Jetzt wollen sie alle plötzlich Boris

Lange haben die Konservativen Boris Johnson von der Macht ferngehalten. Jetzt soll er die Partei retten.

Viele Tories setzen ihre Hoffnung auf ihn: Der 55-jährige Boris Johnson bei einer Wahlveranstaltung in Londons Vorort Uxbridge. Foto: Andrew Parsons (imago images, i Images)

Viele Tories setzen ihre Hoffnung auf ihn: Der 55-jährige Boris Johnson bei einer Wahlveranstaltung in Londons Vorort Uxbridge. Foto: Andrew Parsons (imago images, i Images)

Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

«Hat Boris das wirklich gesagt?», fragt die «Times» und listet 61 Zitate von ­Boris Johnson auf. Über seine Partei: ­Tories zu wählen, erhöhe die Chancen auf grössere Brüste und einen BMW. Über Ex-Premier Tony Blair: Der sei eine Mischung aus dem Magier Houdini und einem eingeölten Spanferkel. Über Hillary Clinton: Sie erinnere ihn an eine ­sadistische Krankenschwester.

So ist es immer mit Boris, wie ihn das ganze Land nennt. Das soll er gesagt haben und damit durchgekommen sein? All diese Beleidigungen und bösen Scherze? Die Hälfte kann nicht stimmen, oder? Die «Times» spielt mit der Erwartungshaltung der Leser, und überrascht sie einmal mehr. Am Ende steht die Auflösung: Ein einziges Zitat habe man erfunden, alles andere sei O-Ton: «drastisch, empörend und übertrieben».

Es sind unterhaltsame und zugleich höchst irritierende Zeiten in Grossbritannien. Die Zeitungen sind voll von Anekdoten, Endzeitszenarien, aber auch Lobhudeleien über Boris Johnson, der sich derzeit im Führungswettbewerb der Konservativen Partei bewähren muss und am Ende der nächste britische Premier werden könnte. Aussenminister Jeremy Hunt tritt auch an, aber der gilt als langweilig, seriös, berechenbar. Viele Tories wollen aber offenbar keinen gewöhnlichen Premier in aussergewöhnlichen Zeiten. Sie wollen Boris.

Ein Streit mitten in der Nacht

Die Chance, dass er jemals Premier werde, sei etwas so gross wie die, dass er «als Olive wiedergeboren» oder «von einem Frisbee enthauptet» werde, hat Johnson gesagt. Das war 2013. Am Samstag tritt der Favorit um die Nachfolge von Theresa May dann aber doch erkennbar unversehrt mit etwa zwanzigminütiger Verspätung auf die Bühne des Internationalen Konferenzzentrums von Birmingham. Die Bühne ist blau ausgeleuchtet, von der Wand strahlt ein Schild mit der Aufschrift «Leadership Election 2019», und Johnson lässt sich nach einer kurzen, uninspirierten Rede in einen Ledersessel fallen, in dem er hockt, als hätte ihm jemand die O-Beine unter die Achseln geschraubt.

Er muss jetzt begründen, warum die Parteifreunde ihn zum Premier wählen sollen, und nicht Jeremy Hunt, der nach ihm dran ist. Aber erst einmal soll er erklären, warum die Polizei in der Nacht zum Samstag zu seiner Wohnung in London gerufen worden war, weil es dort, wie Nachbarn glaubten, zu häuslicher Gewalt gekommen sei.

Und so fühlt es sich an, als starre das ganze Königreich in den Himmel – in gespannter Erwartung eines riesigen Meteoriten.

