Möwen entlarven das Mutterschiff

Schlepper aus Libyen setzen auf neue Methoden, um Migranten nach Italien zu bringen.

Erst zieht ein vermeintlicher Fischtrawler nur ein leeres Boot. Dann steigen Flüchtlinge um. Screenshots: Frontex

Erst zieht ein vermeintlicher Fischtrawler nur ein leeres Boot. Dann steigen Flüchtlinge um. Screenshots: Frontex

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Der Trick wäre beinahe gelungen, einmal mehr, wäre da nicht die Sache mit den Möwen gewesen. Ein Fischerboot aus Libyen hat am Wochenende 81 Migranten bis in die Nähe der italienischen Hoheitsgewässer gebracht, um die Passagiere dort abzusetzen. Dafür hatten die Schlepper ein kleines Boot hinter sich hergezogen, ausgestattet mit einem GPS, das die Migranten dann auf der letzten Strecke bis zur Insel Lampedusa den Weg weisen sollte, während die Schleuser umkehren würden, unbehelligt. Die Methode «Mutterschiff» sei zwar neu, aber bereits einigermassen erprobt, schreibt die Zeitung «Corriere della Sera».

Die 81 Migranten aus Afrika und Asien waren also während der Überfahrt im Bauch des grösseren Schiffs versteckt, im Maschinenraum unter Deck. Die europäische Grenzpolizei Frontex filmte die beiden Boote mit einer Drohne aus grosser Höhe, schon kurz nachdem es in Libyen abgelegt hatte. Suspekt schien ihr nicht nur der leere Anhänger, sondern eben auch dies: Es kreisten keine Möwen über dem Fischerboot, wie das sonst immer der Fall ist. Die Vögel riechen Fische und Netze, der Geruch zieht sie an wie ein Versprechen. Dieses Fischerboot aber roch nicht nach Fischen.

Sea Watch 3 wartet noch

Sechzig Seemeilen vor Lampedusa stoppte das Boot. Die Migranten, von denen jeder 3000 bis 4000 Euro bezahlt haben soll, erhielten Rettungswesten und bestiegen den kleinen, weissen Aussenborder: billige Fertigung, schwacher Motor. Als das «Mutterschiff» umkehrte, setzte ihm ein Schnellboot der Guardia di Finanza nach. Sieben Schlepper, ein Libyer und sechs Ägypter, wurden verhaftet. Ihnen droht nun eine Anklage wegen Begünstigung der illegalen Einwanderung. Die italienische Polizei fand Handys und Dokumente an Bord, die nun helfen könnten, die Bande zu überführen. Das Mutterboot wurde beschlagnahmt.

Die Migranten gingen bald darauf schon an Land. Wahrscheinlich passierten sie bei der Einfahrt in den Hafen von Lampedusa die Sea Watch 3, das Schiff der gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation. Die harrt mit 43 Migranten schon mehr als eine Woche dort, weil Italiens Regierung ihr unter Androhung hoher Geldstrafen verbietet, italienische Gewässer zu befahren und in Lampedusa anzulegen. Alle Appelle brachten nichts, es waren auch zwei der Vereinten Nationen dabei. Matteo Salvini, der Innenminister von der rechten Lega, will die Sea Watch zum Sinnbild seiner Abschottungspolitik machen. Er nennt die Helfer «Piraten» und «Verbrecher».

Gerade diese Tage zeigen jedoch, dass die harte Haltung gegen NGOs vor allem symbolisch ist. Italiens linke Opposition spricht von «Propaganda». Zu beobachten gibt es nämlich nicht nur die neue Methode der Schlepper mit «Mutterschiffen», sondern auch Überfahrten mit sogenannten «barche fantasma», mit Geisterbooten also, die nicht auf dem Radar erscheinen.

 Solche Meldungen zerstören Salvinis Mythos der totalen Abschottung, der «geschlossenen Häfen». 

Allein letzte Woche, als alle Aufmerksamkeit auf die Sea Watch gerichtet war, erreichten Dutzende Migranten auf besseren, schnelleren Booten die Küsten von Italiens südlichster Insel. Die Organisatoren von Geisterfahrten verlangen viel mehr Geld für die Reise, weil die relativ bequem und sicher ist: bis zu 15'000 Euro. Früher kamen die meisten Geisterboote aus Tunesien, sie landeten im nahen Sizilien. Neuerdings registriert die italienische Marine immer öfter auch Schiffe aus der Türkei, die in Apulien und Kalabrien anlegen.

Darüber mag Salvini nicht so gerne reden. Solche Meldungen zerstören den Mythos der totalen Abschottung, der «geschlossenen Häfen». Auch der Landweg ist nicht mehr so dicht, wie er das vor einigen Monaten noch war. In den italienischen Medien ist erstmals wieder von der «Rotta balcanica» die Rede, der Balkanroute: Über die Grenze zu Slowenien sind in den vergangenen Tagen mehr als hundert Migranten nach Italien eingereist.

Rückkehr der «Dublinanti»

Unangenehm ist Salvini auch eine andere Entwicklung. Mittlerweile ist es so, dass mehr Asylsuchende aus dem Norden Europas kommen als aus Afrika. Es sind Menschen, die auf ihrer Flucht nach Europa zunächst italienischen Boden betreten hatten, dann weiter nach Frankreich, Österreich, in die Schweiz, nach Deutschland oder noch weiter nördlich reisten und nun von diesen Ländern gemäss den Vereinbarungen im Dubliner Abkommen wieder zurück ins Erstland geschickt werden. Die Italiener nennen sie deshalb «Dublinanti».

Seit Beginn des laufenden Jahres kehrten 3500 Migranten nach Italien zurück, etwa tausend allein aus Deutschland. Im selben Zeitraum kamen nur 2300 neue Zuwanderer über die Fluchtroute im zentralen Mittelmeer. 40'000 Anträge für die Rückführung von «Dublinanti» sind hängig.

Vielleicht liesse sich das ändern. Dafür müssten die europäischen Partnerstaaten aber das Dublin-System reformieren. Das könnte auch im Interesse der Italiener sein. Doch wenn sich die Innenminister der Europäischen Union jeweils treffen, um über das Abkommen reden, reist der Italiener meistens gar nicht an: Seit Salvini im Amt ist, nahm er nur an einem einzigen Gipfel teil. Es gab schon sieben.

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