Wie eine Hassparade die deutsche Polizei überfordert

Die Ausschreitungen in Chemnitz beweisen, dass es in Sachsen nur einen Anlass braucht und Tausende Neonazis stehen bereit. Die Polizei ist überfordert – wie sie selbst zugibt.

Krawalle in Chemnitz: Linke und Rechte stossen in Chemnitz aufeinander. (Video: Tamedia)

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An dem Ort, an dem alles begann, flackern Grablichter in einem Meer aus Blumen. Jemand hat eine Packung Skat-Karten dazugelegt und eine Flasche Sternburger. Hier, neben Reisebüro und Sushi-Restaurant, wurde Daniel H. am Sonntagmorgen nach einer verbalen Auseinandersetzung durch Messerstiche schwer verletzt, er verstarb im Krankenhaus. Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft hat einen Syrer und einen Iraker festgenommen, die genauen Umstände der Tat sind noch unklar.

Am Montagabend wird die kleine Gedenkstätte auf der Brückenstrasse zum Pilgerort. Für Menschen, die Daniel H. kannten, sich weinend in den Armen liegen und ihren Schmerz herausschreien. Aber auch für Neonazis und Hooligans, die ein paar Meter weiter eine Kundgebung angemeldet haben. Nicht jeder darf hier stehen, dafür sorgt ein Mann mit Glatze und schwarzem Hemd. «Geh weiter», brüllt er einen Passanten an, den er als Journalist erkannt haben will, stösst ihn weg. Dann schaut er auf den Berg Blumen vor sich. «Beim Adi wäre das nicht passiert.» Stossgebet eines Neonazis.

Rechtsextreme interessieren sich nicht für Details

Der Ort beweist, dass es in Sachsen nur einen Anlass braucht und Hunderte Neonazis stehen zur Hassparade bereit. Bereits am Sonntagabend zogen 800 von ihnen spontan durch die Chemnitzer Innenstadt. Augenzeugen berichteten von Jagdszenen auf Migranten. Die Polizei war mit der Situation völlig überfordert. Am Montagabend kommen mehrere tausend Rechtsextreme und etwa tausend Linke in Chemnitz zusammen.

Der Tod von Daniel H. hat einen Kampf entfacht um die Deutung eines brutalen Ereignisses, um die Stadt. Einen «mutigen Mann» nennen die Rechten Daniel H. an diesem Abend. Ein Held sei er, in Ehren gestorben. Dabei hat der 35-Jährige mit Neonazis wohl nichts gemein. Laut seiner Facebookseite mochte er Gregor Gysi und eine Gruppe mit dem Namen «Fuck Nazis».

Die Rechtsextremen interessieren sich nicht für solche Details. Sie instrumentalisieren den Tod des jungen Mannes, um die Strasse zu erobern. «Das hier ist unsere Stadt», brüllt die gesichtslose Stimme von der Rednerbühne herab.

Die Kundgebung der Rechtsextremen findet am Karl-Marx-Monument statt. «Proletarier aller Länder vereinigt euch», steht auf der Hauswand. Unten vereinigen sich rechtsextreme Parteien wie der Dritte Weg oder die NPD mit Hooligans, mit Pegida – und scheinbar auch mit normalen Chemnitzer Bürgern. Eine Mutter hat ihre Kinder mitgebracht. Rosa Ballerinas zwischen Thor-Steinar-Pullovern. Ein kleines Mädchen läuft neben ihrem Vater her. Der trinkt ein Bier. Seine Tochter blickt zu ihm auf: «Du, die haben gerade gesagt, wir müssen jetzt alle zusammenhalten.»

Der Gegenprotest hat sich aufgebaut

Auch der AfD-Politiker Raimond Hofman sieht das so. Er führt Interviews mit Frauen, die sich offenbar nicht mehr sicher fühlen auf Chemnitz' Strassen. Von sich selber sagt er, er sei aus tiefstem Herzen Demokrat. Dass er sich hier in eine Reihe stellt mit Demokratiefeinden, stört ihn nicht. «Es geht mir um die Sache. Darum, solche Morde wie an Daniel H. zu verhindern», sagt er. Eine Deutschland-Flagge weht ihm ins Gesicht.

Der Gegenprotest hat sich im Stadthallenpark aufgebaut, einem Kriminalitätsschwerpunkt in der Stadt. Immer wieder kommt es hier zu Prügeleien und Raubdelikten. Es gibt ein Alkoholverbot und Videoüberwachung, ein Bürgerpolizist geht auf Streife. Es gibt Chemnitzer, die sagen: Die Ausländer sind schuld. Nun haben sich hier etwa 1000 Linke versammelt, skandieren: «Wir haben Kuchen, was habt ihr?»

