Wo die DDR 15 Meter breit war: Die Schweizerhäuser von Klein-Glienicke

In Klein-Glienicke stehen seit 150 Jahren Schweizerhäuser. Nach dem Mauerbau wurde die verschlafene Ecke zwischen Potsdam und Berlin zum Sperrgebiet. An ihrer schmalsten Stelle war die DDR hier gerade mal 15 Meter breit.

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Der Spaziergang von Potsdam über die viel befahrene Glienicker Brücke zum Jagdschloss Glienicke und von dort über die unscheinbare Parkbrücke zum Schloss Babelsberg, der zauberhaften Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm I., dauert vielleicht eine halbe Stunde. Vor 25 Jahren war das ein Ding der Unmöglichkeit. Man hätte zweimal die hermetisch abgeriegelte Grenze zwischen Ost und West, zwischen der DDR und Westberlin, überwinden müssen.

Bis zum 9.November 1989 war die Brücke über die Havel verbarrikadiert. Nur ganz selten passierte im Realsozialismus jemand die 1907 erbaute Brücke. Drei Mal kam es hier zum Gefangenenaustausch. Spektakuläre Szenen waren das im Kalten Krieg für die Nachrichtensendungen der Welt. Insgesamt querten rund 40 Agenten und andere Inhaftierte die Brücke. «Bridge of Spies» wurde sie in James-Bond-Manier genannt. Am 11.Februar 1986 etwa ging der sowjetische Dissident Anatoli Schtscharanski zu Fuss über die Brücke in die Freiheit.

Entschieden weniger sensationell war dagegen der Alltag in Klein-Glienicke, nur einen Steinwurf von der Brücke entfernt. In diesem Dorf wohnten rund 500 Menschen. Es war eine drei Hektaren grosse DDR-Sondersicherheitszone, die wie «zwei Eselsohren» nach Westberlin hineinragte. Eine Art DDR-Insel auf Westberliner Seite. Faktisch war es ein Sperrgebiet und eine Enklave, mit dem DDR-Binnengebiet, genauer mit Babelsberg, einzig verbunden durch die ebenfalls streng bewachte Parkbrücke. Dort erhielt nur Zutritt, wer hier wohnte oder einen Passierschein vorweisen konnte.

Das einst verschlafene Nest Klein-Glienicke nannte man deswegen auch «Blinddarm der DDR». Der Grenzabschnitt gehörte zu den aus Sicht der DDR-Grenztruppen am schwierigsten zu bewachenden Abschnitten der Mauer. Für den Bau der Grenzanlagen mussten 1961 mehrere Villen weichen.

In Klein-Glienicke war die schmalste Stelle der DDR, 15 Meter betrug der Abstand von Mauer zu Mauer. Anwohner in Ost und West lebten hier in Sicht- und Hörweite. Wo heute ein staubiger Schotterweg als Sackgasse im Wald verschwindet, stand die Mauer. Am Ende des Wegs steht ein nigelnagelneues «Chalet nach alpenländischem Stil». Das hat hier Tradition. Zwischen 1863 und 1867 entstanden in Klein-Glienicke auf Wunsch von Prinz Carl, dem Bruder von Preussenkönig Friedrich Wilhelm IV., acht Schweizerhäuser. Entworfen hat sie Hofarchitekt Ferdinand von Arnim. Die Idee dafür kam Prinz Carl auf seinen Reisen ins Wallis und nach Wengen. Die DDR kam dank Prinz Carl zu einem Schweizer Modelldorf. Den Mauerbau aber haben nur vier der Schweizerhäuser überlebt.

«Glienicke – Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet»: Der Filmemacher Jens Arndt hat über das seltsame Dorf einen Dokumentar-streifen gedreht und ein Buch veröffentlicht. Darin erzählen Augenzeugen vom beschwerlichen Alltag in der Sondersicherheitszone.

Nach dem Mauerbau versuchten die DDR-Behörden durch sogenannte «Wohnraumlenkung» vermehrt, linientreue Genossen nach Klein-Glienicke zu bringen. Einigen DDR-Bürgern gelang von hier aus die Flucht, indem sie – etwa bei einer Panne der Beleuchtungsanlagen an der Grenze – mit einer Leiter über die Mauer stiegen.

Spektakulär war die Tunnelflucht eines Anwohners nach Westberlin 1973, er hatte von seinem Keller aus einen Stollen in die Freiheit gegraben. Der für die Truppen am «Grenzabschnitt GR 44» zuständige Major Franz Pateley nennt diese Flucht in Arndts Film «eine meiner grössten Niederlagen».

Fünf Jahre davor war es bei einem Fluchtversuch zu einem Schusswechsel gekommen: Dabei starben am 15.November 1968 der 21-Jährige, der fliehen wollte, und ein 27-jähriger Grenzsoldat. Es sind zwei der insgesamt mindestens 138 Todesopfer an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989.

Das Jagdschloss Glienicke war in Westberlin, bereits im Ostteil lag der angrenzende Bürgershof. Dieser zählte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu Europas grössten Gartenlokalen. Heute ist es ein an schönen Tagen gut frequentierter Biergarten für Spaziergänger entlang des Glienicker- und des Griebnitzsees beziehungsweise des Teltowkanals, der die beiden verbindet. Ein Abstecher aus der pulsierenden deutschen Hauptstadt nach Klein-Glienicke ist noch immer wie eine Reise in eine andere Zeit. Man erliegt rasch dem Flair des Beschaulichen. Die Strassen sind gepflastert und derart holprig, dass auch Autos sofort ins Schritttempo fallen.

Die Schweizerhäuser stehen am Fusse des Böttcherberges. Dessen höchster Punkt liegt zwar nur 66 Meter über Meer. Und doch sind die «alpenländischen Chalets» direkt mit den Berner Alpen verbunden: Beide sind nämlich Teil des Unesco-Welterbes. Schloss Babelsberg mit der Parkanlage, der Pfaueninsel und dem Schlosspark Klein-Glienicke gehört seit 1991 dazu, dem Jungfrau-Aletsch-Gebiet wurde die Ehre zehn Jahre später zuteil.

Berner Zeitung

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