Die Berlusconi-Protokolle

Viele Italiener und Italienerinnen sind peinlich berührt von den veröffentlichten Protokollen der Gespräche zwischen Silvio Berlusconi und seinem Zuhälter. Was steht drin? Ein Auszug.

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Nina Merli@nmerli

Es sei höchste Zeit, dass Silvio Berlusconi «den Stecker rauszieht», denn das, was im Augenblick an die Öffentlichkeit komme, sei «eine Demütigung für alle Italiener». Nebst Pier Luigi Bersani, Chef der wichtigsten italienischen Oppositionspartei Partito Democratico (PD), scheint vielen weiteren italienischen Politikern hinsichtlich Berlusconi der Geduldsfaden gerissen zu sein. Grund für den Unmut sind die in verschiedenen Medien veröffentlichten Abhörprotokolle der Staatsanwaltschaft, die Gespräche zwischen dem Ministerpräsidenten Berlusconi und dem inzwischen verhafteten Gianpaolo Tarantini aufzeigen. Letzterer, ein Geschäftsmann aus Bari, hat dem Premier in den letzten Jahren regelmässig Prostituierte zugehalten. Die Zeitung «Corriere della Sera» druckte mehrere Seiten der Abschriften verschiedener Telefongespräche ab. Allerdings hätten sie die vulgärsten Passagen ausgelassen. Bernerzeitung.ch/Newsnetz zeigt einen Auszug der Protokolle.

23. September 2008

Tarantini ruft Silvio Berlusconi an, der sich über Rückenschmerzen beklagt, um ein anstehendes «Fest» zu besprechen und schlägt ihm vor, ein «Engelchen vorbeizuschicken, das Ihnen den Hexenschuss wegzaubert». Berlusconi:«Heute Abend?» Tarantini: «Wir sind sechs, ich und fünf Mädchen.» Berlusconi: «Super, ich bring meinerseits auch noch zwei, drei Mädchen. Dann lassen wir noch ein paar Sänger kommen, dazu die zwei kubanischen Sängerinnen und was meinst du, sollen wir noch Rosella anrufen? Die hat ein Mädchen am Start, das im Vatikan singt, die ist sehr gut. Und dann könnten wir auch Fabrizio del Noce, den Fiction-Direktor von Rai 1 einladen... dann spüren die Mädchen, dass da jemand ist, der die Macht hat, ihnen einen Job zu verschaffen.» Tarantini: «Bestens, perfekt.» Eine Stunde später meldet sich Tarantini noch einmal. Tarantini: «Herr Präsident, entschuldigen Sie, ich wollte nur sagen, dass Francesca angerufen hat, sie möchte wissen, ob sie zwei sehr süsse Freundinnen mitbringen kann?» Berlusconi: «Sind sie sehr schön?» Tarantini: «Sehr schön. Sie gehen in den gleichen Fitnessclub.» Berlusconi: «Dann ist doch gut. Männermässig sind wir du, ich, Carlo Rosella, der Medusa-Chef und Fabrizio del Noce. Alles Personen, die wem sie wollen einen Job geben können. So haben die Mädchen das Gefühl, Männer vor sich zu haben, die über ihr Schicksal entscheiden können. Der einzig Junge bist du, die anderen sind alt aber sie haben viel Macht.» Tarantini: «Sehr gut.» Berlusconi: «Ich hab noch zwei kleine Mädchen, die ich schon lange nicht mehr sehe, die eine ist Journalistin bei der Rai, eine Neapolitanerin, sehr nett, sehr süss. Das andere Mädchen ist eine 21-jährige Brasilianerin, die mir am Telefon vorgeheult hat, ich hätte sie vergessen, also habe ich sie eingeladen.»

1. Oktober 2008

Tarantini und Berlusconi haben schon mehrmals miteinander gesprochen, weil sie nach einem Fussballmatch eine After-Dinner-Party organisieren wollen. Tarantini:«Also, ich habe mit Carolina Marconi (eine italienischen «Big Brother»-Gewinnerin, Anm. der Red.) gesprochen und sie freut sich sehr. Und dann kommt eine Freundin von mir aus London, die sehr schön ist, blutjung, 21 Jahre alt, und dann vielleicht noch Graziana?» Berlusconi: «Ach nein, ich glaube im Moment ist es besser, wenn ich nur auf eine setze, es ist gerade ein ungünstiger Augenblick für mich, ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass sie mich diese Woche mit einem Haufen Terminen zudecken. Diese Woche ist schrecklich, unter anderem empfange ich am Samstagmorgen den Papst, am Nachmittag bin ich in Paris mit Sarkozy und der Merkel und Gordon Brown und am Sonntagabend spreche ich am Fest von Alleanza Nazionale... sieht wirklich schlecht für mich aus.»

