Luther sorgt in Berlin für Kontroversen

Im kommenden Jahr steht in Deutschland das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation an. Nun soll in Berlin vor der Marienkirche ein neues Luther-Denkmal aufgestellt werden – gegen den Widerstand von vielen Theo­logen und Historikern.

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Er war grobschlächtig und besserwisserisch, sah auf Frauen ­herab, verachtete Bauern und hetzte die Söldner der Herren gegen den «aufständischen Pöbel». Und er war ein bekennender Anti­semit. Martin Luther (1483–1546) war kein sanfter Christenmensch.

Im kommenden Jahr soll er mächtig gefeiert werden als der Theologe, der die Reformation 1517 mit dem Anschlagen seiner berühmten Thesen an das Portal der Stadtkirche in Wittenberg in Gang gebracht hat.

Die deutsche Regierung und mehrere europäische Staaten sind dabei. Weltweit freuen sich protestantische Christen auf das Jubiläum, vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien, der evangelische Glaube erhält dort zurzeit am meisten Zuspruch. Aber vielen Theologen graust es auch vor dem Jubelfest.

Die Siegerpose stört

Das zeigt sich derzeit in Berlin. dort gibt es ein dreieinhalb Meter hohes Denkmal, auf dem Luther seit 1895 in Heldenpose dargestellt ist. Da steht der Reformator eingehüllt in einen gewaltigen Mantel, mit der Bibel in der Hand, während sein Blick pathetisch in die Ferne schweift. Die Bronzeskulptur stand seit 1990, nach dem Ende der kommunis­tischen DDR, wieder vor der Marienkirche am Alexanderplatz. Nun wird sie restauriert. Und dann?

Vier Jahre lang hat eine Gruppe von Theologen, Künstlern, Städteplanern und Architekten dar­über diskutiert – ohne Ergebnis. Ausgerechnet viele Theologen wollen den Reformator heute nicht mehr als deutsche Nationalgestalt und Heros sehen. Sie betonen, dass sie die Siegerpose störe, und reden über Luthers ­reaktionäre Einstellungen und moralische Abgründe. Das ehrt die Theologen, sie agieren ohne Scheuklappen. Sie sind aber leider etwas spät dran.

Luther kommt doppelt daher

Ende Juni wurde von einer Jury einer der Beiträge für die Neudarstellung Luthers als Siegerentwurf ausgezeichnet. Der Berliner Künstler Albert Weis wird, unterstützt vom Architekturbüro Zeller & Moye, den Umriss der alten Denkmalanlage vor der Marienkirche im Boden markieren.

Die Betrachter sollen aber nicht mehr zu Luther hinaufschauen, sondern auf Augenhöhe mit ihm sein. Das Denkmal und ein Dup­likat derselben Figur werden sich gegenüberstehen. Luther spiegelt Luther, denn das Duplikat wird mit glänzendem Chrom oder Nickel überzogen.

Der Reformator befragt sich, tritt in einen Dialog mit sich selbst. Ein Vorgang, den Luther in seiner Lebenszeit – trotz all der Zweifel, die ihn peinigten – wohl nie vollzogen hätte. «Das führt ins Leere», meint Pfarrerin Cordula Machoni von der Marienkirche. Der Entwurf sei «nicht akzeptabel», er widerspreche dem Anliegen der Reformation.

Auch der Kunstbeauftragte der Landeskirche, Christhard-Georg Neubert, ist als Sachverständiger «sehr irritiert»: «Der sich selbst bespiegelnde Mensch war für Luther der Abgrund schlechthin», erklärt er. Der Christ solle zu Gott aufschauen. Luthers Prinzip «solus Christus» wird hier quasi konterkariert.

Da hilft es auch nicht, dass in der abgesenkten Bodenfläche mit einer Lichtinstallation Zitate von Martin Luther King oder dem von den Nazis ermordeten deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer eingeblendet werden sollen.

Die Kirchenvertreter sind in der Bredouille. Denn der doppelte Luther ist definitiv unreformatorisch. Auch Historiker verwerfen das Konzept. Schliesslich soll die neue Anlage nicht als Dekoration wirken, sondern auch künstlerische Wahrheit beinhalten.

Die hochkarätige Jury wundert sich nun, dass Kirchenleute und Historikerzunft den Entwurf so rigoros ablehnen.

Der Senat will entscheiden

Am 31. Oktober 2016 wird das Jubiläumsjahr bereits eröffnet. Es soll eine Interimslösung geben, die Mariengemeinde selbst will Künstler, mit denen sie schon zusammengearbeitet hat, mit einer Übergangslösung beauftragen. Gegen diesen Entscheid stellt sich aber der Berliner Senat, denn er hat Steuergelder ausgegeben. Und nun soll die Entscheidung, was an dem markanten Platz entstehen soll, Laien überlassen werden? «Das wäre baukulturell und baupolitisch ein Rückschritt», rügen die Beamten.

Die Zeit drängt nun aber, ein Symposium im September wird kaum Eintracht bringen. Nur – ein Ideenwettbewerb ist nicht ­verpflichtend, auch wenn er aus Steuergeldern finanziert wurde, denen der Senat nun nachtrauert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2016, 12:56 Uhr

Das alte Luther-Denkmal soll verdoppelt werden: Der Entwurf der Installation führte zu heftigen Protesten. (Bild: Wikimedia)

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