Türkisches Gericht will deutschen Autor verhaften lassen

Ein Gericht in Istanbul will einen internationalen Haftbefehl gegen den türkischstämmigen deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli beantragen. Er wird, entgegen aller Evidenz, eines Mordes beschuldigt.

«Es werden Scheinbeweise konstruiert ... und Paragrafen gebeugt, bis sie passen»: Dogan Akhanli (l.) und Günther Wallraff (r.) nach der Freilassung Akhanlis in Istanbul. (8. Dezember 2010)

«Es werden Scheinbeweise konstruiert ... und Paragrafen gebeugt, bis sie passen»: Dogan Akhanli (l.) und Günther Wallraff (r.) nach der Freilassung Akhanlis in Istanbul. (8. Dezember 2010) Bild: Reuters

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Ein türkisches Gericht entschied heute zum Auftakt eines neuen Prozesses, der in Köln lebende Dogan Akhanli solle in die Türkei gebracht werden, um sich wegen des Vorwurfs des Raubmordes zu verantworten, wie der Anwalt des Autors, Ercan Kanar, der Nachrichtenagentur AFP in Istanbul sagte. Er glaube aber nicht, dass Deutschland darauf eingehen werde, sagte Kanar. Das Verfahren wurde auf den 4. Oktober vertagt. Akhanli selbst nahm nicht an der Verhandlung teil.

Akhanli war im August 2010 bei der Einreise in Istanbul festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er sei als Mitglied einer linksextremen Gruppe 1989 an einem Überfall auf eine Wechselstube beteiligt gewesen, bei dem deren Besitzer starb. Akhanli, ein Opfer des türkischen Militärputsches von 1980, floh 1991 nach Deutschland und nahm 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Folter und Manipulation

In dem ersten Prozess wurde Akhanli gleich zu Beginn im Dezember 2010 auf freien Fuss gesetzt und kehrte nach Deutschland zurück. In dem in seiner Abwesenheit fortgesetzten Verfahren wurde Akhanli schliesslich freigesprochen. Die Verteidigung konnte darlegen, dass die Polizeiprotokolle sich widersprechen. Die belastenden Zeugenaussagen wurden manipuliert oder durch Folter erpresst. Zeugen, die den Autor damals angeblich belasteten, widersprachen dieser Darstellung nun. Auch die Söhne des 1989 Ermordeten entlasteten Dogan Akhanli.

Dennoch hob der türkische Berufungsgerichtshof den Freispruch anschliessend wieder auf. Er ordnete ein neues Verfahren an, in dem sich das Gericht einzig auf die damaligen Polizeiberichte stützen solle.

Wallraff: «Beängstigende Groteske»

Menschenrechtler kritisieren das Urteil als Gesinnungsjustiz. Der deutsche Autor Günther Wallraff spricht von einer «beängstigenden Groteske»: «Es werden Scheinbeweise konstruiert, staatliche Gewaltexzesse mit erfundenen und angeblich unerlaubten Widerstandshandlungen ihrer Opfer gerechtfertigt und Paragrafen gebeugt, bis sie passen.»

Offensichtlich gehe es den Richtern aus Ankara nur darum Dogan Akhanli «in ein zweites Exil zu zwingen und seine Stimme in der Türkei zu unterdrücken», schreibt der Verein «Recherche International». Denn Akhanli ist ein profilierter Kritiker der offiziellen türkischen Leugnung des Völkermords an den Armeniern. Er war der erste zeitgenössische türkischstämmige Schriftsteller, der diesen Genozid in einem Roman offen thematisierte. Akhanli hat auch wiederholt zu aktuellen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei Stellung bezogen.

Unterstützer im Gezi-Park festgenommen

In der Verhandlung vom Mittwoch forderte Akhanlis Anwalt Kanar die Bestätigung des Freispruchs für seinen Mandanten. Dagegen argumentierte die Staatsanwaltschaft, das Gericht solle dem Berufungsgericht gemäss den Autor verurteilen. Nun soll Akhanli mit internationalem Haftbefehl gesucht werden. «Deutschland wird ihn aber wohl nicht in die Türkei schicken», sagte der Anwalt. «Er ist ja auch deutscher Staatsbürger.»

Zur Unterstützung Akhanlis war in den vergangenen Tagen eine Delegation aus Deutschland nach Istanbul angereist. Wie der türkische Menschenrechtsverein IHD am Mittwoch mitteilte, wurde ein Mitglied der Delegation von der türkischen Polizei im Istanbuler Gezi-Park vorübergehend festgenommen; der Park war der Ausgangspunkt der regierungskritischen Unruhen im Juni. Inzwischen sei der deutsche Bürger aber wieder auf freiem Fuss, hiess es am Mittwoch beim IHD. (rub/AFP)

Erstellt: 31.07.2013, 13:30 Uhr

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