Die Nachbarn haben einen heftigen Streit gehört, in dem die 31-jährige Freundin von Boris, für die er vergangenes Jahr seine Frau verlassen hat, ihn anschrie, er solle raus aus ihrer Wohnung. Die Nachbarn zeichneten den Streit auf und spielten das Material dem «Guardian» zu; ausserdem riefen sie die Polizei. Er sei verwöhnt, habe keinen Bezug zu Geld, ihm sei immer alles egal, soll die Freundin gebrüllt haben, und dann «get off me», also sinngemäss «runter von mir». Nun ja, die Polizisten fanden Johnson und Freundin unversehrt vor, aber die Sache war am nächsten Morgen Thema Nummer 1. Samt der Charakterfrage: «Kann, ja darf dieser Mann wirklich Premier werden?»

In Birmingham, wenige Stunden später, bemüht sich der Moderator, Johnson dazu einen Kommentar abzuringen. Etwa tausend Parteimitglieder sitzen im Saal, sie wollen ihren Star feiern, der die Partei retten und für sie Wahlen gewinnen soll, aber der Moderator hakt mehrmals nach: Was da los gewesen sei? Johnson tut, was er besonders gut kann: drumrumreden, witzeln, ablenken, aber nicht antworten. Das Publikum buht den Moderator aus, nicht Johnson. Er soll ihren Mann in Ruhe lassen. Punktsieg Johnson.

Johnsons Konkurrent Jeremy Hunt gilt als langweilig und seriös. Foto: Reuters

Es ist ein historischer Einschnitt, vor dem das Land mit dem Rücktritt der Zufallspremierministerin Theresa May steht. Ihr war das Amt 2016 in die Hände gefallen, und sie konnte es nicht ausfüllen, so sehr sie es auch versuchte. Vor knapp drei Wochen gab sie auf. Nun, so scheint es, ist Grossbritannien wieder da, wo es nach dem Brexit-Referendum stand. Boris Johnson und sein Freundfeind, der jetzige Umweltminister Michael Gove, hatten die Leave-Kampagne gemeinsam zum Erfolg geführt. Dann wollte Johnson die Ernte einfahren, Gove intrigierte, zum Schluss fehlte beiden die nötige Unterstützung, May übernahm.

Diesmal tritt also Alexander Boris de Pfeffel Johnson, Urenkel des letzten Innenministers des Osmanischen Reiches, weitläufig verwandt mit der Queen, Absolvent der Eliteschule Eton und der Universität Oxford, gegen Jeremy Richard Streynsham Hunt an. Der ist Sohn eines Admirals und auch weitläufig verwandt mit der Queen, Absolvent der elitären Charterhouse School und der Universität Oxford. Was klingt wie das Personal aus einem Sketch von Monty Python, ist aber traditionelle, britische Innenpolitik. Und zudem, wie Simon Kuper in der «Financial Times» über die Macht und das Selbstverständnis der eitlen Oxford-Boys schreibt, irgendwie zwangsläufig: «In der kleinen Inselwelt des britischen Establishments kann eine kleine Clique von Menschen sehr grossen Einfluss ausüben.»

Die aktuelle Bewährungsprobe: der EU-Austritt. May ist daran verzweifelt, aber in der Partei gilt als gesetzt: Der Brexit muss kommen. Johnson sagt: «Wir sind am 31. Oktober draussen. Mit oder ohne Deal.» Hunt sagt: «Ich werde alles tun, um mit Brüssel zu einer Einigung zu kommen. Wenn das nicht gelingt, sind wir mit schwerem Herzen, aber ohne Deal draussen.»

Auf den neuen Premier wartet eine knappe Mehrheit

Die Zukunft des Landes liegt also nun in den Händen von etwa 160'000 Mitgliedern der Konservativen Partei. Knapp zwei Drittel von ihnen würden es gemäss Umfragen in Kauf nehmen, dass Schottland und Irland sich abspalten und die Wirtschaft einbricht, die Hälfte würde in Kauf nehmen, dass die eigene Partei zerbricht, wenn es nur endlich den Brexit gibt. Und so fühlt es sich in diesen Tagen an, als starre das ganze Königreich in den Himmel – in gespannter Erwartung eines riesigen Meteoriten, den die Konservativen herbeisehnen, damit dem Chaos auf Erden ein Ende gemacht werde. Was aber, wenn der Einschlag nur noch mehr Chaos bringt?

