«Es war klar, dass sie töten wollten»

In der Banlieue von Grenoble sind am Wochenende schwere Unruhen ausgebrochen. Erinnerungen an 2005 werden wach. Dabei wollte Frankreichs rechte Regierung in den Vorstädten für Ordnung sorgen.

Es wird scharf geschossen: Ein Polizist im Grenobler Vorort La Villeneuve in der Nacht auf Sonntag.

Es wird scharf geschossen: Ein Polizist im Grenobler Vorort La Villeneuve in der Nacht auf Sonntag.

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Und wieder brennt es in einer Banlieue. In La Villeneuve, einer sogenannt «schwierigen» Vorstadt von Grenoble im Südosten Frankreichs, haben sich über das Wochenende junge Männer mit einem Grossaufgebot der Polizei wahre Strassenschlachten geliefert. Die Nächte waren erleuchtet von brennenden Autos und Reifen. Gegen 40 Demonstranten schossen scharf auf die Beamten, wie die Polizei berichtete: «Sie setzten Pistolen und Gewehre ein. Es war ganz klar, dass sie töten wollten», sagte Brigitte Jullien, Direktorin der öffentlichen Sicherheit im Département Isère, dessen Hauptort Grenoble ist. Es gab Verletzte, doch es hätte auch Tote geben können.

Kasino-Raub

Der Grund für die Gewalt ist ein tödliches Vorkommnis vor einigen Tagen. Da hatte ein mehrfach vorbestrafter 27-jähriger Mann aus La Villeneuve mit einem Komplizen das Kasino in Uriage-les-Bains ausgeraubt. Auf der Verfolgungsjagd fielen Schüsse. Die Räuber mussten ihr Auto zurücklassen, samt Beute, und flohen zu Fuss. Die Polizei behauptet, Karim Boudouda habe noch im Rennen mit seiner Kalaschnikow und seiner Uzi auf die Beamten geschossen, die ihn fassen wollten, was diese zur Notwehr gezwungen habe. Eine Kugel traf Karim Boudouda am Fuss, eine im Kopf. Er war sofort tot. Man liess ihn lange am Boden liegen, bevor sein Leichnam weggetragen wurde.

Seither brennt es in der Banlieue. In La Villeneuve herrscht die Meinung vor, die Polizei habe entgegen ihrer Darstellung ohne Not geschossen. Wahrscheinlich glauben viele auch, dass Karim Boudouda deshalb getötet wurde, weil er Karim Boudouda hiess. Der Widerstand organisierte sich gewissermassen als Rachefeldzug für den «Bruder» aus demselben sozialen Milieu, wenn der auch einen kriminellen Hintergrund hatte: Dreimal war ihm davor schon der Prozess gemacht worden wegen bewaffneten Raubüberfalls. Seine Mutter kündigte an, dass sie Anzeige erstatten werde. So schnell werden sich die Unruhen also nicht legen.

Das Fanal in Clichy-sous-Bois

Es sind Szenen, wie sie die Franzosen immer wieder erleben – Szenen aus der explodierenden Trostlosigkeit heruntergekommener Betonsiedlungen an den Rändern der Städte, wo die Arbeitslosigkeit unter den Bewohnern gross ist und sich die mangelnde Integration der Zuwanderer und der Franzosen mit Wurzeln in den ehemaligen Kolonien am dramatischsten zeigt. In aller Erinnerung bleiben die Zusammenstösse im Jahr 2005, nachdem in der Banlieue von Paris, in Clichy-sous-Bois, zwei Jugendliche tragisch ums Leben kamen, als sie vor der Polizei flüchteten und von einem Stromstoss einer Hochspannungsleitung getroffen wurden. Bouna Traoré war 15, Zyed Benna 17 Jahre alt.

Ausgerückt war die Polizei damals, weil sie einen Anruf erhalten hatte, wonach eine Gruppe von Gymnasiasten auf einer Baustelle angeblich Dinge mitlaufen lassen habe. Der Tod der Teenager löste Entsetzen und wochenlange Unruhen aus, die sich schnell auch auf andere Banlieues ausweiteten. Nur dank der Verhängung des Ausnahmezustands und einem grossen Aufgebot der Polizei bekam der Staat die Situation wieder in den Griff. Wenigstens vorübergehend. Doch die Wurzeln des Problems bleiben: In den Banlieues von Paris, Lyon und Marseille hat der Staat Mühe, seine Autorität in allen Bereichen durchzusetzen. In jüngster Vergangenheit zeigte sich das vor allem in den Trabantenstädten im Département Seine-Saint-Denis bei Paris. Nirgendwo in Frankreich ist die Kriminalitätsrate höher als im «93», wie die Gegend nach ihrem Kurzcode oft genannt wird. Und nirgendwo fordern Banden das Gewaltmonopol des Staates stärker heraus als dort.

Harte Worte, schwache Bilanz

Frankreichs rechtsbürgerliche Regierung, die mit dem Versprechen angetreten war, Ordnung zu schaffen in den Banlieues und die Lebensbedingungen dort mit einem «Marshall-Plan» zu verbessern, hat seither wenig geleistet. Nur in der Rhetorik bleibt sie sich treu. Am Wochenende schickte Innenminister Brice Hortefeux ganze Bataillone von Sondereinheiten nach Grenoble. Als er die Stadt besuchte, sagte der enge Vertraute von Staatspräsident Nicolas Sarkozy: «Wir werden schnell reagieren. Und wenn ich schnell sage, dann meine ich sofort. Es gibt eine einfache und klare Realität in diesem Land: Voyous und Delinquente haben keine Zukunft, der Staat wird immer siegen.»

Das sonst regierungsnahe «Journal du Dimanche» monierte gestern, dass die Regierung von den Ordnungsstörern Respekt einfordere, sich selber aber alles andere als ordentlich verhalte. Das Blatt listete alle Affären der letzten Zeit auf und schrieb: «Diese Rechte ruiniert ihren Anspruch, die Ordnung zu verkörpern, dieses schöne Ideal. Und sie ruiniert sich so selbst.»

Tages-Anzeiger

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