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AKW müssen für bis zu 25 Milliarden Euro nachrüsten

Die EU hat AKW in 17 Ländern einem Stresstest unterzogen. Mängel stellte sie vor allem bei möglichen Unfällen fest. Zwei Empfehlungen zur Verbesserung betreffen die Schweiz.

Gute Noten für die Schweizer AKW – weitere Überprüfungen sind nötig: Das Werk in Mühleberg im Kanton Bern. (Archivbild)
Gute Noten für die Schweizer AKW – weitere Überprüfungen sind nötig: Das Werk in Mühleberg im Kanton Bern. (Archivbild)
Keystone

Die Europäische Union hat nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima die europäischen Atommeiler genauer unter die Lupe genommen – und einigen Verbesserungsbedarf ausgemacht. Die notwendigen Investitionen für sicherere Atomkraftwerke (AKW) dürften nach Schätzungen der EU-Kommission zwischen 10 und 25 Milliarden Euro betragen. Bei der Präsentation der Empfehlungen forderte EU-Energiekommissar Günther Oettinger rasches Handeln.

«Es besteht kein Anlass zur Selbstzufriedenheit», sagte der deutsche Kommissar heute in Brüssel vor den Medien. Was nach dem heutigen Stand der Technik möglich sei, solle auch getan werden und das möglichst rasch, erklärte Oettinger. Generell attestierte ein Experte der EU-Kommission den AKW in Europa jedoch «einen hohen Sicherheitsstandard». Deshalb sei es auch nicht nötig, ein oder mehrere AKW abzuschalten. «Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen werden aber für praktisch alle AKW empfohlen», erklärte der Experte.

Empfehlungen an Schweiz

Dem Sicherheitstest wurden die 145 Reaktoren in 15 der 27 EU-Länder unterzogen. Zudem beteiligten sich die Schweiz und die Ukraine mit ihren AKW an den Stresstests. In Kommissionskreisen hiess es, die Tests sollten mindestens alle zehn Jahre wiederholt werden.

Zwei Empfehlungen gingen nach dieser Testrunde an die Schweiz. So wird der Schweizer Aufsichtsbehörde Ensi empfohlen, im Fall schwerer Un- und Vorfälle beim Wasserstoffmanagement stärker auf die Abhängigkeit von passiven Systemen zu setzen. Zudem werden zusätzliche Studien im Wasserstoffmanagement für die Lüftungssysteme angeregt.

Wie das Ensi am Donnerstag mitteilte, betrifft die Empfehlung mit den passiven Systemen das AKW Leibstadt. Die AKW Mühleberg, Gösgen und Beznau verfügten bereits über aktive und passive Systeme zum Wasserstoffmanagement.

Ansonsten erhalten die Schweizer AKW gute Noten. Positiv wird unter anderem bewertet, dass die Hauptsicherheitsmassnahmen für schwere Unfälle bereits vor der Atomkatastrophe von Fukushima in Kraft waren.

Aber auch zusätzliche Kühlsysteme und Druckentlastungssysteme der Reaktor-Hüllen finden positive Erwähnung. Das Ensi hatte nach den Tests seinerseits einen zusätzlichen Sicherheitsnachweis gefordert. So müssen die AKW aufzeigen, dass sie ausreichend gegen Störfälle, ausgelöst durch extreme Wetterbedingungen, geschützt sind.

Oft Mängel im Fall von Unglücken

Die EU hat keine Rangliste der schwersten Mängel erstellt. Sie hat zwar zu jedem einzelnen Reaktor Ergebnisse veröffentlicht. Es sei aber ausdrücklich nicht so, dass eine Anlage mit mehreren Empfehlungen unbedingt unsicherer sei als eine mit wenigen, machten Experten geltend. Denn es komme auf den spezifischen Reaktor, seine Bauweise und andere Faktoren an.

Unter anderem werden die aktuellen Standards für die Risikoeinschätzung für Erdbeben nur bei 54 der 145 Reaktoren in der EU angewandt. Die Ausrüstung zur Bekämpfung schwerer Unfälle ist bei 81 Reaktoren demnach noch nicht so gelagert, dass sie bei grosser Verwüstung unversehrt bliebe.

Besonders beunruhigende Mängel offenbarten die Stresstests an zwei Kraftwerken in Skandinavien: Sowohl im finnischen Olkiluoto sowie im schwedischen Forsmark haben die Mitarbeiter im Falle eines Stromausfalls weniger als eine Stunde Zeit, um die Sicherheitssysteme wieder hochzufahren. Gelingt das nicht, droht Überhitzung. Und in 32 Meilern, davon viele in Belgien und Tschechien, gibt es keine mit Filtern ausgestatteten Abluftsysteme, die den Druck im Reaktorbehälter bei Unfällen gefahrlos ablassen könnten.

Kritik von Greenpeace

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte in einer Reaktion, die Tests seien nicht tiefgründig genug durchgeführt worden. Greenpeace-Sprecher Mark Breddy sagte: «Es gibt ernsthafte Risiken, die nicht untersucht wurden.» Darunter die Alterung der Meiler. «Die Regierungen müssen die ältesten und unsichersten Reaktoren schnell abschalten.» Die Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms, forderte, alle relevanten Risiken müssten geprüft werden.

Die Stresstests folgten im Nachgang zur Atomkatastrophe von Fukushima vom März 2011. Diese war durch ein Erdbeben und einen Tsunami ausgelöst worden. Am 18. und 19. Oktober werden die EU-Staats- und Regierungschefs die Empfehlungen beim EU-Gipfel erörtern.

Bis Ende 2012 sollen die Mitgliedstaaten nationale Aktionspläne inklusive Zeitrahmen erstellen. Im Juni 2014 will die Kommission, gestützt auf die nationalen Aufsichtsbehörden, über die Umsetzung der Empfehlungen informieren. Bereits im Februar 2013 will Oettinger neue Vorschläge für nukleare Sicherheitsstandards vorstellen. Diese sollten die höchst mögliche Unabhängigkeit der Aufsichtsbehörden sicherstellen und die technischen Standards weiterentwickeln.

sda/dapd/rbi/rub

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