«Ich werde die Welt nie wieder sehen»

Ahmet Altan wurde in der Türkei zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun schreibt der Journalist aus dem Gefängnis über die quälenden Momente vor der Urteilsverkündung.

«Mein Held und ich verschwinden gemeinsam in der Dunkelheit»: Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan soll den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. (Screenshot)

«Mein Held und ich verschwinden gemeinsam in der Dunkelheit»: Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan soll den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. (Screenshot)

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Ahmet Altan ist Journalist und Romanautor. Am 16. Februar ist er gemeinsam mit fünf Journalistenkollegen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es war der Tag, an dem Deniz Yücel nach 367 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Altan wurde vorgeworfen, er habe in einer TV-Sendung am 14. Juli 2016 «unterschwellige Botschaften» über den Putsch verbreitet, der am Tag danach stattfand. Der 67-jährige Altan war Chefredakteur der mittlerweile geschlossenen Zeitung Taraf. Im Januar hatte das türkische Verfassungsgericht seine Freilassung angeordnet – ein Gericht in Istanbul blockierte den Beschluss jedoch. Ahmet Altan wurde gemeinsam mit seinem Bruder Mehmet Altan, einem Wirtschaftsprofessor, sowie den Journalistenkollegen Nazli Ilicak, Sükrü Tugrul Özsengül, Yakup Simsek und Fevzi Yazici verurteilt. Der Fischer-Verlag legt gerade Altans einzigen auf Deutsch übersetzten Roman «Der Duft des Paradieses» wieder auf. Den folgenden Text hat Ahmet Altan im Gefängnis von Silivri geschrieben, wo er jetzt in Einzelhaft sitzt:

Sie sitzen auf einer Bank, die zwei Meter hoch ist. Sie tragen schwarze Roben mit roten Kragen. In wenigen Stunden werden sie mein Schicksal entscheiden. Ich schaue sie die ganze Zeit an. Sie haben aus Langeweile ihre Krawatten gelockert.

Der Vorsitzende Richter, der in der Mitte sitzt, breitet seinen rechten Arm über die Lehne wie ein Stück nasser Wäsche und spielt mit seinen Fingern rum. Er hat ein langes, schmales Gesicht. Seine Augen liegen unter geschwollenen Lidern, die halb geschlossen sind. Regelmässig schaut er auf sein Handy, um seine Textnachrichten zu lesen.

Als einer meiner Mitangeklagten sagt, er habe demnächst eine Bypass-Operation, zieht der Vorsitzende Richter das Mikro näher zu sich heran und sagt in mechanischer Tonlage: «Das Krankenhaus hat uns informiert, dass Ihrem Gefängnisaufenthalt nichts im Wege steht.» Mehrfach schneidet er den Verteidigern, wenn sie zu ganz zentralen Argumenten kommen, mit seiner mechanischen Stimme das Wort ab: «Sie haben zwei Minuten. Kommen Sie zum Punkt!» Mir fällt ein, was Elias Canetti über solche Leute geschrieben hat: «In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören sie das Flehen eines Menschen und sind von vornherein entschlossen, sich taub zu stellen – kann man sich überhaupt noch gemeiner verhalten?»

Die Journalisten, die mit mir vor Gericht stehen, sind optimistisch. Ich nicht.

Während die Angeklagten und ihre Verteidiger sprechen, lehnt sich der dickliche Richter, der, der zur Rechten des Vorsitzenden sitzt und dessen Augen in zwei verschiedene Richtungen schauen, in seinem Stuhl zurück und betrachtet die Decke. Das Wohlbehagen, das sich in seinem Gesicht spiegelt, zeigt, dass er irgendwelchen Tagträumereien nachhängt. Wenn er nicht gerade vor sich hin träumt, legt er seinen Kopf auf die Hände und schläft. Der Richter zur Linken liest die ganze Zeit über irgend etwas auf dem Computer, der vor ihm steht.

Gegen Mittag teilen sie uns mit, dass sie sich nun zur Beratung zurückziehen. Polizisten umringen uns. Sie tragen Robocop-Uniformen mit Brustpanzerung und Knieschonern. Jeder von uns wird von einem der Polizisten am Arm gepackt und durch ein Spalier von Wachen abgeführt. Wir müssen eine enge Treppe hinunter und werden in eine gekachelte Zelle mit Eisengittern gesteckt. Dort sind wir zu fünft. Die sechste Angeklagte wird, weil sie eine Frau ist, woanders hingebracht.

