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Alice im Spendensumpf

Ein wortkarger Apotheker, ein brüllender AfD-Parteichef und mittendrin Alice Weidel, die schon lange von der Spende vom Zürichberg Bescheid wusste.

Alice Weidel sagt auf die Bemerkung, die Zahlung könnte illegal sein: «Dann haben Sie eine schöne Geschichte.» Foto: Florian Gaertner (photothek.net)
Alice Weidel sagt auf die Bemerkung, die Zahlung könnte illegal sein: «Dann haben Sie eine schöne Geschichte.» Foto: Florian Gaertner (photothek.net)

Es kommt selten vor, dass Alexander Gauland brüllt. Meistens wirkt er wie der Inbegriff des «grumpy old man»; er ist mürrisch, als habe ungerechterweise ihn das schwere Los getroffen, den Rechtspopulismus in Deutschland etablieren zu müssen. Vor ein paar Tagen aber soll Gauland in einem Telefonat mit seiner Co-Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, sehr laut geworden sein. Er wollte von ihr wissen, so erzählen es Vertraute, was mit dieser Spende aus der Schweiz los sei, und warum er erst jetzt davon erfahre. Er wisse allmählich nicht mehr, was er ihr noch glauben könne.

Gauland (77), der mächtigste Mann in der Alternativen für Deutschland (AfD), wird immer nur dann laut, wenn er sein Projekt in Gefahr sieht. Während der frühen Machtkämpfe in seiner Partei hat er ab und zu ein paar Widersacher zusammengestaucht, seitdem herrscht eine gewisse Ruhe, soweit das bei der AfD möglich ist. Aber jetzt macht er Parteifreundin Weidel den schwersten Vorwurf, den er machen kann – fehlende Loyalität.

Vor Wahl Bescheid gewusst

Weidel traf am Sonntag vor einer Woche Reporter von «Süddeutscher Zeitung», NDR und WDR, die fortan zusammen mit Redaktion Tamedia zur mysteriösen Spende recherchierten. In jenem ersten Interview zur Sache wirkt sie noch entspannt, soweit das geht, wenn einem ein Bandscheibenvorfall quält. Sie ist an jenemWochenende in Berlin geblieben, statt wie sonst zu Frau undKindern zu fahren, die in der Schweiz, in Biel, leben. Sie erscheint nun langsam gehend, aber auch feixend, sogar selbstironisch. Die blonde 39-Jährige wirkt völlig anders als die schneidende, hämische Rechtspopulistin Weidel, die im Bundestag über «Kopftuchmädchen» herzieht oder die politische Korrektheit auf den «Müllhaufen der Geschichte» wünscht.

Zuvor haben die Reporter von einer Spende in Höhe von 130'000 Euro erfahren, gestückelt in achtzehn Tranchen. Die umgerechnet rund 150'000 Franken stammen von der Zürcher Pharmafirma PWS, bestimmt für Weidels Wahlkampf. Der AfD-Kreisverband Bodensee hätte das Geld schon deshalb nicht an­nehmen dürfen, weil es aus der Schweiz kam, die Grossspende aber mindestens an den Bundestag melden müssen, was nicht geschah. Erst nach einem halben Jahr ging das Geld still und leise zurück; zwischenzeitlich hatte die Partei davon noch Anwaltsrechnungen Weidels bezahlt.

Im Interview versucht Weidel, die Sache als Durcheinander in den Niederungen der Kreis- und Landesverbände kleinzureden. «Das Ganze ist auch den mangelnden Erfahrungen auf einem ehrenamtlichen Level geschuldet», sagt sie. Aber Weidel sagt noch etwas, und das wird ihr vermutlich noch länger Ärger bereiten: «Erfahren habe ich davon am Rande einer Wahlkampfveranstaltung, bei einer Bootsfahrt auf dem Bodensee, wo meine Kreisschatzmeisterin mich über diese Summe informiert hat.» Weidel, die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, wusste also schon vor der Wahl Bescheid – ein halbes Jahr bevor das Geld zurückgeschickt wurde.

Video – Weidel nach Spende aus der Schweiz unter Druck

Nach 16 Minuten ist das Interview vorbei. Sie bedankt sich. Wie die Reporter die Sache einschätzten, fragt sie. Womöglich war das Ganze illegal, sagen die Journalisten. «Dann», sagt Weidel unbekümmert, «haben Sie ja eine schöne Geschichte.»

