Frauenpower in der Diplomatie – ab diesem Sommer auch in Berlin

In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Schweizer Botschafterinnen im Ausland vervierfacht. Derzeit werden 17 Botschaften von Frauen geleitet, deren 89 von Männern. Erstmals wird die Schweiz ab kommendem Sommer auch an der Schlüsseldestination in Berlin durch eine Frau vertreten.

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Washington, Berlin, Paris, London, Brüssel: Das sind die Top-Posten im Aussennetz des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Dass mit der 1963 in Meiringen geborenen Christine Schraner Burgener ab diesem Sommer erstmals eine Frau die Interessen der Schweiz in Deutschland vertritt, ist ein Meilenstein bei der Gleichstellung der Geschlechter in der lange Zeit von Männern dominierten Diplomatie. Sie löst in Berlin Tim Guldimann ab, der in Rente geht – und danach möglicherweise in die Politik: Der 64-Jährige will bei den Wahlen im Herbst für die Zürcher SP in den Nationalrat.

Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Schweiz. Schraner Burgener ist derzeit noch Botschafterin in Thailand. Während der bürgerkriegsähnlichen Zusammenstösse zwischen Rothemden und Regierungskräften musste sie im Frühling 2010 ihr Büro in Bangkok für einige Tage fluchtartig räumen. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens wuchs die Tochter eines Swissair-Technikers in Japan auf. Sie hat an der Uni Zürich Rechtswissenschaften studiert.

Frauen holen auf

Der Trend ist klar: Im Jahr 2000 wurde die Schweiz an weltweit gerade mal vier Destinationen von Botschafterinnen vertreten. 2010 standen elf Frauen 90 Männern gegenüber, und aktuell wird die Schweiz an 17 von insgesamt 106 Standorten von einer Botschafterin vertreten, wie das EDA auf Anfrage mitteilt. Abgesehen von Deutschland handelt es sich dabei in der Regel um weniger prestigeträchtige Länder wie Algerien, Kuba oder Kosovo, wo sich die Schweiz durch eine Frau repräsentieren lässt. Doch nicht die aktuelle Besetzung der Spitzenpositionen zeigt, wohin die Reise geht. Entscheidend für die künftige Geschlechterverteilung ist nämlich in erster Linie die Rekrutierung des diplomatischen Nachwuchses. In den letzten fünf Jahren wurden insgesamt 39 Frauen und 47 Männer zum Stage ins diplomatische Korps aufgenommen (siehe Text rechts). Insgesamt beschäftigt das EDA derzeit 382 Diplomaten. 2010 war ein Viertel des diplomatischen Korps weiblich, heute sind es 30,6 Prozent.

Quereinsteigerinnen

In Berlin und Paris, in Washington und London hatte die Schweiz noch nie eine Botschafterin. Dafür in Rom: Von 1987 bis 1991 vertrat dort Francesca Pometta unser Land, zuvor hatte sie ab 1982 bereits die Ständige Beobachtermission bei der UNO in New York geleitet. Die heute 88-Jährige war die allererste Botschafterin der Schweiz, den entsprechenden Titel hatte die Genferin mit Tessiner Wurzeln 1978 erhalten.

Zu den bekanntesten Köpfen unter den Botschafterinnen gehörten in der Vergangenheit nicht zufällig zwei Quereinsteigerinnen: Die einstige Berner Gemeinderätin und Nationalratspräsidentin Gret Haller etwa vertrat die Schweiz von 1994 bis 1996 als Botschafterin beim Europarat, die frühere Bundesanwältin Carla Del Ponte wurde nach dem Rücktritt als Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag von 2008 bis 2011 Botschafterin in Argentinien.

Inzwischen sind längst auch Karrierediplomatinnen auf wichtigen Posten im Ausland im Einsatz. Livia Leu Agosti etwa vertrat die Schweiz von 2009 bis 2013 in Teheran. Dass dies noch immer aussergewöhnlich ist, zeigt allein schon, dass es darüber ein Buch gibt: «Unsere Botschafterin in Iran».

Fernbeziehung

Manche der selbst- und machtbewussten Männer, welche die Schweiz in letzter Zeit in Berlin vertraten, schrieben ihre Bücher dagegen gleich selber: Der im Sommer abtretende Guldimann ist so etwas wie der Oberintellektuelle unter den Botschaftern, Thomas Borer war der Glamour-König. Mit seiner damaligen Frau Shawne Fielding lieferte er der Regenbogenpresse viel Stoff. Beide Varianten sind bei Schraner Burgener eher unwahrscheinlich. Ihr Mann Christoph Burgener ist selbst Diplomat, 2009 traten sie ihre letzte Mission in Thailand im Jobsharing an (siehe Box). Ab 2012 leitete Burgener dann die neu eröffnete Botschaft in Burma. Nun holt ihn das EDA zurück ins Generalsekretariat nach Bern. Am Familienalltag wird das nicht viel ändern: Statt der 577 Kilometer zwischen Rangun und Bangkok muss das Diplomatenpaar Schraner Burgener künftig die 753 Kilometer zwischen Bern und Berlin überwinden, wenn es sich besuchen will.Andreas Saurer> (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.01.2015, 12:44 Uhr

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