Das türkische Verfassungsgericht hatte sich die Anklagepunkte gegen uns angesehen und entschieden, dass «niemand auf Basis solcher Vorwürfe verhaftet werden kann». Die Journalisten, die mit mir vor Gericht stehen, sind aufgrund dieses Schiedsspruchs optimistisch. Ich nicht.

Momente der Hoffnung unter allem Pessimismus

Wir gehen nervös in der Zelle auf und ab, von einer Wand zur anderen. Die Minuten verrinnen, mal langsamer, mal schneller, je nachdem, worüber wir reden. Wenn die Minuten langsamer werden, fühlen wir, wie sich in unserem Inneren Wunden öffnen. Wir verstecken das voreinander. Die Minuten, die du in einer Zelle verbringst, während du wartest, ob du zu lebenslanger Haft verurteilt wirst, sind Folter.

Mit einiger Verwirrung bemerke ich, dass sich unter meinem Pessimismus immer wieder kurze Momente der Hoffnung rühren. Eine Mensch, der innerlich friert, kann die Hoffnung und ihren warmen Glanz nicht aufgeben. Ich gebe mich in der Zelle Tagträumereien hin: Ich verlasse das Gefängnis, ein tiefer Atemzug, die erste Umarmung, Worte der Freude, der Geruch des Glücks und über alldem ein weiter Himmel.

Während ich so träume, entscheiden drei Männer, die aus reiner Langeweile ihre Krawatten gelockert haben, über mein Schicksal. Vielleicht haben sie sich schon entschieden. Plötzlich fällt mir eine Passage aus meinem Roman «Wie eine Schwertwunde» ein, der während der letzten Tage des Osmanischen Reiches spielt: Einer meiner Protagonisten wurde verhaftet und wartet auf sein Urteil. Ich schrieb damals: «Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischste Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, aber der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als die grösste Schwäche der Menschheit.»

Ich hatte damals mein eigenes Schicksal gesehen, ohne es zu erkennen.

Ich erinnere mich an diese Zeilen und beginne zu zittern. Ich lebe genau das, was ich in einem Roman geschrieben habe. Vor Jahren wanderte ich durch dieses nicht klar markierte, rätselhafte und dunstige Gebiet, in dem die Literatur das Leben berührt. Ich hatte damals mein eigenes Schicksal gesehen, ohne es zu erkennen. Ich sitze in Haft wie mein Held. Genau wie er warte ich auf mein Urteil. Mein Leben imitiert meinen Roman. Was von alledem, das ich geschrieben habe, wird noch eintreten? Es fühlt sich an, als würde ich in einen Strudel gezogen, in dem mein Leben und meine Fiktion ineinanderfliessen. Was für ein Schicksal hatte ich meinem Helden noch mal beschert? Wie ging das damals aus?

Plötzlich höre ich Polizeistiefel. «Kommen Sie», sagt eine Stimme, «das Urteil wurde gefällt.» Plötzlich fällt es mir wieder ein: Meine Hauptfigur wurde verurteilt. Das war das Schicksal, das ich mir für ihn ausgedacht hatte.

Ich weiss, dass auch ich gleich verurteilt werde. Weil ich genau das geschrieben habe. Die Polizisten bringen uns nach oben. Wir betreten den Gerichtssaal und setzen uns. Die Richter kommen herein und ziehen die Roben an, die sie auf ihren Stühlen hatten liegen lassen. Der Vorsitzende Richter, der, dessen Augen sich hinter geschwollenen Lidern verstecken, verkündet das Urteil: «Lebenslang ohne vorzeitige Entlassung».

Ich gehe in die Dunkelheit wie ein Gott, der sein eigenes Schicksal aufgeschrieben hat.

Wir werden den Rest unseres Lebens alleine in einer Zelle verbringen, die drei Meter lang und drei Meter breit ist. Wir werden eine Stunde am Tag die Sonne sehen. Wir werden nie begnadigt werden und im Gefängnis sterben.

So lautet das Urteil. Ich strecke meine Hände aus, sie legen mir Handschellen an. Ich werde die Welt nie wieder sehen. Ich werde nie wieder den Himmel ohne den Rahmen sehen, den die Wände des Gefängnishofs bilden. Ich steige in den Hades hinab. Ich gehe in die Dunkelheit wie ein Gott, der sein eigenes Schicksal aufgeschrieben hat. Mein Held und ich verschwinden gemeinsam in der Dunkelheit.

Deutsch von Alex Rühle; © New York Times (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2018, 19:23 Uhr

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