Lichtblick in Europas blindem Fleck

Noch immer harren mehrere Tausend geflohene Menschen unter schlimmen Bedingungen auf der griechischen Insel Lesbos aus. Einer der wenigen Lichtblicke in ihrem Alltag ist ein Schweizer Gemeinschaftszentrum – es nutzt Potenziale der Migranten.

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Christian Zeier@ch_zeier

Es war ein Moment der Freude und des Vergessens. Als das Jahr 2017 auf der Insel Lesbos zu Ende ging, rannten im Norden der Stadt Mytilini Dutzende Männer und Frauen aus einem ehemaligen Fabrikgebäude in die kalte Dezembernacht, zählten laut die letzten Sekunden des Jahres und lagen sich um Punkt Mitternacht in den Armen.

Iraker und Syrer, Schweizer und Kongolesen, Burmesen und Afghanen. Hasan aus Aleppo, der noch vor wenigen Minuten mit bedrückter Miene die Situation im nahen Flüchtlingslager Moria beschrieben hatte, die Gewalt im Camp und sein einfaches Zelt, lächelte und umarmte wildfremde Menschen.

Freud und Leid – sie liegen nah beieinander auf Lesbos. In diesem Fall: drei Kilometer. Es ist die Distanz zwischen dem berüchtigten Flüchtlingslager Moria und der Silvesterfeier im Gemeinschaftszentrum One Happy Family (OHF).

Arbeiten statt warten

Das Hilfsprojekt wurde vom Berner Flüchtlingshelfer Michael Räber gegründet und wird seit Juni 2017 vom Schweizer Verein One Happy Family betrieben. Ziel ist es, die schwierigen Bedingungen der Flüchtlinge auf Lesbos zu verbessern – mit einem Stückchen Normalität und viel Eigenverantwortung.

Kern des Zentrums ist ein altes Fabrikgebäude, in dem sich das Koordinationsbüro, ein kleiner Coiffeursalon und der grosse Esssaal befinden. Rundherum sind kleinere Projekte entstanden, eine Bibliothek in einem Bus etwa, eine Schule in einem alten Schiffscontainer, ein Fitnessraum mit durchlässigem Plastikdach oder ein kleiner Garten, in dem Gemüse angepflanzt wird. Das Gelände von One Happy Family ist zu einem Ort geworden, an dem sich geflohene Menschen, die in den Lagern oder der Stadt untergekommen sind, treffen können, um zu essen, zu diskutieren, zu spielen oder zu arbeiten. So wie Hasan.

Weil der Syrer in seiner Heimat zehn Jahre als Schreiner gearbeitet hat, ist er im Gemeinschaftszentrum seit kurzem für die Holzarbeiten verantwortlich. Als Gegenleistung kann er unbegrenzt Produkte im ­projekteigenen Laden beziehen, einen Lohn erhält er nicht. «Wichtiger ist, dass ich mich hier wohlfühle», sagt Hasan. «Wenn ich die ganze Zeit im Flüchtlingslager bleiben müsste, würde ich durchdrehen.»

Auf Augenhöhe

Neben einem kleinen Koordinationsteam und einigen internationalen Helfenden arbeiten bei OHF 45 geflüchtete Menschen. Mit dieser Zusammensetzung hebt sich das Projekt deutlich von anderen Hilfsorganisationen ab, in denen meist ausländische Freiwillige Arbeiten für Migrantinnen und Migranten erledigen. «‹Mit den Menschen statt für sie› ist unser Motto», sagt Fabian Bracher, Vereinspräsident von OHF und aktuell Projektleiter vor Ort. Zu Beginn seien sie dafür belächelt worden, erinnert sich der Burgdorfer.