Johnson muss in Birmingham nach einer Stunde seinen Sessel frei machen für Hunt. Der macht seine Sache dann überraschend gut. Seine Sätze werden immer wieder von Beifall unterbrochen. Er ist das Gegenmodell zu Johnson: trainiert, smart, zurückhaltend, abwartend. Er hat sich auf Birmingham vorbereitet, auf die politischen Probleme der Region, er kennt sich aus. War ja auch viele Jahre lang Minister. Seine Fans sagen, er habe ein «stählernes Inneres».

Im Parlament wird der neue Premier, ob er Johnson oder Hunt heisst, mit derselben, extrem knappen Mehrheit konfrontiert sein wie Theresa May; nach wie vor drohen zudem europafreundliche Tories gemeinsam mit der Opposition die Regierung zu stürzen, wenn der harte Brexit wirklich durchgezogen werden soll. Gut möglich also, dass der Sieger des Tory-Wettstreits, der am 22. Juli ausgerufen werden soll, vom Parlament rasch gestürzt wird. Dann gäbe es Neuwahlen. Und die Karten würden neu gemischt.

Kindheitstraum: Weltkönig werden

Viele Tories setzen ihre Hoffnung auf Johnson, aber das Land fürchtet sich vor ihm. Er wird geliebt und gehasst, es gibt wenig dazwischen. Nur über eines sind sich alle Biografen, Wegbegleiter, Studienfreunde und Parteifeinde einig: Johnson hat seit frühester Jugend darauf hingearbeitet, einmal das Land zu regieren. Sein ehemaliger Schuldirektor in Eton schrieb ihm ins Jahrbuch, Boris halte jeden für sonderbar, der in ihm nicht etwas ganz Besonders sehe. Auch seine Schwester Rachel Johnson, Journalistin und politisch im liberalen Lager engagiert, ahnte früh, dass er sich zu Grösserem berufen fühlte: «Als Kind wollte mein Bruder Weltkönig werden.»

Die Liste seiner Fehler, Blamagen, Lügen ist lang, weit länger als die Doppelseite des «Time Magazine» sie fassen könnte. Viele werden derzeit wieder diskutiert, als Beweis dafür, dass Johnson nicht geeignet ist, eine Regierung zu führen. Doch seine Fans sagen: «So ist Boris eben.» Sie bewundern seine Intelligenz, seine Chuzpe. Seine Gegner sagen: Der Mann ist gefährlich. Ein britischer Trump. Unzuverlässig, narzisstisch. Die «Financial Times» nennt das, was derzeit geschieht, eine «kognitive Dissonanz», ein «Stockholm-Syndrom»: Jahrelang habe die Partei Johnson von der Macht ferngehalten, weil das Misstrauen überwog. Jetzt überwiege die Hoffnung, dass jene Eigenschaften, die man bisher fürchtete, ihm dabei helfen, den Brexit zu liefern und die Partei zu retten.

Johnson sagt, er sei bereit. Vielleicht weiss er, dass dies seine letzte, grosse Chance ist. Die Tories sind bei der Europawahl an fünfter Stelle gelandet in Grossbritannien; auch bei den Kommunalwahlen haben sie schwer verloren. Die Brexit-Partei von Nigel Farage liegt in den Umfragen vorn. Nun soll es einer richten, der Farage wegräumen kann und Labour-Chef Jeremy Corbyn von der Downing Street fernhält. Johnson will diesmal alles richtig machen. Er lehnt sich an Kriegspremier Winston ­Churchill an, den er bewundert, er spricht von «dunklen Zeiten». Aber die Schlammschlacht hat erst begonnen. In Westminster werden alte Akten herausgeholt und neue Gerüchte gestreut.

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