Die grosse Freiheit und gemischte Gefühle

Heute Sonntag vor einem Vierteljahrhundert fiel die Mauer, die Ost- von Westdeutschland trennte. In Bern lebende Ostdeutsche sagen, was ihnen bei diesem Jubiläum durch den Kopf geht.

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Juliane Lutz@JulianeLutz

Uwe Brandt, Lehrer, 48 Jahre, Genf, stammt aus Leipzig

«Mich erinnert dieser Tag stets an die Demonstrationen von Leipzig. 1989 habe ich dort studiert. Zu den führenden Oppositionellen gehörte ich nicht. Ich war einfach einer der Studenten, die damals die Nase voll hatten. Für mehr Freiheit ging ich auf die Strasse, wenn auch mit Angst.

An der Uni hatten sie uns mit Exmatrikulation gedroht für den Fall, dass man uns bei Aufmärschen erwischen würde. Ich nahm auch an der entscheidenden Demonstration vom 9. Oktober teil. Alle waren nervös, da man nicht wusste, wie die Stasi reagieren würde. Ich bin mir nicht sicher, ob so viele mitgemacht hätten, wenn Erich Honeckers Geheimbefehl nach aussen gedrungen wäre.

Er wollte republikfeindliche Aktionen jeder Art notfalls gewaltsam unterbinden lassen. Dass in den Krankenhäusern in und um Leipzig Blutkonserven aufgestockt worden waren, erfuhren wir erst viel später. Von der SED-Spitze her war alles für eine gewaltsame Eskalation à la Platz des Himmlischen Friedens vorbereitet.

1989 war unser Ziel, ein freies Land aufzubauen. Ich weiss, wie schockiert ich war, als es bei einer Demonstration am 23.10.1989 erstmals hiess: ‹Die Mauer muss weg.› Das hatte ich ursprünglich gar nicht im Sinn. Aber der Mauerfall brachte für mich grossartige Chancen. Ohne ihn wäre ich heute nicht Lehrer in Genf.»

Gabriele Schulze, Betriebswirtin, 51, Bern, stammt aus der Region Lutherstadt Wittenberg

«Ich werde daran denken, wie ich damals vor 25 Jahren abends zufällig vor dem Fernseher sass und Windeln zusammenlegte. Meine Tochter war vor knapp einem Monat geboren, und gerade hatte man meinen damaligen Mann zur Volksarmee eingezogen. Dass er zwei kleine Kinder hatte und gerade dabei war, ein Haus zu bauen, darauf wurde keinerlei Rücksicht genommen.

Ich war alleine zu Hause und hatte Angst um ihn. Häufig war in diesen Tagen von Übergriffen die Rede gewesen, und viele Leute in der DDR waren sauer auf Uniformierte. Als der SED-Politiker Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz dann schliesslich aus Versehen sagte, dass man ausreisen könne, konnte ich das erst gar nicht glauben.

Viel später an diesem Tag sah man schliesslich Bilder im Fernsehen, wie die Leute alle losliefen und auf die Mauer kletterten. Wäre dieses entscheidende Ereignis nicht passiert, würde ich vielleicht noch heute in einem kleinen Dorf in der DDR leben.»

Alexander Arndt, Freiberufler, 38, Baden, stammt aus Cottbus

«Es ist unglaublich, dass der Mauerfall bereits 25 Jahre zurückliegt. Das sind beinahe so viele Jahre, wie die Mauer selbst bestanden hat. 1989 war ich 13 Jahre alt und hatte in der DDR im Grossen und Ganzen eine behütete Kindheit verbracht. Innerhalb weniger Wochen und Monate änderte sich mein Leben total, die ganze Gesellschaftsordnung des Landes brach auseinander. Der Mauerfall hat mich gelehrt, nicht davon auszugehen, dass die Dinge so bleiben, wie sie jetzt gerade sind.

Heute erscheint es mir schon ein wenig surreal, sich in die Zeit vor diesem 9. November zurückzuversetzen. Woran ich mich aber noch sehr gut erinnern kann, war die Parallelwelt in der DDR. Es gab beispielsweise zwei Arten von Sprache: eine, die nur für die Familie und den allerengsten Freundeskreis bestimmt war, und eine für die Öffentlichkeit. Sie war der ersten diametral entgegengesetzt. Dass es aber durchaus gehen kann, je nach Umfeld völlig unterschiedliche Meinungen zu vertreten, habe ich selbst erlebt.»

Susanne Jokisch, Sachbearbeiterin 39, Bern, stammt aus Leipzig

«Das Thema berührt mich auch noch nach 25 Jahren sehr. Noch heute bin ich erstaunt darüber, wie friedlich damals alles verlief. 1989 herrschte in der DDR ein Klima der grossen Unsicherheit, aber auch des Zorns. Man spürte, die Menschen wollten Veränderung, es musste etwas geschehen. Dafür sind sie auf die Strasse gegangen.

Die Entwicklung des Ganzen hat aber letztendlich alle überrascht. Ich kenne niemanden, der damals vorhergesehen hätte, dass es ein Jahr später zur deutschen Einheit kommen würde. Die Menschen in der DDR wollten Reformen und mehr Freiheit. Sie riefen damals: ‹Wir sind das Volk, und noch nicht, wir sind ein Volk!›.

Dafür haben sie sich getraut zu demonstrieren, trotz aller Massnahmen des Staatsapparates. Für mich persönlich hat sich der Mauerfall als enormer Gewinn erwiesen. Ohne die Wiedervereinigung hätte ich zum Beispiel nie meinen Schweizer Mann getroffen.

Woran ich mich zum 25-Jahr-Jubiläum aber auch wieder erinnern werde, ist, dass nach dem 9. November 1989 die ostdeutsche Gesellschaft sehr schnell zerfallen ist. Ein eher trauriger Aspekt des Ganzen.

In meiner Umgebung sind damals plötzlich Nachbarn förmlich über Nacht verschwunden; Kinder haben ihre Eltern verlassen, und Eltern liessen von einem Tag auf den anderen ihre erwachsenen Kinder im Osten zurück. Niemand hatte kurz nach dem Mauerfall wirklich Vertrauen in das, was uns aus Versehen versprochen wurde. Fast jeder dachte, er müsste diesen Moment nutzen und in den Westen gehen.»

Simone Hintermayr, Bankkauffrau, 45, Bern, stammt aus Berlin

«Für mich werden wieder die Gefühle von damals lebendig: erleichtertes Aufatmen und unbändige Freude zugleich. Aufbruchstimmung! Uns war eine unblutige Revolution gelungen, wir als Volk hatten gesiegt.

Doch mit dem Aufbruch in die Freiheit stellte sich die Einsicht ein, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. Bald schon herrschte Ernüchterung darüber, dass Mit- und Selbstbestimmung im neuen Deutschland beschränkt waren. Auch wurde uns bewusst, dass wir im Moment des Mauerfalls unsere Heimat verloren hatten und nie wieder zurückkehren konnten. Bei allem, was wir DDR-Bürger hassten, ablehnten und verändern wollten, war dieses Land doch Heimat für uns.

Ab da waren wir wie Emigranten, die mit Vorurteilen und Hindernissen zu kämpfen hatten. Für viele begann nach dem 9. November eine schwierige Zeit, einige scheiterten. Für mich persönlich begann eine grossartige Reise. Ich habe seitdem so viel von der Welt gesehen und unterschiedlichste Menschen getroffen sowie Dinge gelesen, erlebt und gelernt, die ohne Mauerfall nie möglich gewesen wären.»

Berner Zeitung

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