«Die Frage ist, ob die EU etwas für den Frieden gemacht hat»

Interview

Der Friedensnobelpreis geht an die EU. Pierre Brunner von der Basler World Peace Academy hat seine Zweifel, ob diese Vergabe Sinn macht.

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Christian Lüscher@luschair

Der Friedensnobelpreis 2012 geht an eine Staatengemeinschaft. Ist die EU ein gutes Beispiel für Frieden?
Die Idee des Friedensnobelpreises war ursprünglich, Personen auszuzeichnen, die sich aktiv für den internationalen Frieden und die Abrüstung einsetzen. Die Frage ist, ob das die EU tatsächlich gemacht hat. Auf diese Frage werden wir in nächster Zeit von vielen Personen unterschiedliche Meinungen lesen. Ich kann die Frage nicht beantworten.

Organisationen wurden schon ausgezeichnet. Nicht aber Länder oder Staatengemeinschaften. Was halten Sie davon?
Wenn dieser Preis als Ermutigung zu verstehen ist, weil sich die EU in einer politisch und wirtschaftlich schwierigen Situation befindet, dann wird das seinen Sinn haben und den Zweck erfüllen. In Bezug auf Frieden kann man der EU sicher ein paar Dinge zuschreiben. Die EU ist sicher ein gutes Vorbild, wie gut 27 Länder zusammenarbeiten können. Für das Vielstaatenafrika ist die EU wirtschaftlich und demokratisch sicher ein gutes Beispiel. Viele Probleme konnten gelöst werden. Ich denke an die aktuelle Problematik mit den Roma. Die EU ist menschlicher und hat auch eine Friedensmission.

Welche Signalkraft wird diese Vergabe haben?
Global gesehen haben alle ein Interesse daran, dass die EU diese Krise meistert. Der Entscheid wird sicher ein gutes Signal haben. Problematisch finde ich allerdings, dass der ursprünglich personenbezogene Preis so politisch global positioniert wurde.

Eigentlich ein politisches Statement?
Ja. Das war bei Barack Obama auch so. Es war eine Ermutigung für die USA, die Krise zu lösen. Der Nobelpreis ist als positive Energie zur Meisterung der Krise zu verstehen.

Welche Regierungschef hätte den Preis denn am ehesten verdient?
Das ist eine heikle Frage. Konservative Kreise würden wohl Angela Merkel vorschlagen. Alle spielen eine wichtige Rolle. Es ist vermutlich schon das Richtige, wenn man nicht die Bemühung einer Person auszeichnet, sondern die Union.

Im Vorfeld sagt Nicolas Sarkozy, gäbe es keine Europäische Union mehr, würde es Krieg geben. Wie beurteilen Sie seine Aussage?
Historisch betrachtet kann ich seine Aussage nachvollziehen. Gerade in Krisenzeiten hat die Union ihren Wert. Auch zukünftig wird diese politische Union eine wichtige Rolle spielen und für Stabilität sorgen.

Wer soll den Preis in Empfang nehmen?
Den Preis müsste ein griechischer Arbeiter, der seine Arbeit verloren hat, abholen. Oder ich denke an eine portugiesische Frau, die stellvertretend für alle die Auszeichnung in Empfang nimmt, die ihren Job in dieser Wirtschaftkrise verloren haben.

Wer war Ihr Favorit für den Preis?
Ich habe mir im Vorfeld keine Gedanken darüber gemacht, weil ich immer das Gefühl hatte, dass dieser Preis nie an die Leute geht, die ihn eigentlich nach Alfred Nobel verdient hätten. Ich kenne Aktivisten in Afrika, die in der Friedensförderung sehr aktiv sind und verfolgt werden. Solche Menschen an der Basis, die keinen Namen haben, sollte man eigentlich auszeichnen. Daher schlage ich auch zwei Friedensnobelpreise vor. Einen für Persönlichkeiten, einen zweiten für Menschen, die man eben nicht kennt. Viele Menschen, die ihr Leben täglich für den Frieden gefährden, werden zu wenig berücksichtigt.

Sie kritisieren also den Friedensnobelpreis?
Ja. Weil die Botschaft die falsche ist. Man sollte sich an der ursprünglichen Idee orientieren.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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