IS in Europa enger vernetzt als bisher angenommen

Recherchen der «New York Times» haben ein genaueres Bild davon gezeichnet, wie sich die Terrormiliz in Europa organisiert. Hunderte IS-Kämpfer seien zurückgekehrt.

Hunderte IS-Kämpfer seien nach Europa zurückgekehrt: Ein Mitglied der Terrormiliz mit Waffe und IS-Flagge in der syrischen Hochburg Rakka. (Symbolbild)

Hunderte IS-Kämpfer seien nach Europa zurückgekehrt: Ein Mitglied der Terrormiliz mit Waffe und IS-Flagge in der syrischen Hochburg Rakka. (Symbolbild)

(Bild: Reuters)

Die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ist nach Informationen der «New York Times» in Europa womöglich viel enger vernetzt als bislang angenommen. Die US-Zeitung veröffentlichte am Donnerstag Ergebnisse ihrer Auswertung tausender Seiten von Dokumenten deutscher und anderer europäischer Sicherheitsbehörden sowie eines Interviews mit dem in Bremen inhaftierten Ex-Jihadisten Harry Sarfo.

Demnach werden die IS-Auslandsmissionen von der Geheimdiensteinheit Emni unter Leitung des IS-Propagandachefs Abu Muhammad al-Adnani gesteuert. Sarfo stimmt im Interview den Einschätzungen vieler Geheimdienste zu, dass der IS hunderte Kämpfer nach Europa zurückgeschickt habe: «Viele sind zurückgekehrt. Hunderte, definitiv.»

Zwei Männer spielen eine zentrale Rolle

Dem Ex-Jihadisten sei auch gesagt worden, dass es in Europa ein Netzwerk von Mittelsmännern gebe, das vor allem aus neu zum Islam konvertierten Anhängern bestehe. Diese stellten die Verbindung zwischen Extremisten, die zu Anschlägen bereit seien, und anderen IS-Jihadisten, die ihnen dafür Anweisungen geben könnten, her. Diese Instruktionen reichten vom Bau einer Bombenweste für Selbstmordattentate bis hin zur propagandistischen Ausschlachtung der IS-Anschläge.

Nach den Informationen der «New York Times» spielen bei den IS-Operationen in Europa zwei Männer mit den Decknamen Abu Souleymane und Abu Ahmad eine zentrale Rolle. Souleymane sei französischer Staatsbürger, Ahmad solle Syrer sein. Die beiden Männer, die als Stellvertreter von al-Adnani gelten, sollen dafür zuständig sein, die Attentäter auszuwählen und ihre Rückreisen nach Europa zu finanzieren.

Gleichzeitige Angriffe in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien

Sarfo beschrieb, wie er nach seiner Ankunft in Syrien vom IS-Geheimdienst vernommen wurde. Ein maskierter Mann habe ihm gesagt, dass die Organisation zwar in Europa bereits gut installiert sei, aber noch Kämpfer in Deutschland und Grossbritannien brauche. «Sie sagten: ‹Würde es dir etwas ausmachen, nach Deutschland zurückzukehren, denn das ist das, was wir derzeit brauchen?›.»

Ihm sei auch gesagt worden, dass der IS viele Angriffe gleichzeitig in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien ausführen wolle. Sarfo weigerte sich nach eigener Schilderung jedoch, nach Deutschland zurückzukehren, und wurde stattdessen in einer Spezialeinheit des IS ausgebildet, die ebenfalls al-Adnani unterstehe.

«Habe ich gut ausgesehen, so wie ich die Hinrichtung gemacht habe?»

Der Häftling berichtete auch, wie das Propagandavideo zustande kam, durch das er bekannt wurde. Sarfo schwenkt darin die schwarze Fahne des IS, und syrische Gefangene werden von deutschen Jihadisten erschossen. Einer der an der Exekution beteiligten Männer habe sich ihm zugewandt und gefragt: «Wie habe ich ausgesehen? Habe ich gut ausgesehen, so wie ich die Hinrichtung gemacht habe?».

Sarfo sagte, er habe am IS während seines Kampftrainings zu zweifeln begonnen, als er gesehen habe, wie brutal mit Männern umgegangen worden sei, die nicht mithalten konnten. Er ergriff schliesslich die Flucht und wurde bei seiner Rückkehr nach Bremen im Juli vergangenen Jahres am Flughafen mitgenommen. Er büsst derzeit eine dreijährige Haftstrafe ab.

mch/AFP

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