Die AfD hat jedenfalls eine schöne Bescherung. Heute dürfte es unruhig weitergehen, da trifft sich die AfD-Fraktion im Bundestag. Zufälligerweise ist Haushaltswoche im Parlament, aber die AfD-Abgeordneten werden kaum ihre Brandreden gegen Angela Merkel absprechen. Es geht grad ums eigene Geld. Die AfD, die anderen viel Schrecken eingejagt hat seit 2015, erschrickt gerade über sich selbst.

Nach dem Erfolgstaumel bei Wahlen in allen Ländern und im Bund folgt jetzt ein Tiefschlag auf den nächsten. Die Bundestagsfraktion hat ihre Finanzen nicht im Griff, das hat gerade ein Wirtschaftsprüfer festgestellt. Und wegen der Nähe zu Rechtsradikalen wächst die Furcht davor, dass der Verfassungsschutz bald die ganze Partei beobachten könnte. Die AfD spürt zum ersten Mal, dass sie plötzlich etwas zu verlieren hat. Jetzt kommt auch noch eine Spendenaffäre dazu. Im besten Fall gibt sie die AfD nur der Lächerlichkeit preis: weil sie sich schon, noch bevor sie in den Bundestag eingezogen ist, in jenem Schweizer Spendensumpf verirrt hat, den eigentlich die CDU für sich gepachtet hatte. Im schlimmsten Fall könnte die Affäre der AfD Strafzahlungen in sechsstelliger Höhe bescheren oder gar ein längeres Strafverfahren ausgerechnet gegen Alice Weidel, die als gelernte Unternehmensberaterin doch die Seriosität und die Wirtschaftskompetenz der Rechten verkörpern sollte.

«Grüezi, no comment, auf Wiedersehen», sagt Drogist H., als der Reporter sich vorstellt.

Für die Partei ist es kein Trost, dass vieles in dieser Affäre skurril wirkt. Eine der Schweizer Schlüsselfiguren erscheint geradezu unwirklich: Anders als in den CDU-Skandalen ist es nicht etwa ein ausgefuchster Stiftungsverwalter, sondern ein Schweizer Drogist namens Kurt H., der am Montag vor einer Woche gewissenhaft tut, was er immer tut: Im weissen Kittel verkauft er Tabletten und Faltencreme, plaudert mit den Kunden, mit vielen ist er per Du. Der 73-Jährige steht noch immer von Montag bis Samstag in seiner Apotheke. Er hat ein paar Firmen gegründet und sich auch im Internethandel versucht. Vor Jahren ging eine Thurgauer Versandapotheke pleite, die er mit aufgebaut hatte; er wurde deswegen wegen Misswirtschaft zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt.

Seine Firma PWS Pharma­wholesale International AG, die 2017 an die AfD gespendet hat, präsentiert auf ihrer Website Erfrischungstücher oder ein Gerät für Lichttherapie. Drogist H. ist über sein Firmennetz auch mit Deutschen verbunden. Das ist am Zürichberg nicht ungewöhnlich. Ein Drittel der Bewohner besitzt keinen Schweizer Pass, und die meisten dieser Ausländer sind Deutsche.

Als der Reporter die Apotheke betritt, schüttelt ihm der Drogist H. die Hand, weil er ihn für einen Kunden hält. Als sich der Journalist aber vorstellt, entgegnet H.: «Grüezi, no comment, auf Wiedersehen.» Das Schöne an diesem Satz ist es, dass er das langjährige Wesen des Finanzplatzes Schweiz in nur fünfWörtern einfängt. Im Gegensatz zu H. plaudert dessen Bekannter Balz J., der als Verwaltungsrat der Firma PWS fungiert, fröhlich drauflos. Er nennt die PWS eine «kleine Kutsche», die das Geld nur im Auftrag eines Dritten nach Deutschland geschickt habe. Er kündigt an, den wahren Spender zu nennen, tut es dann aber doch nicht.

Hunderttausend im Sack

Dafür verrät gegen Ende der Woche ein dritter älterer Herr aus der Schweiz, der Zürcher Anwalt des Drogisten, der Spender sei einer, «der hunderttausend Franken in der Hosentasche hat». Er lebe am Zürichberg, sei seit Jahrzehnten in der Schweiz und habe keinen Steuerwohnsitz in Deutschland – was danach klingt, als sei er Deutscher. Der Gönner habe anonym bleiben wollen und seinen Freund, den Drogisten, um Hilfe gebeten, das Geld zu schicken.

