Lautsprecher gegen Strippenzieher

Europas Spitzenkandidaten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker lieferten sich gestern das letzte Duell vor den EU-Wahlen am Sonntag.

Siegessicher: Die Spitzenkandidaten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker in der «Wahlarena» in Hamburg.

Siegessicher: Die Spitzenkandidaten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker in der «Wahlarena» in Hamburg.

(Bild: Keystone)

Stephan Israel@StephanIsrael

Es war das letzte grosse Duell vor der Entscheidung in Europas historischem Demokratieexperiment: Die deutsche ARD hatte gestern Abend den Sozialdemokraten Martin Schulz und den Christlichsozialen Jean-Claude Juncker in die «Wahlarena» nach Hamburg geladen. In einem sind sich die Spitzenkandidaten der beiden grössten politischen Familien einig: Einer von ihnen muss nächster EU-Kommissionspräsident werden.

Der Deutsche und der Luxemburger mussten sich bei der Wahlsendung im amerikanischen Townhall-Format den Fragen von 175 Bürgern stellen. Dabei waren in den Antworten Unterschiede nur in Nuancen herauszuhören. Beide wollen etwa die Personenfreizügigkeit verteidigen. Sowohl Juncker als auch Schulz wollen Wege der legalen Einwanderung öffnen, um Flüchtlingskatastrophen wie zuletzt im Mittelmeer zu vermeiden. Beide wollen europäische Standards nicht für ein Freihandelsabkommen mit den USA opfern. Und beide gelten als Befürworter eines Mindestlohns.

Kein Wunder, schliesslich gibt es auch in der Biografie der beiden Kandidaten viele Gemeinsamkeiten. Beide sind knapp sechzig und kommen aus eher einfachen Verhältnissen. Junckers Vater war Stahlarbeiter, der Vater von Schulz Polizist. Der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten wurde im deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck europäisch sozialisiert. Auch dem Luxemburger Juncker war der Blick über die Grenzen im überschaubaren Grossherzogtum praktisch angeboren. Und beide sind selbstverständlich mehrsprachig.

Alkohol und Geheimdienst

Der Weg war zumindest für Schulz nicht immer vorgezeichnet. Er konnte sich mal Hoffnung machen auf eine Karriere als Fussballprofi. Nach einer Verletzung kamen Sinnkrise und Alkoholprobleme. Heute redet er offen darüber, wie er sich wieder aufgerappelt hat, sich zum Buchhändler ausbilden liess und Bürgermeister von Würselen wurde, einem Vorort von Aachen. 1994 wurde er erstmals ins EU-Parlament gewählt. Eine Konfrontation mit Italiens damaligem Regierungschef Silvio Berlusconi verhalf ihm 2003 europaweit zu Prominenz. Die letzten zweieinhalb Jahre war er Präsident des EU-Parlaments.

Junckers Weg war vergleichsweise gradlinig. Nach dem Jurastudium ging er direkt in die Politik. 30 Jahre amtierte er als Minister und Regierungschef in Luxemburg. Von 2005 bis 2013 war er zudem Vorsitzender der Eurogruppe, der Länder mit der Einheitswährung. Als Mister Euro stand Juncker vor allem während der heissen Phase der Euro-krise fast permanent im Rampenlicht. Der Bruch in Junckers Biografie kam erst, als er im letzten Jahr nach einer Geheimdienstaffäre und einer Wahl aus dem Regierungsamt gedrängt wurde.

Die Unterschiede liegen heute eher im Stil. Schulz hat den Ruf, ein Lautsprecher zu sein. Juncker wiederum gilt als Strippenzieher par excellence. Für den Deutschen Schulz ging es gestern darum, vor heimischem Publikum zu punkten. Der Luxemburger Jean-Claude Juncker versuchte, den Vorsprung der Konservativen zu verteidigen: In den letzten Umfragen hatten die Konservativen ihren Vorsprung vor den Sozialdemokraten leicht ausbauen können. Ein möglichst grosser Vorsprung ist wichtig. Denn ein knappes Ergebnis oder gar eine Pattsituation könnten die Staats- und Regierungschef zum Vorwand nehmen, einen eigenen Kandidaten für den wichtigsten Job in Brüssel zu präsentieren.

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