So kam die Polizei dem Verdächtigen auf die Spur

Der im Mordfall Viktoria Marinowa gefasste Sewerin K. hat eine Spur hinterlassen. Derweil beklagt sich Bulgariens Premier über Vorverurteilungen seines Landes.

Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa wurde ermordet. Sie recherchierte über Korruption in der EU.

Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinowa wurde ermordet. Sie recherchierte über Korruption in der EU. Bild: Keystone

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Am Ende waren keine vier Tage verstrichen, bis die bulgarische Regierung bekannt geben konnte, der Mord an der Fernsehjournalistin Viktoria Marinowa sei aufgeklärt: Der 21 Jahre alte Sewerin K. sei «des vorsätzlichen Mordes und der Vergewaltigung» verdächtig, sei mit Europäischem Haftbefehl gesucht und am Dienstagabend von der Polizei in Stade bei Hamburg festgenommen worden, erklärte ein Trio aus Bulgariens Innenminister, dem Generalstaatsanwalt und dem Ministerpräsidenten bei einer Pressekonferenz im Regierungssitz in Sofia.

Innenminister Mladen Marinow zufolge sei Sewerin K. 1997 in Ruse geboren und habe in der Nähe des Tatortes gewohnt. Die Ermittler hätten zuerst K.s DNA auf Marinowas Leiche gefunden und später in seiner Wohnung ein Kleidungsstück mit Blut und DNA Marinowas gefunden. Einem Fernsehsender zufolge soll auch Marinowas Handy in K.s Wohnung gefunden worden sein. K. war zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen. Am Sonntagnachmittag habe er Bulgarien laut Generalstaatsanwalt Sotir Zazarow erst über den Grenzfluss Donau nach Rumänien verlassen und sei dann weiter nach Deutschland gezogen. «Ich danke allen Innenministeriumsbeamten, Staatsanwälten, Richtern und der Polizei in Deutschland für ihre Kooperation. Eine Menge Aktionen wurden in kurzer Zeit durchgeführt.»

Die Mutter lebt in der Nähe von Hamburg

Woher aber wussten die bulgarischen Behörden, wo K. nach seiner Flucht nach Rumänien zu suchen sei? Der Fernsehsender Nova interviewte am Dienstagabend mehrere Nachbarn K.s, der in einem winzigen Reihenhaus im vorwiegend von Roma bewohnten Armenviertel in der Nähe der Donau-Promenade wohnte. Den Nachbarn zufolge habe K. nach seiner Tat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er fliehen müsse – seine Mutter lebe in der Nähe vom Hamburg. Die Polizei habe K.s Wohnung durchsucht und sei ihm so auf die Spur gekommen. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius bestätigte am Mittwoch, dass ein MEK-Einsatzkommando des niedersächsischen Landeskriminalamtes und der Polizei Lüneburg K. in Stade «in der Wohnung von Familienangehörigen festgenommen» habe. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle führt nun das Auslieferungsverfahren, in dem ein Oberlandesgericht entscheiden wird, ob K. an Bulgarien ausgeliefert wird.

Ministerpräsident Boiko Borisow bedankte sich bei den Ermittlern und den deutschen Behörden. Gleichzeitig klagte er über die ungerechte Behandlung Bulgariens seit Bekanntwerden des Mordes an Marinowa: Weil die Fernsehmoderatorin in ihrer letzten Sendung am 30. September ausführlich über spektakuläre Enthüllungen über offenbar massiven Betrug mit EU-Subventionen berichtet hatte, nahmen Kollegen an, sie sei wegen eigener Recherchen oder als Warnung an investigative Journalisten ermordet worden. «Drei Tage lang habe ich monströse Informationen über Bulgarien gelesen, und nichts davon war wahr», sagte Borisow. Von Anfang an sei klar gewesen, dass der Mörder DNA-Spuren hinterlassen habe, doch ein Auftragsmörder «hinterlässt keine Spuren».

«Spontane Attacke»: Der bulgarische Ministerpräsident Boiko Borisow (links) an der Pressekonferenz in Sofia. Foto: Keystone

Ausdrücklich erwähnte Borisow als Beispiel für Vorverurteilungen die Europäische Volkspartei. Deren Vorsitzender Manfred Weber hatte am 7. Oktober auf Twitter kommentiert, er sei «schockiert durch den brutalen Mord an der bulgarischen Journalistin Victoria Marinowa. Meine Gedanken sind bei ihrer Familie. Sie ist die dritte Journalistin, die innerhalb eines Jahres in der EU getötet wird. Dies ist sehr besorgniserregend. Eine vollständige Untersuchung durch die bulgarischen Behörden ist dringend erforderlich.» Am Mittwoch kommentierte Weber: «Ich begrüsse die vorläufigen Ergebnisse der Ermittlungen zum Mord an Victoria Marinowa. Bulgarische Behörden haben schnell und effektiv gehandelt. Wir haben volles Vertrauen in die bulgarischen Behörden, Gerechtigkeit für die Familie und Nahen von Viktoria Marinowa zu finden.»

Bei Trauerkundgebungen in Ruse oder Sofia waren zuvor indes viele von bulgarischen Medien befragte Menschen im Vorfeld der Festnahme skeptisch gegenüber jedwedem Ermittlungsergebnis bulgarischer Behörden. Dies weiss offenbar auch der Regierungschef. Borisow erklärte, vor der Entscheidung über die Auslieferung durch ein deutsches Gericht «werden wir die gesamte DNA-Information sowohl des Verdächtigen wie des Opfers zur Verfügung stellen». Generalstaatsanwalt Zazarow zufolge «gibt es volle Übereinstimmung zwischen dem DNA-Profil des Festgenommenen und der DNA, die auf der Kleidung des Opfers gefunden wurde». Ausserdem «wurde die DNA des Opfers auf Kleidung des Festgenommen in seiner Wohnung in Bulgarien gefunden». Augenzeugen gebe es bisher nicht.

Spontane Attacke des betrunkenen mutmasslichen Täters

Der festgenommene K. sei der Polizei schon 2007 – mit zehn Jahren – durch Metalldiebstahl aufgefallen. Der Infodienst «24 Stunden» zeigte ein offenbar einem Facebook-Profil entnommenes Bild, das angeblich K. posierend vor einem schwarzen Porsche zeigt. Die Vergewaltigung und Ermordung der in der Nähe seiner Wohnung joggenden Marinowa war dem Generalstaatsanwalt zufolge «eine spontane Attacke und so brutal, dass sie die aggressive Einstellung des Angreifers zeigte». K. habe Boxen trainiert, vor dem Mord viel Alkohol getrunken und habe Marinowa oft geschlagen, diese habe vor ihrem Tod zwei ernsthafte Gehirnschäden davongetragen.

Marinowas im Februar 2018 von ihr geschiedener Ehemann Swilen Maximow gehört der Fernsehsender TVN, bei dem Marinowa als Moderatorin und Verwaltungsdirektorin arbeitete. Maximow erklärte im Fernsehsender Nova, er habe am Samstagmorgen zuletzt mit seiner geschiedenen Frau gesprochen: Beide haben eine gemeinsame Tochter. Am Nachmittag habe ihn seine Mutter besorgt angerufen, weil Victoria ihre Tochter nicht abgeholt habe, was noch nie vorgekommen sei. Danach hätten sie sich selbst auf die Suche gemacht. Die Anteilnahme nach dem Mord habe ihn berührt. «Ich wünschte, der Staat und die Menschen würden bei jedem Menschen in Not eine solche Reaktion zeigen – dann könnten wir uns einen Staat nennen.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 13:47 Uhr

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