Es ist unsere Schande

Kommentar

Es sind unsere Toten. Entsetzen und Empörung über die Tragödie sind scheinheilig. Lampedusa ist mehr als eine Insel. Es ist das Symbol einer Politik, für die in Europa ein breiter Konsens besteht.

  • loading indicator
Stephan Israel@StephanIsrael

Wir wollen die Migranten und Flüchtlinge nicht, die aus südlicheren Teilen Afrikas in Europa Arbeit, ein besseres Leben oder Schutz vor Verfolgung suchen. Wir werden auch die 2 Millionen Menschen nicht bei uns haben wollen, die in Syrien auf der Flucht sind und jede Chance nutzen werden, um nach Europa zu gelangen. Und in den Konflikt eingreifen vor unserer Haustür wollen wir schon gar nicht. Aber wegschauen hilft nicht. Lampedusa ist dort, wo die Erste und die Dritte Welt aufeinanderstossen. Je nach Witterung kommen fast täglich Boote. Oft haben die Insassen Glück und schaffen es lebend ans rettende Ufer. Nicht selten gehen sie mit ihrem Kahn unter. Jedes Jahr sind es Hunderte, die tot angespült und in Leichensäcke verpackt werden, ohne dass immer Fernsehkameras dabei sind.

Papst Franziskus spricht von einer Schande. Es ist Europas Schande, unsere Schande. Dass es gegen das Drama am Wohlstandsgraben keine einfachen Rezepte gibt, ist ein Allgemeinplatz. Bis zum arabischen Frühling haben Diktatoren à la Ghadhafi Europa weitgehend die Arbeit abgenommen, die Migranten zurückzuhalten, gegen Entgelt natürlich.

Festung Europa

Danach haben wir aber alles unternommen, um die Lage zu verschärfen. Je stärker Europa zur Festung ausgebaut wird, desto höher wird der Preis, desto riskanter wird die Überfahrt und desto mehr Tote werden zu beklagen sein. Mehr Radare und Satelliten mögen helfen, Leben zu retten. Aber auch jetzt ist vor allem die Rede davon, weiter aufzurüsten.

Dabei gäbe es Wege, etwas Druck von der Aussengrenze zu nehmen. Europa müsste endlich die Möglichkeiten zur legalen Einwanderung verbessern, etwa im Rahmen von Migrationspartnerschaften mit afrikanischen Staaten. Es geht auch nicht länger, dass Länder ohne Aussengrenzen wie Deutschland oder die Schweiz es den exponierten Italienern, Spaniern oder Griechen überlassen, den Flüchtlingstreck zu bewältigen. Etwas mehr Solidarität würde das Entsetzen über das tägliche Drama am Wohlstandsgraben glaubwürdiger erscheinen lassen.

Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarsektion wurde kurzzeitig deaktiviert, weil überwiegend rassistische und ehrverletzende Kommentare abgegeben wurden. Wir machen die Leser auf die Regeln aufmerksam: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt ganz allgemein, aber insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Die Kommentarsektion ist wieder online. Weitere Kommentare werden allerdings nicht mehr publiziert. Der Artikel ist inzwischen auf der Facebook-Seite und kann dort kommentiert werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt