«Putins Sieg ist auch eine Chance»

Der Westen müsse Moskau gegenüber geschlossen auftreten, fordert der Historiker Jeronim Perovic vom neuen Osteuropa-Institut der Uni Zürich.

«Es darf kein neues Jalta geben»: Der Osteuropa-Historiker Jeronim Perovic. Foto: Raisa Durandi

«Es darf kein neues Jalta geben»: Der Osteuropa-Historiker Jeronim Perovic. Foto: Raisa Durandi

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Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist nicht erst seit der Giftgasattacke im britischen Salisbury belastet. Befinden wir uns in einem neuen Kalten Krieg?
Als Historiker habe ich Mühe mit solchen Vergleichen. Im Kalten Krieg gab es zwei Blöcke, jener im Osten hat sich aufgelöst. Russland ist nicht die Sow­jetunion, nicht gleich mächtig und auch nicht in eine grosse Militärallianz eingebunden. Aber die Rhetorik erinnert an den Kalten Krieg. Ebenso die Wirtschaftssanktionen oder die Ausweisung von Diplomaten.

Nach der russischen Annexion der Krim 2014 hat der Westen Sanktionen verhängt. War das die Epochenwende?
Die Ukrainekrise brachte all die Spannungen, die sich schon vorher aufgebaut hatten, an die Oberfläche. Und zwar schlagartig. Der Konflikt hat sich eigentlich 2008 mit dem russisch-georgischen Krieg abgezeichnet. Die Dinge liefen aber schon Anfang der 1990er-Jahre schlecht, als man es nicht geschafft hat, nach dem Kalten Krieg eine neue gesamteuropäische Sicherheitsordnung zu schaffen.

Was genau ist schlecht gelaufen?
Der Westen hat die Chance verpasst, Russland stärker einzubinden. Man hat die Nato erweitert, was legitim war und dem Wunsch der osteuropäischen Staaten entsprach. Allerdings hatte man zuvor Moskau das Gefühl gegeben, die Nato würde sich nicht erweitern, und es würde etwas Neues entstehen.Wladimir Putins klare Wiederwahl basierte auf antiwestlicher Propaganda.

Worauf muss sich der Westen einstellen?
Ich glaube, Putins Sieg ist auch eine Chance für eine Entspannung. Er sitzt nochmals sechs Jahre im Sattel, und er hat grossen Rückhalt in der Bevölkerung. Deshalb kann er es sich leisten, auf den Westen zuzugehen. Sonst bleiben die benötigten Investitionen aus. Putin braucht die Europäer, sie sind die wichtigsten Abnehmer von Öl und Gas. Russland ist viel stärker in die globale Wirtschaft eingebunden, als es die Sowjetunion jemals war.

Derzeit aber kämpft Putin mit Hackern und atomaren Drohungen gegen westliche Demokratien. Wie sollen sie reagieren?
Mit Geschlossenheit, das ist das wichtigste Mittel. Russland hat nicht mit einer konzentrierten westlichen Antwort auf die Annexion der Krim gerechnet. Man wollte die einzelnen Staaten gegeneinander ausspielen, aber das ist nicht gelungen.

Aber es gibt doch Brüche, vor allem zwischen Ost- und Westeuropa.
Ja, und die Russen setzen darauf. Moskau spielt auf Zeit und wartet, bis sich die EU aufweicht. Bei der Ausweisung der Diplomaten haben erneut mehr als 20 Staaten mitgemacht. Auch das demonstriert Geschlossenheit. Vor übertriebenen Massnahmen warne ich jedoch. In den USA herrscht schon fast eine antirussische Hysterie.

Lässt sich Putin überhaupt beeindrucken?
Wenn man im Westen gehofft hat, dass die Sanktionen das russische Regime schwächen würden, hat man das Gegenteil erreicht. Die Wahlen haben gezeigt, dass es einen Schulterschluss gegeben hat. Dennoch waren die Sanktionen extrem wichtig. Hätte der Westen nicht so geschlossen reagiert, wären die prorussischen Truppen in der Ukraine vielleicht weitermarschiert.

Aktuell versucht Russland, auch auf dem Balkan seinen Einfluss auszuweiten.
Überall, wo Europa eine Lücke offen lässt, versucht Russland hineinzustossen. Wenn Serbien nicht bald eine realistische Perspektive auf einen EU-Beitritt erhält, spielt das Russland in die Hände.

Im UNO-Sicherheitsrat blockiert oder verwässert Russland jede Resolution, mit der ein Waffenstillstand in Syrien durchgesetzt werden soll. Worum geht es Putin?
Zunächst war es eine Gelegenheit. Bashar al-Assad, ein Verbündeter, hatte Putin eingeladen und ihm signalisiert, hier könne er sich aussenpolitisch profilieren. Syrien ist für Putin ein Schaulaufen, er kann russische Militärtechnik vorführen. Und vor allem kann er dem Westen zeigen, dass Russland in der Lage ist, Krieg zu führen, wenn man denn will.

Wird die Stärke der russischen Streitkräfte nicht massiv überschätzt?
Was ist Stärke? Wenn man nur Panzer zählt und Militärbudgets vergleicht, liegt Russland weit hinter den USA zurück. Doch stark ist derjenige, der bereit ist, das, was er hat, auch einzusetzen. Wenn die USA in Syrien so rücksichtslos vorgehen würden wie Russland, hätten sie eine miserable Presse. Putin ist das egal.

Während des Kalten Kriegs gab es Institute, die sich mit der Sowjetunion befassten. Nun wurde an der Uni Zürich das Center for Eastern European Studies eröffnet. Ist das eine Reaktion auf Putin?
Es ist traurig, dass es immer zuerst eine Krise wie jene in der Ukraine braucht, damit wir beweisen können, dass ein Thema oder eine Region relevant ist. Osteuropa aber ist ohnehin wichtig, auch für die Schweiz, nicht nur wirtschaftlich, auch sicherheitspolitisch. Es ist ein Auftrag einer Universität, institutionelles Wissen aufzubauen.

Wollen Sie mehr Verständnis wecken für die russische Politik?
Wir sind keine «Putin-Versteher», wenn Sie das meinen. Es geht uns um Analysen und das Erklären der Hintergründe.

Wie hat die russische Botschaft in Bern auf die Gründung des Instituts reagiert?
Ich glaube, die haben das noch nicht gemerkt. Aber wir werden sie zur offiziellen Eröffnung am 25. April einladen. Sie schicken meist einen Vertreter.

Welche Verantwortung trägt der Westen am neuen Kräftemessen?
Es gibt Leute, die machen es sich einfach, wenn sie sagen, beide Seiten hätten Fehler gemacht. Der Westen hat die Krim jedoch nicht annektiert. Und er hat auch nicht Aufständische in der Ostukraine mit Waffen und Geld unterstützt und den Konflikt angefacht. Der Westen hat jedoch die russische Reaktion auf das geplante Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU unterschätzt. Das war ein Fehler. In jenen Verhandlungen wurde Russland ausgeschlossen mit dem Hinweis, das sei eine Sache zwischen Kiew und Brüssel.

Was es auch war.
Formell ja, nicht aber realpolitisch. Der damalige ukrainische Präsident Janukowitsch hatte gesagt, er habe ein Problem mit Russland, weshalb er das Abkommen nicht unterzeichnen könne. Darauf setzte ihn die EU unter Druck. Das war nicht durchdacht. Russland hatte wiederholt signalisiert, dass man die Ukraine zur eigenen Einflusssphäre zählt.

Die Epoche der Einflusssphären schien vorbei.
Es wäre verheerend, wie im Kalten Krieg Demarkationslinien festzulegen. Aber wenn die Situation so gefährlich ist wie in der Ukraine, muss man sich überlegen, was am besten ist für jene Staaten und ihre Bewohner, die in der Grauzone zwischen Russland und Europa liegen.

Kann man zur Tagesordnung übergehen nach einem solchen Bruch des Völkerrechts?
Vier Jahre nach der Krim-Annexion müssten die verantwortlichen Politiker über ihren Schatten springen und das Gespräch auf höchster Ebene suchen. Es darf kein neues Jalta geben, aber wir müssen uns Gedanken über eine neue Sicherheitsarchitektur machen, die Russland besser einschliesst.

Ist Putins Rückhalt so stark, wie es scheint?
Russland fühlt sich vom Westen in die Enge getrieben. Zudem läuft die Wirtschaft nicht recht. Da setzt man auf Bewährtes. Vor allem wollen die Russen keinen Rückfall in die chaotischen 90er-Jahre.

Sie beziehen sich auf die Jelzin-Jahre. Wie hat sich das Land seither verändert?
Ich war damals als Student in Russland. Es gab keine Ordnung mehr. Auf den Strassen war es gefährlich, Banden trieben ihr Unwesen, der Staat schien inexistent. Aber es gab auch viel Dynamik. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass sich in Russland wieder ein so autoritärer Staat entwickeln würde, der Wirtschaft und Gesellschaft kontrolliert. Geblieben sind mir die Freundschaften aus jener Zeit.

Besteht die Chance, dass ein Nachfolger Putins zur friedlichen Koexistenz zurückkehrt?
Russland wird sich nie unterordnen und Teil einer westlichen Wertegemeinschaft werden. Russland sieht sich als eigenständige eurasische Grossmacht, die ihre Interessen global vertritt. Das ist unabhängig von Putin. Er dürfte jemanden heranziehen, den wir noch nicht kennen, der dann sein System des starken Staats weiterführt. Denn Putin betrachtet sein System für Russland als Erfolgsmodell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2018, 12:37 Uhr

Jeronim Perovic

Center for Eastern European Studies

Der gebürtige Schaffhauser lehrt und forscht an der Universität Zürich russische und osteuropäische Geschichte. Perovic (46) leitet ausserdem das Center for Eastern European Studies (Cees), das am 25. April offiziell eröffnet wird. Der Historiker hat Forschungs- und Studienaufenthalte in Moskau, Washington sowie an den Universitäten Harvard und Stanford absolviert. Zuletzt erschienen ist sein Buch «Cold War Energy: A Transnational History of Soviet Oil and Gas» (2017).(chm)

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