«Die Lage droht unberechenbar zu werden»

Laut Osteuropahistorikerin Nada Boskovska ist die Ukraine die allerletzte Bastion Moskaus. Die neue Regierung müsse nun rasch zusammen mit der russischen Führung einen Kompromiss finden.

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Enver Robelli@enver_robelli

Wie gefährlich schätzen Sie die Situation auf der Krim ein?
Die Lage ist undurchsichtig, weil man zurzeit nicht weiss, welche Akteure hier mitmischen und welche Ziele sie verfolgen. Die Situation hat sich schnell zugespitzt.

Was muss unmittelbar geschehen, um eine Eskalation zu verhindern?
Die neue ukrainische Regierung muss jetzt schnell und zusammen mit Russland einen Kompromiss finden.

Wie sähe ein Kompromiss denn aus?
Die Führung in Kiew müsste wohl massive Zugeständnisse machen. Teilweise hat sie sich dazu bereit erklärt. Das Sprachengesetz, das Russisch als zweite Amtssprache abschaffen sollte, wurde als feindlicher Akt gegenüber der russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim und anderswo in der Ukraine empfunden. Dass die ukrainische Regierung nun das Gesetz zurückziehen will, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Zudem müsste sie die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU verschieben, um die Situation zu beruhigen.

Also dem russischen Staatschef Wladimir Putin auf der ganzen Linie nachgeben.
Die Lage droht unberechenbar zu werden. Durch die starke Annäherung an die EU hat Kiew aus russischer Sicht die rote Linie überschritten.

Was ist die langfristige Strategie von Putin? Die faktische Kontrolle der Halbinsel Krim, ein Anschluss an Russland oder nur ein Vorspiel zur Teilung der Ukraine.
Eine Teilung wird nicht beabsichtigt, weil diese niemandem nützt. Ein Anschluss der Krim dagegen könnte durchaus ein russisches Szenario sein. Das würde für Russland viele Probleme lösen. Für den Kreml ist es sehr wichtig, langfristig den Verbleib der Schwarzmeerflotte auf der Krim zu regeln. Hier könnte die russische Seite aber auch eine noch grössere Autonomie der Halbinsel akzeptieren.

Revanchiert sich Putin nun mit seiner aggressiven Interventionspolitik auch für den Untergang der Sowjetunion?
Was wir in der Ukraine erleben, ist eine Folge der Verwerfungen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden sind. Das Imperium zerfiel zu Beginn der 90er-Jahre ohne viel Blutvergiessen, und das war sehr erstaunlich. Nun sehen wir, dass etliche Konflikte nicht gelöst sind.

Zum Beispiel?
Russland hat in den letzten zwei Jahrzehnten viel Einfluss und viele Gebiete verloren, die jahrhundertelang zum russischen Reich gehört hatten. Die russische Hegemonie wurde massiv zurückgeworfen.

Wie wichtig ist die Ukraine aus historischer Sicht für Russland?
Die Ukraine wird als die allerletzte Bastion Russlands betrachtet. Diese Bastion will man verteidigen und den Einfluss beibehalten. Die Ukraine ist ein Gebiet, das seit den Anfängen der ostslawischen Staatlichkeit, seit dem 9. Jahrhundert, immer wieder in der einen oder anderen Form mit Russland in einem Staatenverbund war. Die Verbundenheit Russlands mit der Ukraine ist gross – kulturell, geschichtlich, sprachlich. Daneben ist die Ukraine strategisch und wirtschaftlich sehr wichtig für Moskau, wo man grosse Mühe hat, den definitiven Verlust des Bruderlandes zu akzeptieren.

Betrachtet Putin die Nachbarstaaten eigentlich nur als Vasallen? Welche Botschaft sendet er den ehemaligen sowjetischen Republiken mit seinem Säbelrasseln?
Putin und die russische Elite wünschen sich ganz bestimmt mehr Einfluss in den ehemaligen Republiken der Sowjetunion, der völlig verloren ging. Für das Machtbewusstsein Russlands ist das schmerzlich. Damit hat sich Russland weitgehend abgefunden. Aber es gibt noch Gebiete wie die Ukraine, wo man nicht zurückweichen will.

Treibt Putin einzelne Republiken mit seiner Vorgehensweise letztlich unter den Schirm der Nato und in die EU?
Staaten wie Armenien zum Beispiel sind gegenüber Moskau recht gefügig. Georgien hat man 2008 schon eine Lektion erteilt, wobei die Schuld für die bewaffnete Konfrontation gleichmässig verteilt war. Die europäischen Länder des ehemaligen Ostblocks sind mit Ausnahme von Weissrussland, Moldawien und der Ukraine bereits Mitglieder von Nato und EU. Die Ukraine ist eine der letzten Barrieren zwischen Russland und der Nato.

Russland erinnert immer mehr an eine korrupte Despotie. Unter diesen Umständen kann man doch den Menschen in der Ukraine oder anderswo im postsowjetischen Raum nicht verdenken, dass sie sich nach Europa orientieren.
Nein, überhaupt nicht. Natürlich möchten die Menschen in der Ukraine politische Freiheiten, sie wollen in einem Staat leben, in dem keine Korruption herrscht und die Medien unabhängig sind. Der Weg ist allerdings weit – so etwas ist nicht im Eiltempo umzusetzen, das macht sich auch in Staaten bemerkbar, die schon seit Jahren in der EU sind. Und es hilft nichts, den grossen und wichtigen Nachbarn Russland übersehen zu wollen, der seine Interessen geltend macht. Ich möchte nichts beschönigen, was derzeit in der Ukraine geschieht. Aber die neue Führung in Kiew und der Westen werden die russischen Interessen nicht ignorieren können.

Moskau scheint aber den Weg der Konfrontation gewählt zu haben.
Russland hat seit dem Zusammenbruch des Kommunismus seinen Platz noch nicht gefunden. Für eine Weltmacht, die so viele Gebiete aufgeben musste von Asien bis Europa, ist es nicht einfach, sich mit der neuen Rolle abzufinden.

Weshalb gelingt es Moskau seit dem Fall der Berliner Mauer nicht, ein attraktives Gegenmodell zur EU aufzubauen?
Russland hat auch im Innern kein neues Modell entwickelt. Es ist immer noch unklar, welches politische System sich durchsetzen wird. In den 90er-Jahren herrschte Chaos und Unsicherheit. Mit dem Machtantritt Putins kam eine gewisse Stabilisierung, die aber verbunden war mit einer autoritären Herrschaft. Aus diesem System muss sich Russland befreien. Wie lange das aber dauert, ist schwer vorauszusehen. Man muss vor Augen haben, dass Russland ein grosses Schiff und nicht leicht auf einen neuen Kurs zu bringen ist.

Tages-Anzeiger

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