht bis weit in die Politik: Marian Kocner. Foto: AFP

Daniel Lipsic ist einer, der Kocner bei seinem Tun störte. Der 46-jährige Rechtsanwalt vertritt die Nebenklage der Familie Kuciak. In seiner Zeit als Innenminister von 2010 bis 2012 wollte Lipsic Untersuchungen in Fällen von Wirtschaftskriminalität gegen Kocner aufnehmen – und wurde von der Generalstaatsanwaltschaft daran gehindert. «Wie tief Kocners Einfluss reicht, ist mir schon lange klar», sagt Lipsic. «Doch dass er auch Morde in Auftrag gibt, hat mich schockiert.» Lipsic stand auf der Liste. Nachdem Kuciak und seine Verlobte erschossen worden waren, wurden die Morde an ihm und zwei Staatsanwälten in Auftrag gegeben. «Er muss mich gehasst haben», sagt Lipsic. Heute fühle er sich nicht mehr unsicher. «Kuciaks Familie und ich haben grosses Vertrauen in die Arbeit der Ermittler und Staatsanwälte.» Er erwarte einen Prozess, der das Land verändern wird. Im Oktober sollen Kocner und vier weitere Beschuldigte vor Gericht gestellt werden.

«Die Slowakei ist bereit für einen Neustart.»

Fast täglich berichten Medien nun über neue Ermittlungsergebnisse. Die Polizei hat mehr als 600 Kurznachrichten ausgewertet, die Kocner über den Messenger-Dienst Threema versendet hat. Threema gilt als extrem sicher. Die Schweizer Firma teilt mit, dass die Polizei wohl eine mit schwachem Passwort versehene, exportierte Datei ausgelesen habe. Andere Wege gebe es nicht, an Absender und Empfänger zu gelangen.

Aus den Textnachrichten werden nicht nur Kocners Verbindungen deutlich. Sie geben auch tiefen Einblick in die Haltung des schwerreichen Mannes. In Mitteilungen an seine Vertraute Alena Zsuzsova, die ebenfalls angeklagt werden soll, verhöhnte er die Getöteten. Der Mord hatte im Frühjahr 2018 heftige Proteste gegen die Regierung ausgelöst. Zwei Minister und Premier Robert Fico traten zurück, allerdings blieb Fico Parteivorsitzender der Smer-SD. Während der Proteste schrieb Kocner an Zsuzsova: «Gute Idee. Ich gründe eine Stiftung Heiliger Jan Kuciak – Patron der Journalisten. Wer wäre ein besserer Patron als jener, der eine Patrone im Körper hat?» Als seinen wichtigsten Mann sah Kocner den früheren Premier Robert Fico an. In einem Luxusapartmentkomplex in Bratislava lebte er mit ihm Tür an Tür. «Wenn die Regierung abtritt, hilft es dir nicht einmal, dich am Nordpol zu verstecken», soll Zsuzsova an Kocner geschrieben haben.

Fico attackiert die Medien

Derzeit müssen sich die Vorsitzenden der Koalitionsparteien gegen Vorwürfe verteidigen, sich mit Kocner verabredet zu haben, um die Regierung zu erhalten. Fest steht, dass sie trotz Kritik an der Smer-SD den ­Koalitionsbruch nicht gewagt haben. Für den Fall, dass dieser dennoch kommt, soll Kocner Pläne gehabt haben, die Sozialdemokraten mithilfe der rechtsextremen Volkspartei Unsere Slowakei (L'SNS) an der Macht zu halten. Gegen die Partei lief ein Verbotsverfahren wegen faschistischer Umtriebe. Kocner soll versucht haben, auf das Gericht so Einfluss zu nehmen, dass es die Partei nicht verbietet. Das Gericht weist Verbindungen zurück.

Daniel Lipsic erfüllen die Ermittlungsergebnisse auch mit Hoffnung. Der Anwalt glaubt, dass noch viel mehr ans Licht kommen werde. «Die Slowakei ist bereit für einen Neustart», sagt er. Einen grossen Schritt zur Veränderung hat das Land mit der Wahl der neuen Präsidentin Zuzana Caputova in diesem Jahr bereits getan. Sie steht nicht auf Kocners Telefonliste.

Ex-Premier Robert Fico dagegen geht in der für ihn ­typischen Art auf die Presse los: Die Threema-Nachrichten zu veröffentlichen, sei ein «Jihad» der Medien gegen seine Partei. Die Präsidentin hingegen bestärkt die Medien. In einer offiziellen Rede erklärte sie: «Justiz war in der Slowakei eine Ware, die sich einige Menschen kaufen konnten.» Nun stehe das Land an einem Scheideweg. Es werde sich jetzt entscheiden, «in welchem Land unsere Kinder leben werden». Im Februar 2020 wählen die Slowaken ein neues Parlament.

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