«Ich war mein Leben lang kein Linker»

Ingenieur und Griechenland-Schweizer Konstantin Foskolos erklärt, warum das Parteienbündnis von Alexis Tsipras eine solche Anziehungskraft ausübt.

Die Jungen finden ihn gut: Syriza-Chef Alexis Tsipras.<p class='credit'>(Bild: AFP)</p>

Die Jungen finden ihn gut: Syriza-Chef Alexis Tsipras.

(Bild: AFP)

Simon Schmid@schmid_simon

Herr Foskolos, wen wählen Sie diesen Sonntag? Es läuft auf einen Zweikampf zwischen Nea Demokratia und Syriza hinaus. Ich war mein Leben lang kein Linker. Aber bei den nächsten Wahlen stimme ich trotzdem für das Parteienbündnis von Alexis Tsipras.

Warum hat Syriza eine solche Anziehungskraft? Es geht um die Gerechtigkeit. 30 Prozent der Menschen in Griechenland leben unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit liegt mittlerweile bei 23 Prozent, jeder zweite Jugendliche hat keinen Job. Die Leute haben kein Vertrauen, dass diejenigen, die bisher regiert haben, etwas daran ändern werden.

Welche Schichten wählen denn Syriza? Arme und Arbeitslose? Mit Syriza sympathisiert vor allem die junge Generation. Bei den unter 45-jährigen hat die Partei im ganzen Land am meisten Stimmen geholt. Auch viele Hochschulabsolventen haben in den Wahlen vom Mai das Parteienbündnis gewählt. Aus den ärmeren Schichten haben sich dagegen viele den Rechtsparteien zugewendet.

Gegen die Wirtschaftskrise scheint die Partei allerdings kein Rezept zu besitzen. Der Wiederaufbau wird ohnehin schwierig. Alexis Tsipras möchte das Sparabkommen mit der EU selektiv umsetzen. Das findet Anklang. Lohnkürzungen im Privatsektor werden abgelehnt, weil die Schmälerung der Kaufkraft als kontraproduktiv in der Krise angesehen wird. Auch der Linken ist aber klar, dass es in der Verwaltung zu viele unproduktive Stellen und Ämter gibt.

Täuscht der Eindruck, oder will sich Syriza um Reformen drücken? Dass Griechenland Reformen bitter nötig hat, sehen alle ein. Syriza möchte etwa die Modernisierung des Steuersystems anpacken. Ich denke, das wird ein harter Kampf: Die Beamten werden sich dagegen wehren, dass ihnen Korruptionsgelegenheiten weggenommen werden. Die Mentalitäten müssen sich ändern in Griechenland. Aber dieser Prozess kann nicht von heute auf morgen geschehen, das braucht Zeit.

Gab es seit Ausbruch der Krise denn gar keine Fortschritte? Die Regierung hat gegen Steuerflucht nur wenig unternommen. Griechenland ist in der schlimmsten Krise – und trotzdem zahlen die Reeder fast keine Steuern. Dabei ist die grösste Handelsflotte der Welt in griechischen Händen. Das Volk hat das Gefühl, die Reichen kämen ungeschoren davon, während die Mittelschicht nun die Fehler der Politik ausbaden muss.

Griechenlands Image ist am Boden. Europa hat den Eindruck, die Griechen sind undankbar – sie wollen immer noch mehr Geld. Die Griechen wollen nicht mehr Geld, sondern eine humanere Aufteilung der Schulden. Das Ausland ist in den Augen der Bevölkerung mit verantwortlich für den Schuldenberg – beispielsweise, indem griechische Politiker bestochen wurden, grosse Infrastrukturprojekte und Rüstungsaufträge an deutsche Firmen zu vergeben. Korruption ist wie die Liebe: It takes two to tango…

Ein anderer Vorwurf lautet: Griechenland verlangt Hilfe von aussen, anstatt die Probleme selbst anzupacken. Auch wenn die Politiker die Hauptschuldigen der Misere sind: Langsam wächst in der Bevölkerung das Bewusstsein, dass der Haushalt in Ordnung gebracht werden muss. Die Wirtschaft muss wieder aufgebaut werden. Dass Griechenland Tomaten aus Holland importiert, ist doch absurd. Auch gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es genug.

Doch es mangelt an wettbewerbsfähigen Unternehmen. Griechenland hatte einmal eine florierende Industrie. Die Elektrogeräte meiner Eltern waren «Made in Greece»! Aber im Schuldenboom war das den Leuten plötzlich nicht mehr gut genug: Es musste schon Miele oder mindestens Electrolux sein. Soll die einheimische Industrie eine Chance erhalten, so muss sich auch das ändern.

Wie ist das Verhältnis der Griechen zu Deutschland eigentlich? Die Geschichte ist durch die Besetzung im zweiten Weltkrieg belastet. Im Zuge der europäischen Integration verblassten diese Erinnerungen. Deutsche Touristen wurden zu willkommenen Gästen, die die Vergangenheit wurde ad acta gelegt. Nun kommen die Ressentiments wieder hoch. Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble werden als eiskalte Rechner wahrgenommen, die die ökonomische Hegemonie Deutschlands in Europa anstreben. Die Rhetorik mancher deutscher Politiker ist politisch unkorrekt und trägt nicht eben zur Völkerverständigung bei. Und was vielfach verschwiegen wird: Deutschland hat an der griechischen Krise kräftig mitverdient.

Vier Fünftel unserer Leser sagen, Griechenland solle die Eurozone verlassen. Sogar linke Ökonomen wie Paul Krugman sind mittlerweile dafür. Was lösen solche Aussagen bei Ihnen aus? Durch den Austritt würden Exporte günstiger und Importe teurer. Für den Agrarsektor wäre das ein Vorteil. Was mich beunruhigt, sind Güter wie das Erdöl. Darauf ist Griechenland angewiesen, es würde zu Mehrausgaben kommen. Ein Punkt scheint mir wichtig: Auch mit der Drachme wird Griechenland auf Hilfe angewiesen sein. Doch zu welchen Konditionen? Diese Frage stellt sich unabhängig davon, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt, oder nicht.

Haben die Griechen Angst vor der Zukunft? Das ist unterschiedlich. Im zweiten Weltkrieg, während der Militärdiktatur und in der jetzigen Krise hat das Volk schon viele Schläge eingesteckt. Was mich beunruhigt, sind die griechischen Medien. Sie sind mehrheitlich in der Hand der Mächtigen und scheuen sich nicht, Panik zu schüren. Es gab auch in Unternehmen schon Drohungen: Arbeitern wurde gesagt, dass sie gefeuert werden, wenn sie Syriza wählen. Wer auch immer an die Macht kommt, wird es sehr schwierig haben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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