Mittlerweile kämen sogar Leute vorbei, um sich das Vorzeigeprojekt anzusehen und Ideen zu kopieren. Innert weniger Monate und ohne staatliche Gelder hat sich One Happy Family als Referenz auf der Insel etabliert. Médecins Sans Frontières etwa schickt Menschen mit psychischen Problemen zur Erholung ins Gemeinschaftszentrum. «Das macht uns stolz», sagt Fabian Bracher. «Aber es ist auch eine Schande, dass wir als kleine Organisation eine solche Verantwortung übernehmen müssen.»

Katastrophe hinter Gittern

Was Bracher anspricht, ist die schwierige Lage der Flüchtlinge auf Lesbos. In den zwei Jahren seit der Krise von 2015, als an einzelnen Tagen mehr als 5000 Menschen aus der Türkei übersetzten, hat sich einiges verändert – meist zuungunsten der Migranten. Die Türkei kontrolliert ihre Grenze besser, was die Anzahl der Ankünfte stark reduziert hat. Wer es trotzdem auf die Insel schafft, muss sich vor Ort registrieren lassen und vor der Weiterreise aufs Festland auf den Asylentscheid warten.

Zudem gibt es regelmässig Rückschaffungen in die Türkei, Moria ist jetzt auch Abschiebegefängnis, und der Zugang für Helfende und Journalisten wurde stark eingeschränkt. Für 2300 Personen wurde das Camp ursprünglich gebaut – heute leben im und um das Lager rund 6000 Menschen. Bilder und Videos zeigen katastrophale hygienische Zustände, weit über tausend Menschen schlafen noch immer in einfachen Sommerzelten, und besonders für die vielen Kinder wird die nahende Winterkälte zur ernsthaften Gefahr. Moria ist zur humanitären Katastrophe hinter Gittern geworden.

Lesbos als Abschreckung

Liessen sich die Zustände vor zwei Jahren noch mit der hohen Anzahl der Ankünfte erklären, glaubt in Lesbos mittlerweile niemand mehr an den guten Willen der Politik. «Moria ist eine systematische Menschenrechtsverletzung», sagt Fabian Bracher. Bereits im vergangenen Winter seien Menschen im Lager gestorben – dass die Geflüchteten auch dieses Jahr weder aufs Festland transportiert noch in vernünftigen Unterkünften untergebracht würden, zeige den Unwillen der Politik. «Sie lassen Moria zur Hölle verkommen, um die Menschen abzuschrecken», sagt auch Mahmud Talli.

Der Syrer ist Anfang 2016 nach Lesbos gekommen und mittlerweile Verantwortlicher für Küche und Logistik bei One Happy Family. Mit ­seinem Küchenteam – zwei Burmesen, einem Tunesier und einem Syrer – versorgt er täglich bis zu tausend Menschen mit einer warmen Mahlzeit. Seinem Asylgesuch ist stattgegeben worden, er könnte weiterziehen, doch Talli will bleiben. «Hier auf Lesbos kann ich mehr bewirken», sagt er. «Ich kann den geflohenen Menschen helfen und den anderen zeigen, dass wir arbeiten wollen und können.»

Bleiben wird vorerst auch Fabian Bracher. Eigentlich hätte er Anfang Januar in die Schweiz zurückkehren wollen, um sich auf die Weiterführung des Studiums vorzubereiten. Doch weil sich die Lage auf Lesbos nicht verbessert hat, ist für ihn klar: «Ich kann nicht in der Schweiz sein, wenn es hier zur Katastrophe kommt.» Zusammen mit anderen Organisationen hat das Team von One Happy Family daher einen Notfallplan erarbeitet. Sollten Feuer, Sturm, Schnee oder eine massive Anzahl von Neuankünften zur Eskalation in Moria führen, könnten mehrere Hundert Menschen vorübergehend in den OHF-Gebäuden unterkommen. Ob die Behörden selbst einen Evakuationsplan haben, ist laut Fabian Bracher unbekannt. Dabei stelle sich nicht einmal die Frage, ob es zu einem Notfall komme, sagt der Helfer ungläubig. Die Frage sei nur, wann.

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