5. Oktober 2008

Berlusconi prahlt über einen Abend in einem Mailänder Lokal. Berlusconi: «Hör dir meine Stimme an... ich hab bis halb sieben Uhr morgens durchgemacht... All diese Jungen um mich, die ich aufgemuntert habe, Unternehmer zu werden, ich habe ihnen eine Menge Sachen erzählt, über China und so und die sind alle an meinen Lippen gehangen – und an den Frauen à Go-Go!» Tarantini:«Wo sind Sie denn gewesen? Ah, im Eleven...» Berlusconi: «Die haben mir natürlich alles offeriert, Champagner ohne Ende, der Besitzer ist fast ausgeflippt, das war ja eine Sache, Brasilianerinnen, Russinnen, Italienerinnen.... Ich habe acht Telefonnummern von neuen Frauen! Leider ist jetzt kein guter Moment... kaum gehst du aus und machst etwas, dann Zack! Und erst in Neapel, du hast ja keine Ahnung, was dort abgeht, wenn ich nach Neapel gehe, bin ich inzwischen wirklich schon ein Heiliger. Wegen der Arcuri (eine Schauspielerin, Anm. der Red.) müssen wir allerdings einen anderen Abend finden, ich hab zu viele internationale Verpflichtungen... Jetzt muss ich nach Amerika.» Tarantini:«Dann sehen wir uns am achten.» Berlusconi: «Ja, am achten. Wenn du noch ein oder zwei oder drei Mädchen hast... aber bitte bring mir keine grossen Mädels wie der in Mailand sie liefert – wir sind beide nicht gross.» Tarantini:«Sie haben doch gesehen, wie meine sind!» Berlusconi:«Sie sollen alle wie Graziana sein!.» Tarantini:«Ist gut! Ich bringe ein paar, zwei oder drei...» Berlusconi:«Wir haben viele, aber dort hat es noch neue.» Tarantini:«Tja, dann übertreiben wir halt.»

26. November 2008

Berlusconi entscheidet sich spontan Tarantini und seine Freundinnen mit dem Präsidenten-Jet von Rom nach Mailand mitzunehmen. Berlusconi:«Gianpaolo, hör mir zu. Ich muss leider nach Mailand aufbrechen, weil mir da oben ein Schlamassel passiert ist und ich muss morgen extrem früh dort sein. Darum habe ich alle Programme geändert.... Wenn du willst, könnt ihr noch schnell vorbeikommen und ich spendier euch, was weiss ich, ein Eis.» Tarantini:«Sonst kommen wir mit Ihnen nach Mailand mit.» Berlusconi:«Willst du mit? Wenn ihr zusammen kommen wollt, das kann man machen.» Tarantini: (Wendet sich an die Frauen im Hintergrund) «Was ist, gehn wir nach Mailand. Im Flugzeug, mit ihm?» Die Frauen bejahen. «Gut, wenn Sie uns eine halbe Stunde geben, kommen wir mit.»

1. Dezember 2008

Eine Party steht an. Berlusconi und Tarantini besprechen die Gästeliste. Tarantini:«Ich wollte nur kurz bestätigen wegen morgen...Manuela kommt, mit ihrer Freundin Francesca, dann Luciana...» Berlusconi:«Dann sind wir ich, du, plus....» Tarantini:«Francesca, Manuela, Luciana, wir sind vier oder fünf. »

Die Namen von Francesca (Lana) und ihrer Freundin Manuela (Arcuri) fallen öfters in den Gesprächen zwischen Berlusconi und Tarantini. Manuela Arcuri nimmt im Februar 2009 in der Fernsehsendung «Le Iene» (Die Hyänen) in einem Fragespiel teil, wo sie sich jeweils über die sexuelle Leistung von ihren angeblichen Liebhabern äussert. Berlusconi ist enttäuscht über Manuela, die «wie eine Strassenschlampe» gewirkt hat. Berlusconi:«Zum Glück ist die nie hier geblieben, sonst müsste ich mich jetzt schämen, dass ich mit so einer Schlampe im Bett gewesen bin. Na dann – gelöscht.» Tarantini:«Was solls, es hat ja noch viele andere.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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