In der Gewalt der Separatisten

Die prorussischen Kräfte haben in den besetzten Gebieten begonnen, «Spione» zu verhaften. Unter ihnen ist eine bekannte ukrainische Aktivistin mit Verbindungen in die rechtsextreme Szene.

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Luca De Carli@tagesanzeiger

Noch immer ist unklar, was genau in der Nacht zum Sonntag nahe der Stadt Slowjansk in der Ostukraine passierte. Je nach Angaben starben bei einer Attacke auf einen Posten der prorussischen Aktivisten drei bis fünf Menschen. Die Aktivisten machen die rechtsextreme Bewegung Rechter Sektor für den Angriff verantwortlich. Die ukrainische Übergangsregierung weist dies als «Propaganda» zurück.

Nur Stunden später kam es aber zu einem Vorfall, der aus Sicht der prorussischen Aktivisten zu belegen scheint, dass rechtsextreme Kräfte aus anderen Teilen der Ukraine in ihrem Gebiet operieren. Kurz nach ihrer Ankunft in Slowjansk wurde eine junge Ukrainerin verhaftet. Wie gestern bekannt wurde, handelt es sich dabei um Irma Krat, eine Aktivistin, die bei den Protesten auf dem Maidan im Kiew eine prominente Rolle eingenommen hatte.

Die «Furie vom Maidan»

Wie Bekannte von Krat einem Reporter des «Time Magazine» nach der Verhaftung erzählten, war die 29-Jährige vor einer Woche in die Ostukraine aufgebrochen, um an einer Reportage über die Unruhen für «tv-pravda.com» zu arbeiten.

Auf prorussischer Seite wird allerdings eine andere Geschichte erzählt: Krat, die russische Medien auch als «Furie vom Maidan» bezeichnen, war demnach mitbeteiligt an der Attacke auf einen prorussischen Journalisten im März und soll in den Tagen vor dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch als Anführerin einer Gruppe namens «100 Frauen» Mitglieder der ukrainischen Elitepolizei Berkut angegriffen haben. Die Gruppe war neben anderen mit der Bewachung des Protestcamps auf dem Maidan betraut. Zudem soll Krat enge Verbindungen zu den Patrioten der Ukraine, einer ultranationalistischen Gruppierung aus dem Umfeld des Rechten Sektors, haben.

Mit verbundenen Augen vorgeführt

Noch in der Nacht auf Montag wurde Krat in einem Innenhof russischen Journalisten vorgeführt – mit verbundenen Augen. Der Sender Life News sendete später ein Interview von dieser Begegnung:

Am Montag durften dann auch einige westliche Journalisten, darunter ein Mitarbeiter der Zeitung «Independent» zu Krat. Im Gespräch bestritt die junge Frau die Vorwürfe der prorussischen Seite. Sie habe nichts mit den Attacken zu tun. Allerdings gab sie zu, Exponenten aus dem rechtsextremen Umfeld zu kennen.

Gruppenfoto mit Nazi

Fragen wirft das Hintergrundbild auf ihrer inzwischen deaktivierten Facebook-Seite auf. Es zeigt Krat zusammen mit einer Gruppe Männer, die gelbe Armbinden mit dem bekannten Neonazisymbol «Wolfsangel» tragen. Möglicherweise handelt es sich um Mitglieder der Patrioten der Ukraine, die ebenfalls dieses Symbol verwenden:

Gegenüber dem «Time Magazine» bestritten Bekannte Krats, dass sie Verbindungen zu solchen extremistischen Gruppierungen gehabt habe. Eine gewisse Sympathie muss aber offensichtlich bestanden haben.

Viele Verhaftungen

Unabhängig von Krats politischer Gesinnung: Fakt ist, dass ihre Verhaftung ohne jede rechtliche Grundlage erfolgte. Die prorussischen Gruppierungen haben keinerlei juristische Autorität. Die junge Frau ist zudem kein Einzelfall. Wie mehrere westliche Journalisten berichten, kam es in den letzten Tagen in vielen besetzten Orten zu Verhaftungen.

In Slowjansk gibt dies der selbst ernannte neue Bürgermeister auch öffentlich zu. Am Sonntag verkündete Wjatscheslaw Ponomarew vor Journalisten, man habe Spione und Provokateure der Regierung in Kiew verhaftet und verhört. «Sie befinden sich in Gefangenschaft.» Zur genauen Anzahl äusserte sich Ponomarew nicht. Nur wenige Stunden nach seinem Auftritt wurde Krat den russischen Medien vorgeführt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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