Stolz auf armenische Grossmütter

Der renommierte Politikwissenschaftler Cengiz Aktar sieht die türkische Zivilgesellschaft trotz der harten Politik der Regierung Erdogan in Bewegung: Viele Türken betonten heute offen ihre armenischen Wurzeln.

Es sei auch in der Türkei normal geworden, den armenischen Gedenktag zu feiern, sagt Cengiz Aktar.

Es sei auch in der Türkei normal geworden, den armenischen Gedenktag zu feiern, sagt Cengiz Aktar.

(Bild: Muhsin Ergun/zvg)

Jürg Steiner@Guegi

Locker bestellt der aus der Türkei angereiste Cengiz Aktar (60) in Jack’s Brasserie des Schweizerhofs in Bern einen Kaffee. In akzentfreiem Deutsch. «Ich spreche kein Deutsch», sagt er dann auf Englisch und grinst: «Aber ich habe ein sehr gutes Sensorium für den richtigen Klang.» Sowie, könnte man anfügen, für Zwischentöne, Stimmungen, Gefühlslagen in der türkischen Gesellschaft.

Aktar ist Professor am Policy Center der Sabanci-Universität in Istanbul, Kolumnist mehrerer Zeitungen – und gehört deshalb zu den einflussreichen Stimmen in der türkischen Öffentlichkeit. Obschon er eine Meinung vertritt, die in der Türkei an sich verboten ist. Laut Aktar sollten die Türken den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg anerkennen und sich dafür entschuldigen. Kürzlich weilte Aktar auf Einladung der christlichen Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International in der Schweiz.

Gegen gesäuberte Geschichte

«Die Dynamik in der türkischen Gesellschaft ist viel stärker, als das die starre Position der Regierung von Recep Tayyip Erdogan vermuten lässt», sagt Aktar. Namentlich bei der jüngeren Generation, die der türkischen Elite das jahrzehntelang propagierte gesäuberte Geschichtsbild nicht mehr abnehme. «Man will es genauer wissen. Die Erinnerungsarbeit ist heute in vollem Gang.» Mehr und mehr junge Historiker forschen in den Archiven zum Völkermord an den christlichen Minderheiten in der entstehenden Türkei. Wird ihnen das von konservativen Professoren verwehrt, wechseln die Doktoranden laut Aktar ins Ausland.

Wichtige Social Media

Als er selber studiert habe, sei es unmöglich gewesen, in der Türkei eine Publikation zum Genozid an den Armeniern aufzutreiben. Heute gebe es in der Türkei laufend Veröffentlichungen dazu, sagt Aktar. Diese Entwicklung ermöglicht haben laut Aktar wenige charismatische Figuren. Der Verleger Ragip Zarakoglu etwa, der sich nie gescheut habe, für kritische Bücher juristische Verfahren in Kauf zu nehmen. Oder der Journalist Hrant Dink, der die Armenier in der türkischen Öffentlichkeit unermüdlich zum Thema machte und 2007 in Istanbul ermordet wurde.

Heute, sagt Aktar, halte die islamische Regierungspartei von Präsident Erdogan zwar eisern daran fest, den Völkermord zu leugnen. Ständig werde die offizielle Version wiederholt: Die Deportation aus den Siedlungsgebieten in Anatolien ab 1915 sei eine militärische Notwendigkeit gewesen, weil die Armenier revoltiert, mit dem russischen Feind kollaboriert oder sich von den «westlichen Imperialisten» zur Destabilisierung der Türkei hätten einspannen lassen.

Doch diese Versionen hielten vor der auch über Social Media immer besser informierten türkischen Öffentlichkeit immer weniger stand, die Sicht, dass es sich um eine brutale ethnische Säuberung gehandelt habe, setze sich immer mehr durch.

Armenische Grossmütter

Cengiz Aktar liest den Wandel in der türkischen Gesellschaft an verschiedenen Ereignissen ab. Während des Völkermords wurden Hunderttausende armenische Mädchen von ihren Eltern getrennt und zwangsislamisiert. Deshalb haben heute viele Türken eine armenische Grossmutter, was sie jahrzehntelang verschwiegen. «Heute stehen sie nicht nur dazu, sondern betonen die armenischen Wurzeln mit Stolz», wie Aktar feststellt.

Zudem sei es auch in der Türkei «normal geworden», am Jahrestag, dem 24.April, öffentlich des Völkermordes zu gedenken. 2010 hielt erstmals eine türkische Stadt eine öffentliche Feier ab, der diesjährige 100.Gedenktag werde bereits in 28 türkischen Städten begangen. Der Artikel im türkischen Strafgesetz, wonach sich der Beleidigung des Türkentums schuldig macht, wer den Völkermord beim Namen nennt, werde kaum mehr angewandt.

Fragen zur Schweiz

Trotzdem glaubt Aktar nicht, dass die türkische Regierung «ihre schizophrene Haltung ändern» und in absehbarer Zeit den Völkermord anerkennen wird. «Aber stoppen lässt sich der Prozess nicht mehr», sagt er, «der Geist ist der Büchse der Pandora entwichen. Definitiv.»

Angesichts dieser Entwicklungen versteht Aktar nicht richtig, warum die Schweizer Landesregierung vor der Türkei nach wie vor den Bückling macht. Etwa vor wenigen Monaten, als der Bundesrat den Kanton Genf aufforderte, einer armenischen Gedenkstätte die Baubewilligung zu verweigern. Oder vor wenigen Tagen, als man in Bern entschied, nicht ein Bundesratsmitglied, sondern nur den Botschafter in Armenien am kommenden 24.April zur grossen 100-Jahr-Gedenkfeier nach Jerewan zu schicken.

Berner Zeitung

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