Sie sind laut, aber sie sind deutlich in der Unterzahl. Gegenüber am Marx-Kopf stehen die Rechten. Und so ergibt sich ein Bild, das symbolhafter nicht sein könnte: Auf der Magistrale, die ausgerechnet den Namen Brückenstrasse trägt, stehen sich beide Lager gegenüber, nur einen Flaschenwurf voneinander entfernt, und brüllen sich nieder.

«Was wir hier sehen, ist eine gespaltene Stadt», sagt Maik Otto, ein schmaler Mann mit entschlossenen Zügen. Für die SPD sitzt er im Chemnitzer Stadtrat. Gemeinsam mit seinen Kollegen von den Grünen und Linken hält er ein Banner: «Chemnitzer Stadträte für Menschlichkeit und Solidarität», steht darauf. «Wenn jemand stirbt, ist das schlimm», sagt Otto. «Es ist durch nichts zu rechtfertigen, wenn jemand ein Messer zückt und zusticht.» Aber nun die Stadt in Ausnahmezustand zu versetzen, Jagd auf Menschen zu machen, sei keine adäquate Reaktion. «Das ist eine Schande.»

«Wir wollen weg aus Sachsen»

Ein paar Meter entfernt stehen zwei junge Männer aus Afghanistan. Noori, 18, lebt seit acht Monaten in Chemnitz, Ghul Khan, 19, seit zwei Jahren. Beide sind in die Spontanversammlung am Sonntag geraten, berichten, dass sie gejagt und getreten wurden. «Wir sind auch traurig, dass jemand gestorben ist, aber man kann nicht alle Ausländer wegen einer Tat verurteilen», sagen sie. Beide fühlen sich nicht mehr sicher in Chemnitz. Geh zurück, wo du herkommst, geh arbeiten – das seien noch die harmlosen Sprüche, die sie im Bus oder beim Einkaufen zu hören bekämen, erzählen die jungen Männer. «Wir wollen weg aus Sachsen.»

Eine kleine Frau läuft mit trippelnden Schritten quer über den Platz, vorbei an behelmten Einsatzkräften. Sie trägt einen malvenfarbenen Anorak und ein passendes Tuch dazu. Immer wieder blickt sie hinter sich. «Die jungen Leute», sagt sie und schüttelt den Kopf. Dann bleibt sie kurz stehen, um zu verschnaufen. Eigentlich wohnt sie unten am Stadtbad, aber wegen der Strassensperren muss sie nun einen Umweg gehen. «Wissen Sie», sagt sie. «Ich habe das damals alles schon einmal erlebt.» Mit damals meint sie den 5. März 1945, als Bomben auf Chemnitz fielen und die Stadt brannte.

Fünf Tage habe sie im Keller verbringen müssen, erzählt die Frau. Später habe sie die Ziegel zerbombter Häuser polieren und vom Russ befreien müssen, damit diese anschliessend wieder verbaut werden konnten. Mit den Flüchtlingen in der Stadt habe sie nur gute Erfahrungen gemacht. «Die geben mir ihren Platz im Bus, und manchmal tragen sie meine Tasche.»

Kurz vor 20 Uhr kommt es zur Belastungsprobe für die Polizei. Als Rechtsextreme und Hooligans sich anschicken, durch die Innenstadt zu laufen, fliegen Flaschen und Böller in die Menge. Rechtsextreme zünden Bengalos, Rauchschwaden steigen auf, Schwefelgeruch hängt über der Szenerie. Die sächsische Polizei, die in den vergangenen Tagen heftige Kritik aushalten musste, muss jetzt Dominanz zeigen.

Sie fährt mit zwei Wasserwerfern vor. Es tropft kurz aus der Düse. Doch die Beamten benutzen die bulligen Fahrzeuge nur als Wand, um die Lager zu trennen. Später wird ein Polizeisprecher einräumen, dass zu wenig Beamte vor Ort waren. Der Zulauf auf beiden Seiten habe das erwartbare Mass überschritten. Es ist schon dunkel, als der Demonstrationszug gegen 21.30 Uhr wieder am Karl-Max-Monument ankommt. Die Neonazis singen «Einigkeit und Recht und Freiheit». Dann brüllen sie: «Wir kommen wieder.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 06:28 Uhr

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