Am Zürichberg dürfte es dafür Verständnis geben. Zwar rümpfen die Alteingesessenen die Nase über die Parvenüs von der AfD oder deren Vorbild SVP. Aber nach wirtschaftsliberalen Verständnis darf jeder mit seinem Geld tun, was er will, auch politisch Einfluss nehmen. Der Schweizer Staat setzt da keine Grenzen. Das deutsche Parteiengesetz hingegen will verhindern, dass Wahlen von ausserhalb der EU beeinflusst werden. Es ist also illegal, wenn eine deutsche Partei Geld aus der Schweiz nimmt. Als das Geld vom Zürichberg im Sommer 2017 eingeht, gerät Brigitte H., die örtliche Schatzmeisterin der AfD, ins Staunen. H. betreibt eine Praxis für Naturheilkunde und Yoga, ihre Website zeigt sie als «Baum» – auf einem Bein stehend, die Hände über dem Kopf. In ihrer Freizeit wacht sie über die Kasse des AfD-Kreisverbands. Am 10. August 2017 schreibt sie dem AfD-Landesschatzmeister, dass für Weidel hohe Zuwendungen aus der Schweiz eingingen: «Muss ich diese Beträge irgendwo melden oder bekannt geben?» Im Fach Parteifinanzen mag die Yogalehrerin eine Amateurin sein, aber sie stellt die richtigen Fragen.

Umso unverständlicher ist das, was nun passiert. Nach drei Tagen antwortet Landesschatzmeister Frank Kral, der bis vor kurzem auch kommissarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion war. Er schreibt nichts über ein Verbot von Spenden aus der Schweiz und auch nichts darüber, dass Spenden in Höhe von mehr als 50'000 Euro dem Bundestag zu melden sind.

Auch Petry rausgeworfen

Kral ist ein frohmütiger Mensch, es sei denn, man unterstellt ihm unsauberes Arbeiten. Er ärgert sich masslos über den Eindruck, den Weidel jetzt erweckt, dass er versagt habe. Kral steht nicht nur wegen der Schweizer Spende im Feuer. Gauland und Weidel machen ihn verantwortlich für eine interne Finanzaffäre und haben ihn deswegen gefeuert. Kral kämpft nun um seinen Ruf; er klagt auch vor Gericht gegen seine fristlose Entlassung.

Weidel kann ihn nicht zum alleinigen Versager erklären, denn sie war ja selbst frühzeitig im Bilde. Gauland soll bereits zu dem Schluss gekommen sein, dass er Weidel nicht mehr braucht, aber als alter Taktiker wird er an ihr festhalten, bis er einen Ersatz gefunden hat. In der Partei erinnern manche schon an eine alte Geschichte: an die frühere Parteichefin Frauke Petry, die ebenfalls als unersetzlich galt, bis sie es plötzlich nicht mehr war. Die AfD ersetzte ihre Frontfrau damals kurzerhand und unbarmherzig durch eine junge Frau vom Bodensee – Alice Weidel.

Die AfD hält sich gerne für weniger korrupt als die Etablierten. Der Nimbus der ehrenwerten Aussenseiterpartei ist beschädigt.

Weidel sollte der Partei ein junges, dynamisches Image geben. Gauland mochte ihre aparte Erscheinung und ihren Ehrgeiz, der gross genug war, um Prinzipien hinten anzustellen. Nun verstösst das Spendenchaos gegen das erklärte Selbstverständnis der Partei: Die AfD hält sich gerne für weniger korrupt als die Etablierten. Der Nimbus der ehrenwerten Aussenseiterpartei ist beschädigt.

Die Fraktionssitzung heute Montag wird eine Ahnung davon geben, wie es mit Weidel weitergeht. Einer ihrer Gegner bereitet offenbar einen Antrag vor, wonach sie ihr Amt aufgeben soll, falls die Schweizer Spende illegal war. Das entscheidende Urteil aber dürfte jenes von Gauland sein. Er soll unzufrieden sein mit Weidel. Er sagt nicht so sehr, was ihn stört, sondern beschreibt, was andere stört – sie sei schroff, unnahbar oder nicht zu erreichen, wenn es darauf ankomme.

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